Ein Arzt mit Geltungsdrang

Unter den Händen von Conrad Murray starb Michael Jackson vor fast zwei Jahren. Popstar und Kardiologe haben viel gemeinsam: Schwere Jugend, Geldprobleme, Liebeswirren. Ende Monat steht Murray vor Gericht.

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Michael Jackson war ratlos. Er war vor den Medien nach Las Vegas geflüchtet, in eine fremde Stadt. Tochter Paris war krank. Die Achtjährige und ihre Brüder, Prince Michael (9) und Blanket (4), mussten in der Öffentlichkeit Masken tragen &endash zu ihrem eigenen Schutz, versicherte der Popstar. Welchem Arzt konnte er Paris anvertrauen? Ein Leibwächter wusste Rat. Dr. Conrad Murray kam zu den Jacksons ins Haus, ganz diskret.

Es war Ende 2006 und der «King of Pop» war so schwach, dass er sich im Rollstuhl herumschieben liess. 1,75 Meter gross, wog er kaum mehr als 50 Kilogramm. 2003 war er angeklagt worden. Er habe einen 13-Jährigen auf seiner Neverland-Ranch ausserhalb von Los Angeles missbraucht. Das öffentliche Interesse war riesig, jeder Gerichtstermin ein Medienereignis. Im Juni 2005 wurde «Whacko Jacko» («Durchgeknallter Jacko») freigesprochen. Aber er war am Ende, körperlich, psychisch, finanziell.

Der Kardiologe Murray hingegen strahlte Kompetenz aus. Ein ruhiger Riese, 1,92 Meter, 100 Kilo, ein Mann mit Charisma. «Dr. Murray war für Michael Jackson anfangs kein Arzt», sagt Edward Chernoff, Anwalt des Kardiologen. «Er war zuerst ein Freund. Michael Jackson behandelte ihn wie ein Mitglied der Familie.» Es wurde eine tragische Freundschaft.

2009 war Michael Jackson bereit für ein Comeback der Superlative mit dem selbstbewussten Motto «This is It». Fünfzig spektakuläre Shows in London, Hunderttausende Tickets in wenigen Minuten ausverkauft. Conrad Murray war sein Leibarzt für die Tournee. Am 25. Juni 2009, die Proben in Los Angeles waren fast abgeschlossen, war der Sänger nach einer schlaflosen Nacht wieder einmal verzweifelt. Er flehte seinen Arzt an und bekam, was er wollte: seine «Milch», das Betäubungsmittel Propofol. Er sank erleichtert in die Bewusstlosigkeit und dann in den Tod.

Ende September steht Conrad Murray in Los Angeles vor Gericht. Wegen fahrlässiger Tötung drohen dem 58-Jährigen vier Jahre Haft. Auch in diesem Fall ist das öffentliche Interesse enorm.

Aufstieg von unten

Wie immer das Verfahren ausgeht, Conrad Murray ist ruiniert. Kein Traumjob beim erfolgreichsten Popmusiker der Geschichte, keine 150 000 Dollar Monatsgehalt. Dabei ist Murray ein Mann mit Ambitionen. In Las Vegas eröffnete er nicht einfach eine Praxis, er gründete ein Unternehmen: Global Cardiovascular Associates – Globale Herz-Kreislauf-Partnerschaft. Der Name war Programm, auch wenn es vorerst nur einen Partner gab.

Aus ärmsten Verhältnissen arbeitete Murray sich zu einer Millionenvilla am Red-Rock-Golfplatz in Las Vegas hoch. 1953 auf der Karibikinsel Grenada geboren, wuchs er auf bei den Grosseltern, die einfache Kleinbauern waren. Mit sieben zog er zu seiner Mutter auf die benachbarte Insel Trinidad. Dort besuchte er die Schule, arbeitete als Primarlehrer und Versicherungskaufmann, verdiente sich das Geld, um Medizin studieren zu können.

Erst mit 25 lernte Conrad Murray seinen Vater kennen &endash in dessen Praxis in Houston im US-Bundesstaat Texas. Rawle Andrews aus Grenada liess die Mutter seines Erstgeborenen sitzen, um in den USA Medizin zu studieren. Er war ein angesehenes Mitglied der afroamerikanischen Gesellschaft, war zeitweise Vorsitzender des wichtigsten Verbandes schwarzer Ärzte der USA.

