«Ein totaler moralischer Bankrott»

Der Fotograf Reto Camenisch findet harte Worte für die Schockfotos, die Jérôme Sessini an der Absturzstelle in der Ukraine aufgenommen hat. Und auch für die renommierte Agentur Magnum, die diese Bilder streut.

Dunkle Vorahnungen: So hat das «Time»-Magazin vor dem «aufwühlenden» Bildmaterial gewarnt.

Dunkle Vorahnungen: So hat das «Time»-Magazin vor dem «aufwühlenden» Bildmaterial gewarnt.

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Wir werden über Bilder reden, die wir hier nicht zeigen. Was sehen Sie, Reto Camenisch?
Die Absturzstelle des Flugs MH 17. Da liegen Wrackteile, Gepäckstücke, zu Tode gekommene Menschen, auch Kinder, zerfetztes Fleisch. Manche sind auf den Flugzeugsitzen festgeschnallt, auf einer Landstrasse liegt ein abgerissener Fuss. Man kann Gesichter sehen, eines aus nächster Nähe, andere Opfer sind wegen der Kleider identifizierbar. Und dann sind es Profiaufnahmen, formal und technisch brillant.

Warum sollte man solche Bilder nicht zeigen?
Es ist nicht verboten, Tote zu zeigen. Ich bin kein Freund fixer Tabus. Und Hinsehen ist eine journalistische Pflicht. Aber jeder halbwegs wache Fotograf wägt ab, erst recht bei Toten, was er damit anfängt. Es gibt das Recht der Öffentlichkeit auf Information, doch auf der anderen Seite steht das Empfinden der ­Betroffenen und auch das der Leser.

Was sagen die Bilder der Absturzopfer über diese Abwägung?
Dass sie nicht stattgefunden hat. Diese ­Fotos zeugen von der unkontrollierten Rohheit des Fotografen. Von einer Barbarei, die jede Grenze überschreitet.

Gemacht hat die Bilder ein französischer Kriegsfotograf: Jérôme Sessini, Jahrgang 1968, Mitglied der legendären Agentur Magnum. Er war als einer der Ersten am Ort. War es nicht das Naheliegendste, dass er die Dinge so fotografierte, wie er sie antraf?
Ich stelle mir vor, dass Sessini das tat, was Fotografen in solchen Momenten tun, um so etwas auszuhalten: Er hielt sich die Kamera vors Gesicht und begann zu fotografieren. Und zwar wie von einem Fieber getrieben. Man sieht es auch an der unglaublichen Menge der Bilder, die er produziert hat.

Er machte sich auch an den Sachen der Opfer zu schaffen. Auf einem Bild kann man die ganze Seite eines Tagebuchs lesen. Sessini schreibt dazu, er selber habe es geöffnet.
Umso schlimmer. Zumal er im Nach­hinein erklärt hat, er habe unter Schock gestanden.

Was hätten Sie an seiner Stelle getan?
Ich hätte wohl auf diese Bilder verzichtet. Auf jeden Fall hätte ich sie danach niemals freigegeben. Sessini hat ja auch unproblematische Bilder gemacht. Zum Beispiel das mit dem Abdruck, den ein Körper in einem Kornfeld hinterlassen hat.

Wieso ist das problemlos?
Das Bild zeigt die Dinge unmissverständlich, macht aber keine Opfer als Personen kenntlich. Es wahrt die Rücksicht auf die Toten und ihre Angehörigen.

Noch ein Bild, Sessini hat es in einem Haus in der Umgebung gemacht. Ein Passagier hat das Dach durchschlagen, durch das Loch fällt Licht auf die Leiche, die im Halbdunkel auf dem Boden liegt. Ebenfalls unproblematisch?
Ja. Das Foto ist drastisch, aber gelungen. Es vermittelt das ganze Grauen des ­Ereignisses, ohne dass man die Person identifizieren könnte. Darum geht es.

Auf Bildern von Beerdigungen erkennt man die Toten. Trotzdem stört man sich nicht daran.
Das hat doch wohl damit zu tun, dass man sie nicht mehr im Moment des Sterbens sieht, eines möglicherweise gewaltsamen Todes. Das sind dann auch keine Anblicke mehr, die den Angehörigen zusätzliches Leid zumuten.

Was können die Angehörigen im Fall Sessini/Magnum tun? Störung des Totenfriedens ist eigentlich ein Fall für die Justiz.
Ich würde behaupten, die Bilder wären schon lange vom Netz, wenn das eine amerikanische Airline und vor allem amerikanische Opfer gewesen wären.

Unmoralisch sei nicht das Zeigen, unmoralisch sei das Wegsehen, sagt Christoph Bangert, ein deutscher Fotograf, der neulich ein Buch mit Kriegsbildern von ähnlichem Kaliber veröffentlicht hat.
Bangert ist ein verdienter Fotograf, und gegen sein Buch lässt sich nichts sagen, weil es einen ganz anderen Kontext für solche Bilder schafft: Es mutet sie einem nicht unvorbereitet zu. Aber die Sache mit unserer eigenen Unmoral – das ist nicht mehr als ein toller rhetorischer Trick. Es ist überhaupt nicht unmoralisch, wenn sich jemand solche Anblicke nicht zumuten will. Die blosse Betroffenheit, die Schockbilder auslösen, ist nämlich nichts wert. Sie allein erzeugt noch keine politische Energie, keinen Willen zum Handeln. Sie gehorcht nur den ­Maximen einer entfesselten Medienökonomie.

