Interview

«Ein Konstrukt der Zürcher»

Oprah Winfrey versus Bahnhofstrasse: Gesellschaftskolumnist Mark van Huisseling über Arroganz.

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Herr van Huisseling, wer ist arroganter – die Verkäuferin oder Winfrey?
Es gab eine kleine Fehlleistung seitens der Verkäuferin, klar. Aber erstaunlicher ist das Verhalten von Winfrey. Es ist schon ein bemerkenswerter Einblick in die Lebenswelt von Oprah Winfrey, den wir hier bekommen. Milliardärin, Unternehmerin, Fernsehkanalchefin mit 300 Angestellten oder so, und trotzdem findet sie diesen Vorfall, der nun fast zwei Wochen zurückliegt, noch immer TV-Interview-erwähnenswert. Obwohl sie ja über viel spannendere Sachen reden könnte. Über den Treibstoffverbrauch von Privatjets etwa oder über Kreditzinsen.

Könnte auch PR-Kalkül seitens Winfrey dabei sein?
Glaube ich nicht. Sie scheint wirklich erschüttert zu sein, dass sie in Zürich nicht erkannt wurde. Sie scheint die Lage schlicht falsch eingeschätzt zu haben.

Sie wirken überrascht.
Ja, es überrascht mich zuerst, dass sie wohl allein an die Bahnhofstrasse ging. Normalerweise hat eine Berühmtheit ihrer Grössenordnung für alle möglichen Dinge Assistenten zur Verfügung, natürlich auch zum Kauf einer Tasche. Sie hätte nicht auf ihr Gefolge verzichten sollen. Dieser Fall zeigt deutlich: Ein Prominenter ohne Gefolge hat wenig Ausstrahlung – von den raren Ausnahmen internationaler Topstars wie Rihanna oder Ronaldo abgesehen. Das hat Winfrey schmerzlich zu spüren bekommen.

Das sogenannte Täschligate wird nun von vielen als Anlass genutzt, die häufig beschworene Arroganz der Zürcher zu kritisieren. Können Sie das nachvollziehen?
Das Klischee des arroganten Zürchers ist ein Konstrukt der Zürcher. Die Zürcher wollen sich wichtiger machen, als sie sind, und behaupten deshalb ständig: «Wir sind für unsere Arroganz weltbekannt.» Aber das ist falsch. Die Zürcher sind nicht arroganter als andere. Und die Welt interessierts sowieso nicht.

Spielt Arroganz als Teil der Selektionsmechanismen in Edelboutiquen eine Rolle?
Alle guten Boutiquenleiter bläuen ihren Angestellten ein, dass jeder ein guter Kunde sein kann. Vielleicht hat der Unrasierte mit der kurzen Hose, der grauenvollen Frisur, der gerade mit seinen Flip-Flops den Laden betreten hat, ja gestern sein IT-Unternehmen für eine Milliarde verkauft, wer weiss? In Amerika sind sie da weiter. Da bekommt jeder, aber wirklich jeder, der sich im Hotel nach dem teuersten Zimmer erkundigt, eine Antwort. Bei uns hat man noch Vorurteile und meint, die im teuren Tuch seien immer die, die mehr Geld haben.

Arroganz im Dienstleistungssektor lohnt sich also nie?
Vielleicht am ehesten noch im Nachtclub, der sich interessanter macht, indem er eine verkehrte Weltordnung schafft, in der der Türsteher plötzlich den Massanzugträger mit Rolex nicht in den Club lässt. Anders siehts aufseiten der Industrie aus, da kann sich, sagen wir, Überheblichkeit durchaus auszahlen – eine Handtasche im Wert von 35'000 Franken ist ihren materiellen Preis natürlich nicht wert. Damit kauft man sich Status. Und das verwundert mich wiederum am Fall Winfrey: dass sie, die ja sehr viel erreicht hat, eine solche Tasche offenbar noch so nötig hat, dass sie sich darüber aufregt, wenn man sie ihr nicht mit Druck verkaufen will.

Kann jemand durch die Kultivierung von Arroganz sozial aufsteigen? Der Snob wurde ja lange von «sine nobilitate», «ohne Adelstitel», hergeleitet – verwendet von ehrgeizigen Studenten, die sich im Umfeld von Aristokraten behaupten wollten.
Das ist ein Klischee. Reiche und Mächtige finden sofort heraus, dass der unbekannte blasierte Typ an der Bar nicht der Sohn des Königs von Brunei ist – den würden sie kennen –, sondern bloss ein Journalist.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.08.2013, 16:56 Uhr

Mark van Huisseling (*1965) ist Gesellschaftskolumnist der «Weltwoche». In seinem Buch «How to Be a Star» (2008) geht er dem Unterschied zwischen Prominenz und Anonymität nach. Dieses Jahr veröffentlichte er das Buch «Zürich», in dem Huisseling Seele und Eigenarten der Stadt erkundet. (Bild: Tom Haller)

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