Murray folgte dem Vater, studierte Medizin am Meharry Medical College in Nashville, einem afroamerikanischen Eliteinstitut. In San Diego (Kalifornien) spezialisierte er sich zum Kardiologen. 2000 zog er mit seiner Frau, einer Studienkollegin, einem Sohn und einer Tochter nach Las Vegas. 2006 gründete Murray das Institut für Herz- und Gefässkrankheiten in Acres Home, jenem Armenviertel von Houston, in dem sein Vater bis zum Tod 2001 gearbeitet hatte. Seitdem pendelt der Kardiologe zwischen Nevada und Texas. «Er ist unser Arzt», sagt der Baptistenpfarrer Floyd N. Williams aus Houston, Patient und Vertrauter. «Er hat mein Leben gerettet. Wir stehen hinter ihm.»

Die grösste Schwäche: Frauen

Als Arzt und Wohltäter geniesst Murray Ansehen, aber seine Finanzen und seine Beziehungen sind ein einziges Chaos. Ärzte haben Schulden – sie müssen teure Geräte finanzieren, Personal bezahlen, Räume mieten. Conrad Murray hat seine Schulden nie im Griff gehabt. Die Gerichtsurteile gegen ihn füllen ganze Ordner. 700 000 Dollar Schulden hat er. Selbst die Kredite aus der Studienzeit stehen noch aus. Mit dem Energydrink Pit Bull versuchte Murray in Trinidad ein Geschäft aufzuziehen – ein Flop, der noch mehr Schulden hinterliess. Immerhin konnte er sich mit den jungen Frauen, die das Getränk an die Kundschaft bringen sollten, in der alten Heimat amüsieren. Junge Frauen – das ist seine grösste Schwäche. Er hat sieben Kinder von sechs Müttern.

In San Diego hatte Murray eine Affäre mit einer Krankenschwester, die einen Sohn von ihm bekam. Um seine Ehe zu retten, floh er nach Las Vegas. Aber der Neuanfang scheiterte. Im März 2009 wurde Murrays jüngster Sohn geboren. Dessen Mutter, die «angehende Schauspielerin» Nicole Alvarez (29), lernte der Arzt in einem «Gentleman’s Club» in Las Vegas kennen. Nach dem ersten Date gab er ihr einen Check über 3500 Dollar. «Ich habe das grosse Los gezogen!», jubilierte Alvarez später im Gespräch mit einem Freund.

Das war 2006, im Jahr, als Murray Michael Jackson kennen lernte. Auch der «King of Pop» konnte ein Lied singen von einer harten Kindheit, wirren Familienverhältnissen und katastrophalen Finanzen. Seine jüngste Krise begann 2003. Er hatte einem britischen TV-Journalisten fast uneingeschränkten Zugang zu seinem Leben gewährt. Das Ergebnis war ein Desaster. Der Film «Living with Michael Jackson» zeichnete ein Bild von einem weltfremden, von Kindern besessenen Musiker, der Dreizehnjährige in seinem Bett schlafen liess. «Das hat ihn umgebracht», sagte Dieter Wiesner, damals Jacksons Manager. «Vorher waren die Drogen nur eine Stütze, jetzt wurden sie eine Notwendigkeit.»

Es kam zur Anklage, zur Medienschlacht, zum Freispruch. Der angeschlagene Popkönig flüchtete – nach Bahrain, nach Irland, zuletzt nach Las Vegas. Wechselnde, nicht selten zwielichtige Berater versuchten, die Finanzen zu ordnen. Eine feste Show in Las Vegas war im Gespräch. Aber Jackson war zu schwach. Der Sänger sei oft unter Drogen und verwirrt gewesen, berichtete Jack Wishna, Produzent in der Casino-Stadt, der monatelang mit ihm verhandelte.

Die Rettung kam 2008. AEG Live, der zweitgrösste Konzern für Liveauftritte, war bereit, das Risiko mit Michael Jackson einzugehen. Ende 2008 kehrte er nach Los Angeles zurück, mietete sich das Pseudo-Château, in dem er starb – für 100 000 Dollar im Monat. Es gab ja wieder Geld. Aber alles &endash die 50 Millionen von AEG sowie die Hunderte Millionen Schulden des «King of Pop» &endash alles hing von einem einzigen Faktor ab: von Michael Jacksons Gesundheit.

Der Sänger selbst wünschte sich Murray als Leibarzt, aber der Kardiologe sagte nicht sofort zu. Er flog nach Houston, um sich mit Pastor Williams zu beraten. «Er hatte hier für fast nichts gearbeitet bei all diesen armen Menschen», erzählte Williams. «Er wollte endlich mal Geld verdienen.» Er gab Murray seinen Segen. Der Arzt schrieb seinen Patienten einen Brief: «Wegen einer Gelegenheit, die sich nur einmal im Leben ergibt, habe ich beschlossen, meine medizinische Praxis auf unbestimmte Zeit aufzugeben.»