Gerade ökonomisch funktionieren diese Bilder aber nicht – kaum eine Redaktion druckt so etwas ab. Irrtum vorbehalten: Bisher hat einzig das Magazin «Time» online Aufnahmen Sessinis publiziert.
Es gibt eben auch eine Ökonomie der Aufmerksamkeit, einen Markt für Marken. Dieser Fall handelt davon, mit welchen Mitteln sich ein Fotograf und eine Agentur ins Gespräch bringen wollen. Und was das Publizieren angeht: Es brauchte gar keine Presse, um Sessinis Bilder zu veröffentlichen. Dafür hat Mag­num gleich selber gesorgt: Auf der Website der Agentur kann sie sich jeder ansehen, der will – in guter Auflösung, ohne Passwort, mit einem einfachen Suchbegriff. Das ist schon ein Teil des Skandals.

Der andere?
Dass eine Agentur mit diesem Ruf und dieser Tradition für diesen totalen moralischen Bankrott verantwortlich ist. Magnum gilt bis heute als Olymp der Pressefotografie, aber auch als Instanz der Reflexion in der Branche.

Wenn man sich die Website von Magnum ansieht, ist vor allem von einem anderen Anspruch die Rede: von der Autonomie künstlerisch ambitionierter Fotografen gegenüber der Medienindustrie.
Aber genau dieser Industrie unterwirft man sich jetzt. Zudem hatte man bei Magnum früher auch noch einen moralischen Begriff dieser Autonomie: Die Gründer wollten einen ethisch hochwertigen, einen humanistischen Bildjournalismus. Davon scheint nichts mehr übrig geblieben zu sein. Hier geht es nur noch um fotografische Eitelkeit, visuelle Dezibelstärken, medialen Opportunismus.

Ist Magnum mehr als sein eigener Mythos?
Das frage ich mich. Jérôme Sessini hat seine Kriegspornografie in den letzten Jahren ja auch von anderen Schauplätzen geliefert, Haiti, Mexiko, Libyen, Syrien, zuletzt auch aus dem Krieg in der Ukraine selber. Und damit ist er nicht einmal die Ausnahme bei Magnum.

Täuscht der Eindruck, oder sehen Sie sich da als Fotograf um ein Vorbild betrogen?
Um einen romantischen Glauben an diese Instanz, das gebe ich zu. Dazu kommt allerdings die Signalwirkung des Falls: Wenn es Magnum so macht, dann bricht auch ein Damm. Dann ist die Bahn frei für die Abschaffung jeder Distanz.

2005 rügte der Presserat das NZZ- «Folio»: Es zeigte den abgerissenen Kopf einer Selbstmordattentäterin. Begründung der Rüge: Es gebe auch eine Menschenwürde der Täter. Ist das nachvollziehbar?
Auf jeden Fall. Menschenwürde ist etwas Absolutes. Sie gilt für alle.

Auch für Leute, denen Menschenwürde selber nichts gilt?
Das gibt keinem Fotografen das Recht, so jemanden ebenfalls zu entwürdigen. Wir haben nicht zu entscheiden, wer Menschenwürde verdient hat. Auch die Selbstmordattentäterin selber kann sie sich nicht nehmen.

Könnte es nicht sein, dass solche Bilder doch etwas nützen? Dass sie eine Aufmerksamkeit schaffen, an die sich politisches Interesse anschliessen kann?
Der Zweck heiligt die Mittel? Das ist mir zu gefährlich. Da müsste man zuerst den Vater in Holland fragen, der die verstümmelte Leiche seiner toten Tochter womöglich auf dem Cover einer Illustrierten sieht. Ich bin Fotograf, ich liebe diesen Beruf, aber es gibt Grenzen dessen, was Bilder dürfen. Und können.

Was können sie?
Wahrscheinlich weniger, als sich die Fotografen vormachen. Das Standardbeispiel aus der Schublade ist das «Napalm Girl» von 1972, das berühmte Foto mit dem Mädchen, das nackt und in Panik auf einer Strasse aus seinem brennenden Dorf flieht. Es heisst immer wieder, solche Bilder hätten den Vietnamkrieg beendet. Aber bewiesen hat das bisher niemand. War es tatsächlich so? Und wäre es heute noch so?

Sie bilden selber Pressefotografen aus. Was geben Sie ihnen mit?
Dass es nicht genügt, gute Bilder zu machen: Jeder Fotograf hat auch eine Verantwortlichkeit vor all denen, die seine Bilder unter Umständen zu sehen bekommen. Am Ende ist er allein, wenn er abdrückt, und das geht nur, wenn er sich über die Wirkung seiner Arbeit im Klaren ist. Ich hatte einmal eine heftige Diskussion mit dem grossen Richard Avedon. Jedes Bild gebe Auskunft über den Menschen hinter der Kamera, hat er gesagt. Ich war damals erst 28 und habe das erst später verstanden.

Fotografieren ist also eine Charakterfrage?
Bestimmt.

Sind Sie selber nie gescheitert?
Mindestens einmal bin ich vor einem Entscheid davongelaufen. Vor 25 Jahren, als ich zu einem Unfall in einen Strassentunnel am Thunersee gerufen wurde. Der Lenker war tot, er klebte an der Wand des Tunnels, ich kann es nicht anders sagen. Das war mir alles zu viel, und ich habe kein einziges Foto gemacht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.07.2014, 07:33 Uhr

Reto Camenisch

Der 56-Jährige ist freischaffender Fotograf in Bern und leitet den Studiengang Pressefotografie an der Schweizer Journalistenschule MAZ in Luzern.

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