Ein Abgesang auf das positive Denken

An der Technologie-Konferenz TED in Berlin widerlegte der Ökonom Thomas Piketty den Optimismus der anderen Redner mit Daten.

Schrieb den unglaublichsten Bestseller des Jahres: Der französische Ökonom Thomas  Piketty. Foto: PD

Schrieb den unglaublichsten Bestseller des Jahres: Der französische Ökonom Thomas Piketty. Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als vor 30 Jahren die erste TED-Konferenz über die Bühne ging, konnte noch niemand den globalen Erfolg des Kürzels ahnen: Technology, Entertainment, Design. TED. Besser kann man die digitale Revolution nicht zusammenfassen – zumindest aus Konsumentensicht, denn die Schlüsselwörter Globalisierung und Vernetzung kamen erst später dazu und spiegeln eher die Interessen der Anbieter als jene der Nutzer. Ab 1990 gab es die TED jährlich, in Kalifornien natürlich, der Heimat der digitalen Weltmächte.

Mittlerweile ist die TED-Idee zum ­Virus mutiert, Lizenzen tauchen weltweit als TEDx-Veranstaltungen auf. Die Mutterkonferenz bleibt aber amerikanisch und super exklusiv: Für über 20'000 Dollar fühlen dort Geschäftsleute den Puls der Zeit oder was sie dafür halten, die restlichen Gäste werden handverlesen. In Berlin fühlte sich alles ruhiger an, als am Montag die erste echte TED-Kooperation im deutschsprachigen Raum stattfand. Der Tag hiess TED-Salon, für etwa 1000 Gäste etwas tiefgestapelt, und kann mit 200 Euro Eintrittsgeld als Schnäppchen gelten.

Schulfunk im Admiralspalast

Hier ist alles ein bisschen prolliger und doch historischer. Hier geht es um Geschichten, die Mut machen sollen. Und um Geschichte: Der Veranstaltungsort hilft mit, denn wir sitzen im Admiralspalast, einem alten Theater, in dem die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands gegründet wurde: die SED, welche die DDR 50 Jahre in den Ruin verwaltet hatte. Den Amerikanern im Publikum stehen die Münder offen, auch wenn der verdiente Historiker Hubertus Knabe für Ortskundige einen drögen, in keinster Weise TED-kompatiblen Vortrag hielt, aber immerhin über die «Stasi», die Geheimpolizei des DDR-Regimes. Technology, Entertainment, Design mussten kurz weg, der Schulfunk sprang ein.

Nun gibt es einen Europäer, der die Amerikaner selbst ausserhalb historischer Kulissen kirre macht. Auch, aber nicht nur mit Geschichte: Der Franzose Thomas Piketty hat den unglaublichsten Bestseller des Jahres geschrieben, erst in seiner Muttersprache, dann auf Englisch, und im Oktober erscheint «Capital in the Twenty-First Century» endlich auf Deutsch. Der Ökonom legt darin auf über 800 Seiten dar, wie soziale Ungleichheit entsteht und warum das Wachstum von einerseits Kapitalertrag und andererseits Einkommen so sehr auseinanderdriftet. Rund 5 Prozent Rendite auf grossen Vermögen, aber nur etwa 1 Prozent Lohnanstieg, das verschärft gesellschaftliche Spannungen.

Damit kommen wir, sagt Piketty, wieder in die Nähe der Situation vor dem Ersten Weltkrieg. Es folgte der Krieg, und dann noch einer – nebst der beispiellosen Katastrophe für die Menschheit haben diese Verwerfungen auch zu einer Vernichtung von Kapital geführt, was die Schere eine Zeit lang enger machte. Der Franzose referiert sein Buch rasend. Auch Piketty kümmert sich wenig um die TED-Konvention der Unterhaltung mit persönlicher Ansprache und emotionaler Verwicklung. Es wimmelt von trockenen Grafiken, das Tempo ist viel zu hoch, sein Englisch klingt fast wie Französisch. Aber egal, die Botschaft ist klar: not good!

