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Ein Star ist wunderbar!

Reimt sich Journalismus noch immer auf Alkoholismus? Was sind die Killerbienen der Medienbranche? Was war der traurigste Tag in 16 Jahren «Tages-Anzeiger»? Ein Abschiedsgruss von Simone Meier

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Daran, dass ich heute gehe, ist der Bienenfilm schuld. Sie wissen schon, der Dokumentarfilm «More than Honey», der ja jetzt leider nicht für einen Oscar nominiert ist. Es gibt in dem Film das geschützte Heimatwerk fleissiger Superbienen aus kleinräumig tätigen Völkern, die andauernd von aussen bedroht werden. Denn die Bienenvölker von aussen sind stärker. Im Film gibt es einen amerikanischen Bienenzüchter, dessen verzärteltes amerikanisches Bienenvolk von afrikanischen Killerbienen bedroht wird. Doch anstatt die Killerbienen zu killen, entschliesst er sich für die radikale Adoption. Er ersetzt seine dahinsiechenden Amerikaner durch die fitten Afrikaner und erhält das ideale Bienenvolk.

Mein Liebesleben fragte mich gleich nach dem Abspann: «Was ist das Killerbienenvolk der Medienbranche? Das Internet! Geh ins Internet! Embrace the killer bee!» Und deshalb geh ich jetzt ins Internet. Zum Start-up-News-Unternehmen Watson.ch. Weit weg vom «TagesAnzeiger», bei dem ich als Print-Biene gross geworden bin und auch immer eine bleiben würde. Ich kenne mich: Man kann mir beim «Tages-Anzeiger» noch so sehr die Onlinearbeit schmackhaft machen – wenn es einen Weg des geringeren Widerstands gibt, dann nehm ich den.

Koitus aus Substanz und Stil

Wäre ich nämlich anders programmiert, so wär ich: erstens dünner und zweitens nicht Kultur-, sondern Politik- oder vielleicht auch Wirtschaftsjournalistin. Denn Kulturjournalismus ist im alltäglichen Tornado eines auf Neuigkeiten spezialisierten Betriebs ein wundervoller Winkel. Kein windstiller, das nicht, aber es gilt dort weniger das Gesetz der distanzierten journalistischen Objektivität. Ein Artikel soll vielmehr ein Koitus aus subjektiver Substanz und Stil sein.

Die Objektivität eines Kulturjournalisten liegt in der Erkenntnis, dass seine Meinung nie die einzig richtige ist. Wenn mir ein Film, ein Theater oder eine Ausstellung gefällt, kann sie einem andern mit genauso guten Argumenten missfallen. Kulturjournalismus ist sehr oft Interpretationssache. Die Tragödie des Kulturjournalismus ist die: Abgesehen von den Veranstaltern interessieren sich nicht rasend viele Leute dafür. Quote macht man mit schönen, tendenziell nicht ganz bekleideten Frauen, siegreichen Sportlern und richtig fetten Katastrophen. Das ist ein Reflex, der leider keiner Reflexion bedarf, leben heisst für die meisten Leser überleben, überlegen sein und Sex. Hätte Lindsey Vonn einen Sexunfall mit einem Siegerpokal . . . Verzeihung! Aber man wird sehr schnell sehr zynisch in der Medienbranche.

Versailles an der Werdstrasse

Die Momente, in denen ein Journalist seinen Zynismus oder auch einfach seine Abgebrühtheit ablegt, die sind selten: 9/11 war so ein Tag, so ein absoluter Schock. Oder der Tod von Christoph Schlingensief, dem heiss geliebten Selbstverschwender. Plötzlich war er stumm und tot und nicht mehr da, und selbstverständlich lag über ihn kein vorgeschriebener Nachruf im Safe. Nachrufe vorschreiben kann man nämlich nicht über Leute, die man liebt, das würde sich anfühlen wie Verrat. Aber ach, wie gut, dass so viele Prominente nicht wissen, mit welch besonders warmen Worten sie bereits in den Computersystemen der Redaktionen zur ewigen Ruhe gebettet liegen.

Überhaupt, Prominente! Sie sind ja das Salz in meiner Suppe, ich wurde, ich gestehs, süchtig nach ihnen, nach den integersten ebenso wie nach den schäbigsten, ich tu mir da nach 16 Jahren keinerlei Zwang mehr an, ich sag schon lang nicht mehr «wäh!» zum Trash-TV. Ob Kidman oder Katzenberger, in beiden lauert ein Stück shakespearescher Übergrösse. Man muss es als Medienmensch nur lange genug behaupten. Dann wird ein Star allmählich zur Erzählung und genauso sehr zum Kulturprodukt wie ein Film, ein Roman, ein Song. Ein Star ist wunderbar.

