Interview

«Ein Verbot untergräbt die Autonomie der Sexarbeiterinnen»

Die Philosophin Susanne Schmetkamp über moralische Fragen im Zusammenhang mit der Prostitution.

«Eine bigotte Haltung in den bürgerlichen Kreisen gegen Prostitution gab es schon immer»: Nicole Kidman als Kurtisane im Film «Moulin Rouge».

«Eine bigotte Haltung in den bürgerlichen Kreisen gegen Prostitution gab es schon immer»: Nicole Kidman als Kurtisane im Film «Moulin Rouge».

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Frau Schmetkamp, ist ein Verbot der Prostitution aus philosophischer Sicht gerechtfertigt?
Ein Verbot ist dann gerechtfertigt, wenn Prostitution eine Missachtung der Würde und der Menschenrechte der Frauen darstellt.

Menschenwürde ist ein dehnbarer Begriff. Wann ist die Würde einer Prostituierten verletzt?
Wenn die Frau gedemütigt, ausgebeutet, und nur als Mittel zum Zweck oder als Ware betrachtet wird, die keinen Selbstzweck hat. Oder anders gesagt: Wenn sie in ihrer Selbstachtung verletzt wird. Immanuel Kant schreibt, dass die menschliche Würde keinen Preis habe und der Mensch somit keine Ware sei, die man gegen etwas eintauschen könne.

Ist Prostitution somit immer unmoralisch – oder nur dann, wenn die Frau gegen ihren Willen dazu gezwungen wird?
Wir müssen zwischen Zwangsprostitution und freiwilliger Prostitution unterscheiden. Zwangsprostitution ist wie jede Form von Zwangsarbeit philosophisch nicht zu rechtfertigen und unmoralisch. Die Frau wird gegen ihren Willen zur Befriedigung anderer instrumentalisiert und in ihrer Selbstachtung – wenn sie nicht autonom entscheiden darf – verletzt. Nach Kant ist aber auch das freiwillige Handeln der Frau, welche ihren Körper verkauft, unmoralisch, da sie sich auch selbst nur noch als Ware betrachtet. Sie würde demnach selbst ihre Selbstachtung verletzen. Kant ist in solchen Dingen rigoros. Seine Sichtweisen werden heute von einigen Feministinnen gerne ins Feld geführt.

Was ist Ihre Meinung als moderner, weiblicher Philosoph?
Wenn die Autonomie und die Bedingungen der Selbstachtung gewährleistet sind – das sind sie in vielen Fällen der Prostitution allerdings nicht –, dann ist Prostitution kein Verstoss gegen die Menschenwürde. Pauschal und klar für oder gegen ein Verbot aussprechen möchte ich mich aber nicht, da die Problematik zu ambivalent ist, als dass man sie eindeutig entscheiden kann, und weil ich persönlich Probleme mit so manchen Pauschalverboten habe, die in unserer Gesellschaft Einzug gehalten haben.

Ist eine autonome Entscheidung zur Prostitution mit einer Aufrechterhaltung der Selbstachtung vereinbar?
Dass Menschen ihren Körper zu Geld machen, ist ja nicht nur im Fall der Prostitution gegeben, sondern auch beim Fussball oder anderen Sportarten, beim Artisten ebenso wie beim Model. Wir würden sicher nicht schon deshalb davon sprechen, dass die betreffenden Personen dabei stets ihre Selbstachtung verlieren – wobei das bei mancher sexistischer Reklame durchaus zu diskutieren ist und auch diskutiert wird. Eine Gesellschaft, in der ein bestimmtes Frauenbild propagiert wird, ist problematisch, aber nicht sofort die Würde verletzend. Auch Toilettenputzerinnen oder Müllentsorger können durch erniedrigende Blicke und Kommentare gedemütigt oder durch schlechte Bezahlung in ihrer Selbstachtung verletzt werden, der Beruf als solcher ist aber erst einmal nicht die Würde verletzend. Ebenso wenig ist jede Instrumentalisierung problematisch, sondern erst dann, wenn dabei die Rechte und die Selbstachtung des anderen verletzt werden.

Ein Zuhälter handelt also nicht unmoralisch?
Ein Bordellbetreiber oder eine -betreiberin, die ihre Mitarbeiterinnen anständig behandelt und bezahlt, ist moralisch so lange kein Problem, solange man auch die freiwillige Sexarbeit für kein moralisches Problem hält.

Wird das Recht, über den eigenen Körper zu verfügen, durch die Sexarbeit eingeschränkt – oder eben erst durch ihr Verbot?
Wenn Sexarbeiterinnen gezwungen werden, so wird die Selbstbestimmung beschnitten bzw. verletzt. Aber auch mit einem Verbot schränkt man die Autonomie vieler Sexarbeiterinnen ein und spricht sie diesen ab. Denn es gibt Beispiele von Frauen, die ihren Körper selbstbestimmt und selbstbewusst zur Verfügung stellen und diesen Beruf gerne ausüben, ohne an Selbstachtung einzubüssen, eben weil sie selbst darüber bestimmen. Die Grenzen sind da nicht eindeutig zu ziehen. In der dritten Staffel der dänischen TV-Serie «Borgen», die das schwedische Verbotssystem diskutiert, wird das sehr gut thematisiert: Die dort auf eine politische Podiumsdiskussion bestellte Sexarbeiterin wurde noch nie so gedemütigt wie von jenen feministischen Politikerinnen, die ihr in der Diskussion keine Autonomie zusprachen, sondern sie als Opfer darstellten und für ihre politischen Zwecke instrumentalisierten. Zum ersten Mal, so erzählte die Figur danach, habe sie sich schmutzig gefühlt.