Der 42-Jährige ist aus dem Stand auch in den USA zum Star avanciert, wo Superreichtum mittlerweile anders diskutiert wird als noch vor wenigen Jahren. Die Trickle-down-Theorie, die besagt, dass Reichtum von oben immer irgendwann nach unten sickert, ist nicht mehr ganz so populär. Pikettys Rezept gegen die soziale Schere, die den meinungs­machenden Mittelstand bedrohe, ist klassisches Old Europe – er fordert eine progressive Kapitalertragssteuer. Bruno Guissani, der europäische TED-Direktor, fragt kurz nach: Ist das nicht unrealistisch? Piketty wirkt siegessicher und ­referiert ungebremst weiter: Man habe sich vor 100, ja 20 Jahren manches nicht vorstellen können.

Nerds ohne Problembewusstsein

Damit spielt Piketty listig die Trumpfkarte des TED-Spiels, er inszeniert sich als Mann der Zukunft, nicht der Vergangenheit. Dass ihm dies mit einer sozio-ökonomischen Analyse gelingt – 20 Länder, drei Jahrhunderte – und er mit der Steuerforderung bei einer alten Pointe landet, macht seinen Erfolg umso faszinierender. Piketty zeigt aber auch die Grenzen der TED-Idee. Einig mit ihr geht er da, wo er mit riesigen Datenmengen arbeitet, die online einsehbar sind. Big Data ist ein weiteres Buzzword der Konferenz, zu dem «Economist»-Redaktor Kenneth Cukier nicht viel mehr einfällt, als dass mehr Daten immer besser seien als weniger Daten. Piketty zeigt, was mehr Daten ausrichten können.

Erstaunlich: Im Vergleich zum Alarmruf von Piketty wirken viele der Feel­good-Vorträge wie aus einer andern Zeit. Drohnen, ach, kein Problem, schaut, ich kann sie hier auch an der Leine führen wie zwei Hunde: Sergei Lupashin war lustig, aber halt auch nur ein Nerd ohne Problembewusstsein. Die ganze Tragweite des Vorbeiseins des positiven Denkens führen die TED-Habitués Hans und Ola Gosling vor: Mit Abstimmungen im Publikum und vielen Witzen über Affen und Bananen ventilierten die Clowns contre cœur irgendwann doch noch ihre Botschaft: Die Welt wird besser!

So was wirkt heute wie eine bunte Beruhigungspille inmitten des Breakdown. TED ist heute nicht mehr Avantgarde, schon gar nicht, was die frontale und fast unmoderierte Präsentationsform angeht. Und TED braucht Stars, die woanders zu welchen wurden. Wie Piketty.

Erstellt: 25.06.2014, 16:20 Uhr

Artikel zum Thema

Der Piketty-Schock für die USA

Never Mind the Markets Ausländische Ökonomen werden in den USA selten beachtet. Das Buch des Franzosen Thomas Piketty jedoch hat eingeschlagen wie eine Bombe. Es stellt das Grundverständnis der amerikanischen Gesellschaft in Frage. Zum Blog

Ein Franzose mahnt die Amerikaner zur Egalité

Analyse Ungleichheit ist ein amerikanisches Markenzeichen geworden. Nirgendwo schlug das gefeierte Buch des französischen Ökonomen Thomas Piketty deshalb wuchtiger ein als in den USA. Mehr...

Thomas Piketty stellt die Fundamentalfrage

Never Mind the Markets Der französische Ökonom hat einen Wälzer verfasst, in dem er den Kern der kapitalistischen Entwicklung untersucht. Er warnt vor einer Spaltung der Gesellschaft. Zum Blog

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Zum Anbeissen: Dieser Eisfischer in Peking versucht sein Glück mit mehreren Angeln. (7. Dezember 2019)
(Bild: Ma Wenxiao (VCG/Getty Images)) Mehr...