Bevor ich Anfang Januar 1998 beim «Tages-Anzeiger» anfing, arbeitete ich bei der WOZ, die damals den Werbeslogan hatte: «Man muss uns nicht mögen, aber lesen!», was ich ausserordentlich mochte, wie auch den Rest der WOZ, die inexistenten Hierarchien, die immer ein wenig provisorisch anmutenden Büros, den fleckigen Spannteppich, die Leute, ja sogar die Redaktionshunde.

Und dann kam ein Angebot vom Tagi, und ich, die ich ausser der WOZ und der «Zeit» sehr selten Zeitung las, hatte tatsächlich noch nie einen Tagi konsumiert! Was soll ich sagen, ich kam halt (noch) nicht aus Zürich. Meine WOZMenschen drückten mir ein paar Tagis in die Hand und zeigten mir mehrere Vögel. Ich schämte mich. Und erwartete an der Werdstrasse Versailles-artige Prachtentfaltung. Ich bekam: fleckige Spannteppiche, Redaktionshunde und sehr, sehr liebe Kolleginnen und Kollegen. Leute, denen ich schon seit Wochen nachweine, ehrlich.

Die Sache mit den Spannteppichen hat sich dann nach und nach erledigt, denn Versailles setzte ein, Tamedia wurde gefrässig, und ihr expansiver Appetit lässt sich bis heute nicht stillen. Büros wurden um- und neu gebaut, jedes war ein wenig schöner (aber auch kleiner) als das vorherige, der japanische Stararchitekt baute ein Stück Stararchitektur, feste Wände lösten sich in Glas auf, doch all die prächtige Betriebsamkeit half nichts: Weltweit war die Medienbranche in der Krise. Viel weniger Leute hatten viel mehr zu tun. 2008 arbeitete ich doppelt so viel wie 1998, es hat weiter zugenommen.

Das Whiskyglas aus «Mad Men»

Meine Mutter fragt mich regelmässig: «Du, sind Journalisten nicht alles Alkoholiker?» Ich würde meinen: Jein. Die wenigsten. Obwohl ein allgemeiner, eskapistischer Alkoholismus angesichts der Branchenkrise angemessen wäre. Früher, da waren Journalisten weitherum berühmt für ihren grosszügigen Durst, früher, als sie noch Zeit hatten für so was und nicht immerzu disziplinierte News-Verwertungsmaschinen sein mussten. Kein Wunder, ist die Serie «Mad Men» mit dem omnipräsenten Whiskyglas auf dem Schreibtisch unter Journalisten so beliebt. Und trotzdem. Und trotzdem.

Journalismus heisst, wahre Geschichten zu erzählen. Und nichts geht über das Geschichtenerzählen. Das hat uns Trudi Gerster gezeigt, und das zeigt uns die Sucht nach den TV-Serien, diese Fortsetzungsromane unserer Tage. Und so, wie sich das populäre Erzählen vom Buch zum Fernsehen hin verschoben hat, so tut es das gerade von der gedruckten Zeitung hin zur Internetplattform. Fragen Sie mich nicht, warum, es ist einfach so, die Menschheit verspürte bei aller Nostalgie noch nie den Drang, eine technologische Entwicklung rückgängig zu machen.

Wo der Redaktionshund wohnt

Und deshalb geh ich jetzt woanders hin. Nach rund 3000 Kantinenessen, 2200 Artikeln, 5 Ressortleitern und 4 Chefredaktoren. Ich gehe jetzt an diesen brandneuen Ort voller Abenteurer und Idealisten, wo die Hierarchien wieder flach und die Spannteppiche fleckig sind und wo auf der andern Seite meines Schreibtischs der Redaktionshund wohnt. Der Tagi wird gross bleiben, Watson.ch wird wachsen, beide brauchen dazu das Gleiche, nämlich Sie. «Embrace the killer bee!» Ich versuchs jetzt mal. Adieu. Und au revoir. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.01.2014, 08:28 Uhr

Simone Meier

Mit diesem Artikel verabschiedet sich Simone Meier (sme) von den Leserinnen und Lesern des «Tages-Anzeigers». Während 16 Jahren hat sie über Filme und Bücher, Superstars und Querdenkerinnen, kluge Theaterprojekte und TV-Trash, Kosmetik und Freilicht-Musicals geschrieben. So breit ihre Themen waren, so unverkennbar war die Art, mit der sie sie anpackte: ohne Berührungsängste und Beisshemmungen, spielfreudig und treffsicher in der Sprache wie in der Sache. Simone Meier wechselt nun zum neuen Internetportal Watson. (TA)

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