Ein Recht auf Belästigung?

Catherine Deneuve verwahrt sich gegen die allgemeine Kritik der #MeToo-Bewegung an übergriffigen Männern. Die Reaktion anderer Frauen ist heftig.

Séverine, die schüchterne Masochistin: Catherine Deneuve in «Belle de jour». Foto: Getty / Sunset Boulevard

Séverine, die schüchterne Masochistin: Catherine Deneuve in «Belle de jour». Foto: Getty / Sunset Boulevard

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Séverine lebt in Paris und langweilt sich in ihrer Ehe mit einem Mann, den sie liebt, aber nicht begehrt. Sie träumt davon, gefesselt, beworfen, geschlagen, ausgepeitscht, vergewaltigt und anderweitig gedemütigt zu werden. Heimlich sucht sie ein Bordell auf, wo sie den Namen «Belle de jour» annimmt und sich fremden Männern hingibt. Erst empfindet sie Abscheu, dann Faszination.

Trailer zu «Belle de Jour». Video: StudioCanal

Séverine, die schüchterne Masochistin, wurde 1967 von der französischen Schauspielerin Catherine Deneuve dargestellt. Luis Buñuel führte Regie, der spanische Surrealist, der die Fantasien und Begierden der Bourgeoisie freilegte, um ihre Heuchelei zu entlarven. «Belle de jour» erhielt den Goldenen Löwen von Venedig und löste, wie so viele von Buñuels Filmen, einen Skandal aus.

Ein Recht auf Belästigung

Fünfzig Jahre später hat sich Catherine Deneuve, heute 74, in die Sexismusdebatte um Harvey Weinstein eingemischt. Zusammen mit 100 französischen Schauspielerinnen, Künstlerinnen, Wissenschaftlerinnen und Journalistinnen verwahrt sie sich gegen die allgemeine Kritik der #MeToo-Bewegung an übergriffigen Männern. «Nous défendons une liberté d’importuner, indispensable à la liberté sexuelle», haben die Französinnen ihren Gastbeitrag übertitelt, den «Le Monde» am Montag veröffentlichte. «Importuner» meint belästigen, klingt aber höflicher.

Offizieller Trailer zu «Fifty Shades of Grey». Video: Universal Pictures UK

Also verteidigen die Frauen das Recht auf Belästigung als eine Bedingung für sexuelle Freiheit. Vergewaltigung sei ein Verbrechen, schreiben sie, aufdringliches Flirten nicht. Den Frauen und Männern von #MeToo werfen sie vor, eine Kampagne der Denunziation angefacht zu haben. Die beschuldigten Männer seien auf eine Stufe mit sexuellen Aggressoren gestellt worden, ohne sich verteidigen zu können.

Die Kampagne von #MeToo finden die Unterzeichnerinnen puritanisch.

Dieses Vorgehen, das die Französinnen als «Fieber» qualifizieren, dient ihrer Meinung nach «den Feinden der sexuellen Freiheit, den religiösen Extremisten und schlimmsten Reaktionären». Die Kampagne von #MeToo finden die Unterzeichnerinnen puritanisch.

Dass diese Kritik aus Frankreich kommt, passt zur Vorstellung einer libertären Haltung, die man mit dieser Kultur assoziiert. Aber das Unbehagen gegen die Pauschalisierungstendenz von #MeToo war auch in den USA zu vernehmen. Schon Mitte November warnte die lesbische Publizistin Masha Gessen im «New Yorker» vor Verallgemeinerungen. Sie würden die Grenzen zwischen Vergewaltigung, sexueller Nötigung und trunkenem, schlechtem Sex vermischen, schrieb sie – «mit der Folge, dass schlechter Sex kriminalisiert und Vergewaltigung banalisiert wird».

Der kastrierte Sex

Der Beitrag in «Le Monde» löste heftige Reaktionen aus. Es gehe hier nicht um Puritanismus, schreibt zum Beispiel die Kolumnistin Van Badham im «Guardian», sondern eben um die sexuelle Freiheit. Badham wehrt sich auch gegen die Unterstellung, #MeToo betreibe eine Hexenjagd. Eine solche sei in der Geschichte immer von den Starken gegen die Schwachen betrieben worden. Ausserdem seien die meisten der Gejagten Frauen gewesen.

«Un cincéaste de notre temps» mit Luis Buñuel. Video: OnuVanja

Ja, und jetzt? Geht der Streit in die nächste, eskalierende Runde mit wechselnden Beschimpfungen und offenem Ausgang? Oder ist nicht die Erkenntnis interessanter, wonach beide Seiten recht haben? Der Hang der #MeToo-Adeptinnen zu Pauschalvorwürfen und Vorverurteilungen ist indiskutabel, da muss man den Französinnen zustimmen. Dass Männer deswegen ein Recht haben sollen, Frauen zu belästigen, ist ebenso unhaltbar. Wenn eine Frau Grenzen setzt, hat der Mann sie zu akzeptieren. Und sich zu entschuldigen, wenn er sie missachtet hat.

Denn sexuelle Freiheit ist das Gegenteil von Zwang. Davon handelt auch «Belle de jour»: von der Freiheit der Fantasie. Buñuels Film hat übrigens wenig von seiner verstörenden Wirkung verloren. Im Vergleich dazu wirkt «Fifty Shades of Grey», der Film nach dem sadomasochistischen Bekennerbuch von E. L. James, bieder wie Globi im Zoo. Sex ohne Unterleib: Das kann es ja auch nicht sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.01.2018, 09:03 Uhr

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