«Ein guter Schweizer zu sein, ist eine tägliche Herausforderung»

Komiker Massimo Rocchi plädiert für einen entspannten Umgang mit Ausländern und verurteilt die Angstkampagnen der SVP. Aber Schweizer zu sein, sei schon eine tägliche Herausforderung.

«Junge Schweizer, wie auch ich einer bin, bringen Neues ein», sagt Massimo Rocchi.

«Junge Schweizer, wie auch ich einer bin, bringen Neues ein», sagt Massimo Rocchi. Bild: zvg

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Was ist schwieriger, Schweizer zu werden oder Schweizer zu sein?
Massimo Rocchi: Am schwierigsten ist es, Schweizerdeutsch zu lernen – gopfertechel. Dabei ist das Schweizerdeutsch eigentlich sehr unschweizerisch, weil es sehr viele fremdländische Einflüsse aufgenommen hat und aufnimmt: Vom Italienischen bis hin zu Arabischen haben sie Elemente in den verschiedenen Mundarten. Interessanterweise gibt es eine Partei, welche die Weiterentwicklung der Dialekte bremsen möchte mit dem Hinweis, der fremdländische Einfluss nehme zu. Zudem ist es doch...

...aber wie erlebten Sie Ihre Einbürgerung?
Das ging relativ problemlos vor sich, es dauert halt ein bisschen, bis man den Antrag überhaupt stellen kann. Ich wurde sehr anständig behandelt, als ich dann das Gesuch eingereicht hatte.

Sind sie ein guter Schweizer?
Ja, natürlich.

Was macht einen guten Schweizer aus?
Das ist der Lokführer, der in Zürich beim Verlassen des Führerstands die Stange putzt, damit sein Nachfolger eine saubere vorfindet. Das ist die Lehrerin aus dem Emmental, die nicht gegen die Regierung rebelliert, sondern einen Verein gründet, weil sie mit dem heutigen Zustand unzufrieden ist. Ein guter Schweizer zu sein, ist eine tägliche Herausforderung.

Bei der man sich an die hiesigen Gewohnheiten anpassen sollte.
Die alten Schweizer sollten sich aber auch einem jungen Schweizer, wie ich einer bin, anpassen. Schliesslich sollten die Eltern auch von den Kindern lernen. Denn wir machen doch keine Kinder, weil diese genau gleich aussehen sollten wie wir. Neue, junge Schweizer, wie auch ich einer bin, bringen Neues ein. Schliesslich kann die Tradition nur existieren, wenn sie sich weiterentwickelt und offen für Neues ist. Sonst ist das wie ein Wachsfigurenkabinett – nett zum anschauen, aber tote Materie.

Sie sind eingebürgert und machen keine Probleme, dies im Gegensatz zu vielen ausländischen Mitbewohnern, die kriminell werden?
Jedes Mal, wenn neue Kulturen in die Schweiz kommen, gibt es gewisse Probleme. Das ist normal. Aber Leute aus Kosovo oder Spanien bringen wertvolle Werte mit, die wir nach ein paar Jahren nicht mehr missen möchten. Du kannst nicht jeden Tag Fondue essen, es ist doch schön, sich an einer Pizza, einem Döner oder chinesischen Reisnudeln zu erfreuen.

Ist das nicht etwas verharmlosend?
Lieber verharmlosen als aufhetzen. Es brennt nicht, und trotzdem wird Alarm ausgelöst. Die Schweizer Feuerwehr ist gut und wäre auch jederzeit bereit, zu löschen, gäbe es denn wirklich ein Feuer.

Brandstifterin in Ihrer Optik wäre demnach die SVP, welche mit der Ausschaffungsinitiative die kriminellen Ausländer härter anpacken will?
Die Schweiz hat doch keine faulen Richter, unaufmerksame Polizisten und schlechte Gesetze. Diese Initiative braucht es einfach nicht. Und schon gar nicht braucht es diese furchtbare Plakatkampagne mit den bösen Iwans und Mohammeds.

An diesen Kampagnenstil hat man sich zumindest in der Schweiz gewöhnt.
Die SVP arbeitet mit der Angst vor der Angst. Nicht reale Ängste, wie sie Kinder vor dem Dunkeln haben oder die Gazelle vor dem Löwen. Sie zeichnet ein Bild des bösen Ausländers, den es so gar nicht gibt. Ich versuche den Kindern doch die Angst wegzunehmen, damit sie ein befreites Leben führen können und nicht umgekehrt. Schürt man dauernd Ängste und präsentiert nur Scheinlösungen, bindet man zwar die Eingeschüchterten an sich, trägt aber nichts zu einer besseren Gesellschaft bei.

Trotzdem, viele ausländische Jugendliche werden gewalttätig.
Bis so guet! Was war das gewalttätigste Ereignis der letzten Zeit? Ein Schweizer Rentner, der im Kanton Bern die Bevölkerung verunsicherte, wild um sich ballerte und die Polizei an der Nase herumführte. Ich mag gar nicht mehr über diese blöde Initiative reden.

Schade.
Leider gibt es keine Versicherung gegen solche Idiotie. Ich versuche, die Leute zu entängstigen, das bringt viel mehr. Sie gehen nach meinen Vorstellungen glücklich nach Hause und haben nicht Angst vor dem angeblich so bösen Ausländer.

Dies, obwohl die Schweizer nicht gerade als humorvoll gelten.
Der beste Clown der Welt war Grock, und der war Schweizer. Jedes Jahr pilgert über eine Millionen Schweizer in Kleinkunstveranstaltungen, wo Humor geboten wird. Da kann es nicht so schlimm bestellt sein um den Humor der Schweizer.

Welchen Humor mögen Sie?
Ich bin gegen Humor à tout prix. Nehmen Sie die Kampagne «Lachen Sie, und Sie werden gesund». Das ist Blödsinn. Auch mit Witzen kann ich nicht viel anfangen. Ich liebe Geschichten mit unterhaltsamen und skurrilen Elementen. Lachen ist für mich Glück, ein wunderbarer Zustand.

Wie anstrengend ist es, Humor zu produzieren?
Theater ist kein Hobby, es ist harte Arbeit, die aber als solche für das Publikum nicht wahrnehmbar sein soll. Natürlich bin ich nach einem Auftritt müde, aber noch mehr erfüllt.

Wollten Sie schon immer in dieser Sparte Ihr Brot verdienen?
Als Kind wollte ich, dass man mich möglichst in Ruhe lässt, hatte dann grosse Probleme in der Pubertät. Mit 16 Jahren habe ich schliesslich einen Kollegen getroffen, der Theater spielte und dann war es um mich geschehen.

Wie lange kann man diesen Job machen?
Ich habe das Glück, dass viele junge Kräfte im meinem Umfeld sind, welche kein Blatt vor den Mund nehmen und auch harte Kritik üben. Das bringt mich weiter. Wenn es so weit sein sollte, dass ich denke, das Publikum wird an dieser und jener Stelle lachen, dann ist es aus. In meinem Job gibt es keine Versicherung. (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.11.2010, 18:00 Uhr

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