Porträt

Ein grosser Geist, verhaftet im alten Denken

Zwei Jahre nach der Biografie folgt jetzt eine Auswahl von Briefen, die Jean Rudolf von Salis (1901–1996) geschrieben hat. Sie zeigen den Historiker in seinen klugen und fragwürdigen Urteilen.

Seine Radiosendung «Weltchronik» von 1940 bis 1947 machte ihn bekannt: J. R. von Salis 1949 im Radiostudio Zürich.

Seine Radiosendung «Weltchronik» von 1940 bis 1947 machte ihn bekannt: J. R. von Salis 1949 im Radiostudio Zürich. Bild: RDB

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Der Historiker Jean Rudolf von Salis war ein grosser Briefschreiber. Aus rund 1000 Briefen hat sein nachgeborener Kollege Urs Bitterli zusammen mit Irene Riesen 171 ausgewählt. Sie stammen aus der Zeit zwischen 1930 und 1993 und erlauben einen Blick auf einen aussergewöhnlichen Schweizer Geist, der sich selbst als «Raisonneur in der lebendigen Comédie humaine» empfand. Das Auswahlkriterium war, Briefe aus seiner Privatkorrespondenz zu zeigen, die von allgemeinem Interesse sind.

Urs Bitterli, der von Salis als Student noch erlebt hat, ist auch der Autor einer Biografie, die vor zwei Jahren erschien und dezent, aber klar, an dem etwas verklärten Bild des grossen Geistes gekratzt hat. Er sieht von Salis als bedeutenden Historiker und aussergewöhnlichen Intellektuellen, der allerdings als Geschichtsforscher im alten Denken verhaftet blieb. Und als einen Mann, dem das Verständnis für neuere Strömungen abging (etwa die Sozialgeschichtsschreibung), der sich nur in der Welt grosser Namen zu Hause fühlte – ob persönlich oder als Wissenschaftler –, der schwer nachvollziehbar milde urteilte über das Dritte Reich, die Ermordung der Juden nur am Rande erwähnte und schon gar nicht kommentierte. Dessen legendäre wöchentliche Radiosendung «Weltchronik» von 1940 bis 1947 keineswegs der «beherzte Akt des Widerstands» war, als die sie später gerne hingestellt wurde.

Den Holocaust erwähnt er nicht

Leider präsentiert der Briefband von Salis nur als Verfasser, nicht als Empfänger. Im Anmerkungsapparat allerdings helfen die zwei Herausgeber dem Verständnis nach; nur schon dahinter steckt eine enorme Arbeit. Ob von Salis eine spätere Veröffentlichung seiner Briefe im Sinn hatte, weiss man nicht wirklich. Jedenfalls hat er immer Durchschläge gemacht, auch von seinen handgeschriebenen und persönlichen Briefen. Das Konvolut lagert zusammen mit seinem Nachlass im Schweizer Literaturarchiv.

Den Auftakt macht ein Brief an die Mutter («Mamali»), worin von Salis berichtet, dass der Berner «Bund» ihn als Korrespondenten in Paris beschäftigen will. Von Salis lebte dort seit 1926, weil er an der Sorbonne studierte und promovierte, und blieb bis zu seiner Berufung an die ETH 1935 als Professor für Geschichte. Der letzte Brief stammt vom Juli 1993, drei Jahre vor seinem Tod, und war an die Journalistin Klara Obermüller gerichtet, die gerade an einem Interview mit ihm in Buchform arbeitete («Dem Leben recht geben»).

Der Wille zum klaren Wort fehlt

Die Briefe aus den 30er- und 40er-Jahren spiegeln Bitterlis Befund aus der Biografie. Frappant ist, welch geringen Niederschlag NS-Staat und Weltkrieg – den er ja aufs Genaueste für seine «Weltchronik» verfolgte – in den Briefen finden. Persönlich scheint von Salis wenig berührt zu sein, den Holocaust erwähnt er nicht. Auch in seinen öffentlichen Äusserungen gab er sich betont zurückhaltend und bediente sich einer merkwürdig distanzierten Wortwahl. Später nannte er in einem Brief an NZZ-Chefredaktor Willy Bretscher die Jahre 1933 bis 1945 eine «verworrene Zeit». NS-Sympathien konnte man ihm wahrlich nicht nachsagen, aber der Wille zum klaren Wort fehlte ebenso, selbst wenn von Salis in der «Weltchronik» unter Zensurbedingungen arbeitete.

Jean Rudolf von Salis schrieb gern von Hand und entschuldigte sich, wenn er die Schreibmaschine verwendete. Er liess sich auf die Empfänger (und ihre Fragen) ausführlich ein. Die Briefe bezeugen, dass er gerne mit Menschen von Rang und Bedeutung umging. Es schmerzte ihn, dass es mit de Gaulle und Churchill nie zu einer persönlichen Begegnung kam. Wenigstens Adenauer, Schmidt und Kohl empfingen ihn.

