«Ein bisschen weniger Respekt, bitte»

Vor 24 Jahren organisierte Marc Kelly Smith in Chicago den ersten Poetry-Slam der Geschichte. Heute tritt er in Zürich auf – und versucht dabei erneut, seine eigenen Regeln zu brechen.

Die Bühne ist offen, die Rede ist frei»: Marc Kelly Smith, Pionier des Poetry-Slams.

Die Bühne ist offen, die Rede ist frei»: Marc Kelly Smith, Pionier des Poetry-Slams. Bild: Sophie Stieger

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Herr Smith, Sie haben Hunderte von Slams organisiert und noch mehr gesehen. Gibt es gelegentlich noch einen Performer, der es schafft, Sie zu überraschen?
Das passiert in letzter Zeit selten, ehrlich gesagt. Ausser ich komme nach Europa, wo die Poetry-Slams noch viel offener und verspielter sind – und damit näher an ihren Wurzeln.

Inwiefern?
Als wir anfingen in den 80ern, wurde der Slam praktisch jede Woche neu erfunden. Ständig probierte jemand etwas Neues und brach bewusst die Regeln und Formen. In Europa sieht man das noch. In Reims habe ich erlebt, wie eine Gruppe von Slammern aus dem Publikum heraus die Bühne geentert und die Show übernommen hat. Eine Freude! Aber vor allem in den USA haben die Jungen aufgehört, das Format mit diesem anarchischen Geist immer wieder aufzubrechen.

Vielleicht haben sie zu viel Respekt vor den arrivierten Slammern.
Exakt. Verstehen Sie mich nicht falsch, es gibt in den USA viele herausragende Slammer. Das Problem ist, dass die Jüngeren sie nicht herausfordern, sondern kopieren. Poetry-Slam ist für viele heute eine Bühne, auf der sie den Sprung ins Fernsehen schaffen möchten. Sie wünschen sich nichts sehnlicher, als noch eine Celebrity zu werden.

Als Sie anfingen, richtete sich der anarchische Geist des Poetry-Slams vor allem gegen die alten Formen der literarischen Lesung. Sie lebten damals in der Southside von Chicago: Wurden Sie auch durch Rap und Free Jazz angestachelt?
Rap weniger, Jazz schon. Jazz ist meine Musik, und unsere Shows finden ja bis heute im Green Mill, einem Jazzclub, statt. Der wichtigste Einfluss war aber die Folkszene der 50er- und 60er-Jahre – diese Hootenanny-Idee der offenen Bühne, wo du mit einer Gitarre kommen und deine Lieder spielen konntest.

Der Folk war sehr politisch. Wie politisch ist Poetry-Slam heute?
Man könnte sagen, er sei zu politisch. Es gibt vor allem in den USA zu viele Slammer, die Parolen performen, die sie irgendwo gelesen haben. Das ist kein neues, das ist geliehenes Denken. Und es fordert das Publikum nicht heraus, denn das ist ja schon gleicher Meinung.

Als schnelles Format ist der Slam aber geradezu prädestiniert, das politische und gesellschaftliche Leben zu kommentieren.
Einverstanden, aber bitte nicht in den Worten der Politiker und Leitartikler.

Wie zeigt sich die aktuelle Wirtschaftskrise in den Slams?
Vorerst vor allem in sinkenden Zuschauerzahlen. Auf der Bühne ist sie noch nicht richtig angekommen. Das ist interessant, weil es bei 9/11, beim Krieg im Irak oder noch früher bei den Rassenunruhen nach dem Polizeiangriff auf Rodney King jeweils sehr schnell ging. Vielleicht dauert es jetzt länger, weil die Performer sowieso schon arm sind (lacht). Nein, im Ernst, es ist so, dass der Schmerz erst allmählich eingesetzt hat. Man beginnt erst zu realisieren, dass die Krise da ist, um zu bleiben.

Sie erwähnen 9/11. Wie reagierten die Slammer auf die Anschläge?
Am Sonntag danach hatten wir im Green Mill einen Slam. Ich war sehr nervös, aber was dann passierte, war grossartig: Wir hatten die Superpatrioten auf der Bühne, aber auch die, die fanden, es sei schon richtig gewesen, diese Türme zu zerstören. Der Abend war eine riesige Herausforderung für alle, die Spannung war enorm. Und genau darum geht es: Du musst auf der Bühne auch angreifbar und verletzlich sein. Sonst reden wir von Entertainment.

Vor ein paar Jahren rief ein Slammer in den USA indirekt dazu auf, George W. Bush zu töten. Ging das nicht zu weit?
Sagen wir es so: Wir sind damit davongekommen. Es ist im Slam schon so: Die Bühne ist offen, die Rede ist frei. Es ist das Publikum, das entscheidet, was es hören will und was nicht. Im Green Mill ermutigen wir die Leute immer wieder, die Performer auch mal von der Bühne zu buhen oder zu schreien.

Und, passiert das oft?
Gerade letzten Sonntag ist es bei uns zwei Performern passiert. Insgesamt aber kommt es zu selten vor. Ich war beispielsweise an einem Slam in Houston, und einer der Künstler tunkte ein Messer in Mayonnaise und ging damit in sehr bedrohlicher Art auf die Leute zu – nur auf Frauen notabene. Das Publikum hätte ihn stoppen sollen, und ich habe mich im Nachhinein geschämt, dass ich es nicht getan habe. Was für ein Arschloch! Die Rede ist frei, ja. Aber ein Performer muss wissen, dass es nicht geht, die Leute im Saal für seine egozentrischen Fantasien zu missbrauchen. Da möchte man auch dem Publikum manchmal zurufen: Ein bisschen weniger Respekt, bitte!