Laut Alice Schwarzer geschieht sämtliche Prostitution unter Zwang, da unsere Gesellschaft patriarchalisch sei, aber viele Prostituierte sich dessen nicht bewusst seien.
Natürlich ist unsere Gesellschaft immer noch patriarchalisch geprägt – trotz aller Entwicklungen in Sachen Gleichberechtigung im Beruf oder in Sachen «neue Väter», da ist noch viel zu tun. Aber es gibt genug Frauen, die autonom über ihr Leben entscheiden. Eine andere Sichtweise würde die Frauen nur in die Opferrolle drängen, sie würde den selbstbestimmten Frauen nicht gerecht. Es ist übrigens eine fast analoge Debatte, wie sie auch zum Thema Verschleierung von muslimischen Frauen geführt wird: Wo hört die eigene freie Entscheidung auf, wo fängt der Zwang an?

Welche Aufgaben kommen dem Staat bei der Prostitution zu?
Organisierte Kriminalität zu verhindern und den Frauen, die etwa aus Osteuropa hierher geschleppt werden, eine Perspektive zu bieten. Freier sollten bestraft werden, wenn sie ein solches System unterstützen, nicht nur, aber vor allem, wenn es sich um minderjährige Prostituierte handelt; wenn sie den Frauen Gewalt antun, sowieso. Moralisch machen sie sich mitschuldig, wenn die Frauen zur Prostitution gezwungen werden oder sich unter würdelosen Umständen, etwa in knapper Kleidung bei Eiseskälte auf der Strasse, darbieten müssen, denn die Freier profitieren von einem solchen System zum Beispiel in Form von unfairen Niedrigpreisen.

Steht hinter dem aufkeimenden Prostitutionsverbot eine neue Form der Bigotterie?
Eine bigotte Haltung in den bürgerlichen Kreisen gegen Prostitution gab es schon immer. Insgesamt ist natürlich unsere Gesellschaft freizügiger geworden, und das ist in vielerlei Hinsicht auch gut so. Eine neue Bigotterie würde ich das daher nicht nennen, eher eine Sensibilität für das Unrecht, das vielen Frauen dabei angetan wird. Ich würde aber in zwei Hinsichten von einer Doppelmoral in der Gesellschaft sprechen: Wenn auf der einen Seite Prostitution abgeschafft werden soll, zugleich aber ein antiquiertes Frauenbild gepflegt wird, das die Frau dem Mann immer noch als unterlegen betrachtet (wie man es oft in Werbungen und «romantischen» Kitschfilmen oder -romanen vorgestellt bekommt, über die sich nur wenige empören), und zweitens wenn umgekehrt Callboys toleriert werden, die ihren Körper verkaufen, in dem Fall aber an Frauen. Im Fall von Callboys werden diese häufig als autonome, «gestandene» Männer anerkannt, während die Frauen, die sie in Anspruch nehmen, als bemitleidenswert bedauert werden. Auch hier herrscht die übliche Asymmetrie in der Behandlung von Frauen und Männern. Konsequenterweise müsste man auch Callboys verbieten.

Sowie die Ehe – die man in gewissen Fällen ja als Langzeitprostitution interpretieren kann.
Es gibt zwar noch jede Menge antiquierte, asymmetrische Beziehungen, in denen die Männer das Geld verdienen und die Frauen mehr oder weniger abhängig sind, aber ob die Frauen dann tatsächlich im ökonomischen Tausch ihren Körper hergeben, wage ich zu bezweifeln. So viel sollte man doch auch Frauen in traditionellen Beziehungen zutrauen: Dass sie trotzdem selbstbestimmt sind und am Sex in der Ehe Spass haben – und nicht nur «Ehepflichten» erfüllen. Aber ja, die Frage, was Prostitution ist, ist eine spannende. Auch beim One-Night-Stand steht ja nur die sexuelle Befriedigung im Mittelpunkt. Häufig geht dem ein Date voran, bei dem einer der beiden bezahlt. Gibt die Frau sich her, weil sie einen Cocktail bekommen hat? Oder wird der Mann finanziell ausgenutzt, der den Cocktail bezahlt, dafür aber sexuelle Leistungen bekommt? Der Unterschied zur freiwilligen Prostitution besteht in solchen Fällen allenfalls darin, dass die beiden Beteiligten sich gegenseitig aussuchen, zum Beispiel nach Attraktivitätskriterien.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.11.2013, 09:00 Uhr

Die 36-jährige Philosophin Susanne Schmetkamp habilitiert derzeit in Basel. Daneben ist sie als freie Autorin tätig (u. a. für die «Zeit»). (Bild: Sandra Schuck)

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