Schon in der Biografie hatte Bitterli gefragt, ob von Salis je in der Metro oder in der Beiz gesessen oder ein Arbeiterviertel durchstreift habe. Mit Fachkollegen hatte er kaum Verbindungen. Er galt selber als Aussenseiter, und es waren nur wenige, wie Herbert Lüthy, ein ETH-Professor ihm ähnlich, die ihm zusprachen. Im Falle Lüthys wohl auch, weil er in ihm keine Konkurrenz erkannte. Carl J. Burckhardt verehrte er, fühlte sich ihm nahe auch von der Herkunft her. Mit Karl Schmid, der an der ETH Literatur lehrte, hatte er ein korrektes Verhältnis. Was erstaunlich ist, denn sein Brief an den Schulrat vor Schmids Berufung 1943 offenbart eine weniger noble Seite von Salis’: Mit Formulierungen, die übler Nachrede nahekamen, liess er sich über Schmids angeblich fehlende Qualifikation aus.

Die NZZ mochte er nicht

Am liebsten suchte er die Gesellschaft von Schriftstellern wie Thomas Mann, Fritz Hochwälder, Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt, Hermann Burger oder Adolf Muschg sowie von Journalisten wie Karl von Schuhmacher, Manuel Gasser, Dieter Bachmann oder Werner Weber. In diesem Kreis von Intellektuellen fühlte er sich wohl. Mit dem Zürcher Bürgertum hingegen konnte er nichts anfangen – zu viel Geld, zu wenig Geist.

Dass von Salis in Zürich nie heimisch geworden ist, ist ein Dauerthema in seiner Korrespondenz. Hier lebte er nur im Winter; den Sommer verbrachte er stets auf seinem Schloss Brunegg im Kanton Aargau. Und «richtig» zu Hause war er nur in Bern, wo er aufgewachsen war, oder in Paris. In Zürich fühlte er sich «einsam», schrieb von einer «komplizierten Stadt», blieb in der «bürgerlich-kommerziellen Welt» ein Fremder, klagte, das «politische Bürgertum» habe ihn nie akzeptiert (Brief an Hans Ulrich Jost).

Die Verkörperung dieses Zürich waren für ihn der Freisinn und dessen Zentralorgan, die NZZ – von ihm meist nur «die Firma» genannt –, zu der er nie ein gutes Verhältnis fand (und umgekehrt). Das hatte sicher auch damit zu tun, dass sich sein früher Wunsch zerschlug, in die Redaktion einzutreten – und wohl ebenso mit der entschieden kritischeren Haltung der NZZ dem NS-Regime gegenüber. Später dann störte ihn ihr ideologischer Kurs im Kalten Krieg, den er nicht teilte.

Von Salis, alles andere als ein kalter Krieger, war stets der Meinung, Abschottung sei gefährlicher als Kontaktnahme. Er sah einen antikommunistischen «Ungeist» aufkommen und wandte sich gegen «Verhetzung» und «Scharfmacherei», auch an hoher Stelle in Bundesbern. Er fürchtete die Verkümmerung der verfassungsmässigen Freiheit und meldete sich zu Wort, wo immer er sie gefährdet sah.

Deutliche Worte an Kurt Furgler

So setzte er sich zum Beispiel 1963 in einem Brief an den NZZ-Feuilletonchef Werner Weber sehr für Hans Magnus Enzensberger ein. Weber hatte dem einstigen Nazi Hans Egon Holthusen Platz eingeräumt für einen Verriss von Enzensbergers Essays. Von Salis seinerseits war tief beeindruckt von dem jungen deutschen Intellektuellen.

Und in einer Deutlichkeit, die nichts zu wünschen übrig liess, verwendete er sich gegenüber Bundesrat Kurt Furgler für chilenische Flüchtlinge der Pinochet-Ära, von denen der Bundesrat nicht mehr als 200 aufnehmen wollte. «Das Asylrecht ist ein Recht, nicht eine Polizeiangelegenheit», schrieb von Salis.Eine Figur mit vielen Facetten tritt einem in diesen Briefen entgegen. Persönliches freilich gab von Salis nicht preis, er fand das irgendwie ungehörig. Aber durch die kluge Auswahl der beiden Herausgeber wird von Salis dennoch fassbar.

Urs Bitterli, Irene Riesen (Hg.): Jean Rudolf von Salis. Ausgewählte Briefe 1930–1993. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2011. 392 S., ca. 54 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.07.2011, 08:04 Uhr

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