Oft wäre man schon froh, es würde nicht über jede mittelmässige Pointe lachen. Im deutschsprachigen Raum hat der Slam nicht das Problem, dass er zu politisch ist. Er ist zu humoristisch.
Das Publikum lacht nun mal gerne, das ist in jeder Kunstform so. Im Slam bedeutet das, dass du mit einer mittelmässigen Pointe durchkommst. Aber versuchs mal mit mittelmässiger Ernsthaftigkeit. Trotzdem, es ist möglich, und es passiert: Es gibt immer wieder diese Momente, da ein Slammer in die Seelen der Zuschauer eindringt und sie zum Beben bringt, und dann ist es totenstill im Saal. Aber um das zu schaffen, musst du gut sein. Sehr gut.

Kritiker sagen, solche Momente liessen sich nicht gegeneinander ausspielen und benoten, wie es der Slam tut. Warum irren sie sich?
Sie irren sich nicht. Das ist ja der Witz des Wettbewerbs – der ja übrigens nur eine Form von Poetry-Slam ist. Sehen Sie, ein Wettbewerb ist Drama. Und das gibt dem Publikum einen guten Grund, genau aufzupassen, was auf der Bühne passiert. Und es ist wirklich egal, wer am Ende gewinnt. Es ist recht selten, dass es der Beste ist.

Und dass das unfair ist, verbessert nur das Drama – wie im Sport.
Genau. Aber das ist eine dünne Linie, auf der man geht. Der Wettbewerb soll Spass machen, aber keine ulkige Travestie sein. Ich erinnere mich an einen Abend im Green Mill, als ich an einem Slam mit drei der besten Performer der USA die Punkte falsch zusammenzählte und den falschen Sieger kürte. Niemand beschwerte sich. Und das Schöne war: Wir hatten so einen guten Grund, den Wettbewerb zu wiederholen.

Trotzdem verabschieden sich immer wieder gute Slammer aus der Szene; sie sagen, sie könnten sich im Wettbewerbsformat künstlerisch nicht weiterentwickeln.
Ja, die Wettbewerbe sind nicht dafür gemacht, sich darin mehr als fünf, sechs Jahre herumzutreiben. Sie sind eine Bühne für Leute, die sonst noch keine Bühne haben: Da finden sie zu ihrer Stimme, und dann ziehen sie weiter. Der Poetry-Slam ist ein kurzfristiges Geschäft, fast in jedem Jahr kommt eine neue Generation. Häufig werden die Slams ja vom Typen gewonnen, der gerade um den Block kommt und etwas Neues mit dem Format anstellt. Das mögen die Leute. Aber das heisst auch, dass man nicht im Slam stecken bleiben sollte.

Sie sind seit 25 Jahren dabei.
Als Veranstalter, ja. Als Performer habe ich immer auch andere Dinge gemacht, neue Formen gesucht, um meine Texte zu präsentieren. Ich vergleiche meine Karriere immer mit der eines Jazzmusikers: Der braucht auch ganz viele verschiedene Gigs, um zu überleben.

Ist der Slam nach all diesen Jahren eine etablierte Kunstform?
Ich bin da sehr zerrissen. Einerseits mag ich, dass der Slam zu schönen Teilen immer noch im Untergrund ist. Es gibt ja immer noch genügend Leute, die sagen, das sei keine Kunst (lacht). Andererseits gab es grosse Konzerne wie MTV, die versucht haben, aus dem Slam ein kommerzielles Unterhaltungsformat zu machen. Slams werden heute von der Auto- oder der Versicherungsindustrie gesponsert, und sie finden an den grossen Literaturfestivals und an den Stadttheatern statt. An der Etabliertheit finde ich vor allem gut, dass wir mit Poetry- Slam an die Schulen gehen können.

Manche sagen, gerade in diesen Workshops werde Poetry-Slam gezähmt.
Wenn die Kids sich fürs Lesen und für Poesie interessieren, wenn sie lernen, sich auszudrücken, sich zu kritisieren, ist das doch toll. Und wenn ein solcher Workshop den Aussenseiternund Rebellen einer Schule dabei hilft, eine Stimme zu finden, ist es nicht das, was den Slam zähmt. Das passiert, wenn sie älter und konservativer werden und zu viel Respekt entwickeln. Wenn sie wie all die Millionen anderer Menschen anfangen, Dingen zu applaudieren, die sie im Grunde genommen langweilig finden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.12.2010, 20:06 Uhr

Marc Kelly Smith: Der Slampapi kommt

Marc Kelly Smith wurde 1949 in einem Ar-beiterviertel von Chicago geboren. Er war Bauarbeiter und schrieb mit 19 Jahren erste Gedichte. Ab 1984 veranstaltete er in einem Chicagoer Club eine Open-Mic-Veranstaltungsreihe, zwei Jahre später mit Freunden den ersten Poetry-Slam. Dieser verbindet Dichtung mit ihrer Live-Performance und findet in seiner bekanntesten Form als Wett-bewerb statt. 1986 zog der «Uptown Poetry Slam» in die Green Mill, wo er heute noch jede Woche stattfindet. Wegen seiner Pionierrolle wird Marc Kelly Smith auch Slampapi genannt. Er hat mehrere Gedichtbände, Bücher über Slam sowie CDs veröffentlicht.

Heute Abend tritt Smith am Zürcher Poetry-Slam-Festival im Schiffbau auf, be-gleitet wird er dabei vom Speak Easy Ensemble aus Chicago. Rund um seinen Auftritt um 19.30 Uhr findet heute Abend der eigentliche Slam statt. Morgen Abend geht das Festival dann mit dem Final (ab 21 Uhr) zu Ende. Marc Kelly Smith ist dabei in einem Gastauftritt zu sehen.(cf)

www.poetryslamfestival.ch

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