«Als Murray zusagte, wusste er nichts von den Medikamenten, die Jackson einnahm», sagte Ed Chernoff, der Anwalt des Kardiologen. Erst später habe Murray begriffen, «dass Michael Jackson einige sehr ungewöhnliche Probleme hatte». Ans Aussteigen dachte Murray aber nicht. Er wies andere Mitarbeiter in ihre Schranken. «Dr. Murray hat mir gesagt, dass ich mich nicht wie ein Arzt oder Psychologe aufführen sollte», sagte Kenny Ortega vor Gericht. Der berühmte Choreograf der Comeback-Show machte sich Sorgen um die schwankende Kondition des Stars. «Wir sollten Michaels Gesundheit ihm überlassen.»

Das war keine einfache Aufgabe. Jackson litt an Vitiligo, einer Flechte, die auf seiner dunklen Haut helle Flecken verursachte. Deshalb schminkte er sich so stark und benutzte grosse Mengen Cremen, um dunkle Haut zu bleichen und eine gleichmässigere Tönung zu erreichen. Er litt an der Autoimmunkrankheit Lupus, die ebenfalls Hautveränderungen auslöst und lichtempfindlich macht. Darum trug er Hüte und dunkle Brillen und wurde oft von einem Leibwächter mit Sonnenschirm begleitet.

Stilikone Jackson hatte wenig eigene Haare, trug immer Perücken. Schönheitsoperationen hatten lästige Narben hinterlassen. Er litt oft an Schmerzen, die Folge von Stürzen während seiner langen Bühnenkarriere. Seine Lungen waren chronisch schwach. Am schlimmsten jedoch war seine Schlaflosigkeit. Zeitweise schluckte er Tabletten im Dutzend, um nachts zur Ruhe zu kommen. Seit Jahren war das Betäubungsmittel Propofol, eine weisse Flüssigkeit, seine letzte Zuflucht – seine «Milch». Das Mittel dürfen eigentlich nur Anästhesisten im OP einsetzen.

«Hallo, bist du da?»

Am letzten Abend seines Lebens probte Jackson einen vollen Durchgang des Konzertes &endash und war ganz der Alte, seine Mitarbeiter waren sprachlos vor Ehrfurcht. Aufgedreht kam er nach Mitternacht nach Hause, rief Murray in der Wohnung an, die der Arzt mit seiner Freundin und dem neugeborenen Sohn teilt. Schlief Murray schon? Quengelte das Baby? Mit dem BMW fuhr der Arzt zu seinem Patienten.

Es wurde für beide eine schlaflose Nacht. Valium, Lorazepam, Midazolam, nichts brachte Ruhe. Die Sonne war längst aufgegangen als Jackson seine «Milch» forderte. Murray sagte später, er habe versucht, den Popstar von dieser «Therapie» abzubringen. Doch gegen 11 Uhr gab er nach. Jackson musste wie ein Patient im Spital auf die Betäubung vorbereitet werden. Ein Tropf wurde eingerichtet, ein Katheter in eine Vene am Oberschenkel gelegt. Sauerstoff musste in der Nähe sein, denn die Atmung kann plötzlich aussetzen. Jacksons Urin musste abgeleitet werden &endash der betäubte Körper verliert die Kontrolle über die Blase.

Als Jackson endlich bewusstlos war, zog Murray sich mit seinem iPhone ins Badezimmer zurück, um E-Mails zu beantworten und sein kompliziertes Liebesleben zu managen. Mit einer Geliebten aus Houston telefonierte er gerade, als er entdeckte, dass Michael Jackson nicht mehr atmete. «Ich rief ‹Hallo, hallo, bist du da?›», sagte sie im Januar bei einer Voruntersuchung. Dann hörte sie nur noch Aufruhr. Noch während der «King of Pop» in den Tod sank, schrieb Murray ein E-Mail. Ein Makler aus London überlegte, ob er eine Rücktrittsversicherung für die Konzerte gewähren sollte. Er erkundigte sich nach Michael Jacksons Gesundheit. «Was die Presseberichte zu seiner Gesundheit betrifft», schrieb Murray, «sie sind, nach meinem besten Wissen und Gewissen, alle böswillig.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.09.2011, 15:44 Uhr

Der heute 58-jährige Conrad Murray war der persönliche Arzt von Michael Jackson. Nun ist er der fahrlässigen Tötung angeklagt. (Bild: Keystone )

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