Lässige Sünden

Ein Wölkchen namens Kindheit

In unserer Serie «Lässige Sünden» beichten Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Journalisten Kultursünden. Heute: «Die drei Fragezeichen».

Gehen Mysterien jeglicher Couleur auf den Grund: «Die drei Fragezeichen».


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Putzen Sie allein? Ohne Hilfe? Dann sind Sie, mit Verlaub, selbst schuld. Kluge Köpfe – oder, in diesem Fall: Hände – holen sich Unterstützung. Und zwar von Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews. Schliesslich übernehmen sie jeden Fall. Auch und vor allem dann, wenn er zur spezialgelagerten Sondersorte gehört.

Nichts verstanden? Dann gehören Sie ganz offensichtlich nicht zu uns treuen, von Kindesbeinen an begeisterten (mein Mann würde sagen: unrettbaren) «Drei Fragezeichen»-Hörspielkonsumenten. Nicht zu uns Fans jener ewig jungen Juniordetektive, die uns in den Achtzigern via Kassettenrekorder beglückten, in den Neunzigern via Walkman und heute halt via iPod, weil wir es uns auch als Ü-30 partout nicht nehmen lassen, mit detektivischer Unterstützung einzuschlafen, zu joggen oder eben: Frühlingsputz zu machen.

Kassette wenden, noch mal von vorn

Das Faszinierende (mein Mann würde sagen: Traurige) dabei ist, dass wir auch nach x-tem Abspielen nicht genug bekommen von den Fragezeichen – die im Übrigen nicht für zweifelhafte geistige Fähigkeiten stehen, sondern für Mysterien jeglicher Couleur, um es mal mit den Worten des rhetorisch nicht ganz talentfreien ersten Detektivs Justus Jonas zu sagen.

Von Überdruss keine Spur. Und das, obwohl in jeder der mittlerweile 179 Folgen mehr oder minder das Gleiche passiert, nämlich: das Knacken verschlüsselter Botschaften und/oder das Durchqueren von Geheimgängen und/oder das Überlisten intellektuell unterlegener oder vor lauter Gier sich selbst sabotierender Gegenspieler, selbstverständlich gefolgt vom finalen (mein Mann würde sagen: debilen) Gruppengelächter. Abspannmusik, Kassette wenden, noch mal von vorn.

Bequem wie eine Jogginghose

Nun mag man sich fragen, inwiefern das Einschlafen, das Joggen und das Putzen leichter fallen sollen, wenn dazu die drei Fragezeichen ermitteln. Tut es doch gar nicht. Aber es mutet immerhin so an. Warum? Weil man sich für die Dauer von dreissig bis neunzig Minuten zurückfallen lassen kann in dieses rosa-luftige Wölkchen namens Kindheit, in dem es noch keine Deadlines, keinen meckernden Chef und schon gar keine Smartphones gab. Dafür scheppernde Walkie-Talkies, Verfolgungsjagden auf Fahrrädern und die von Hoffnung durchflochtene Angst, es könnte allenfalls doch Gespenster geben.

Klar, das ist ebenso infantil wie die Hörspielhandlung vorhersehbar, die Machart dürftig und der intellektuelle Gewinn nichtig. Aber genau deshalb ja so verdammt bequem! Ein bisschen wie die verwaschene, ausgeleierte Jogginghose, in der ich mich allerhöchstens bis zum Briefkasten traue. Nicht sexy, aber leider geil. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.05.2014, 11:54 Uhr

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