Ein zärtlicher Blick auf die Frau

Viviane Sassen mag keine Mode. Und schiesst doch die besten Modefotos, wie eine neue Ausstellung im Fotomuseum Winterthur zeigt.

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Magische Kälte hängt im Raum. Ein Kühlraum bleicher Bilder. Hier ein Bein und dort ein Bein, ein Rücken und viele, viele Pospalten. Was ist das, ein surrealistisches anatomisches Institut? Und was wollen sie uns sagen, die Frauen in Einzelteilen? Nichts von dem, was wir erwarten.

Dafür vielleicht: Viviane Sassen war hier, die niederländische Modefotografin mit Hassliebe zur Mode, das Ex-Model als Konvertitin. Im Fotomuseum Winterthur tut sie, was sie am besten kann: Sie foutiert sich um jede Konvention und ignoriert jede Rezeption. Beziehungsweise jede Rezeptionsrezeptur. Das Ergebnis heisst «In and out of Fashion» und ist ein Nullsummenspiel – in dem Sinne, als darin das anarchistische Vorhaben steckt, die Modefotografie an den Nullpunkt zu führen, um dort wieder neu und fantasievoller zu beginnen.

Womit beginnen? Mit Bildern, die wie auf Speed gemacht sind und wirken wie Betablocker. Sassens Fotografien sind pure Auszeit fürs Gehirn, denn man denkt sich hierbei idealerweise gar nichts. Man stellt sich dumm und lässt die Sache auf sich wirken. Denn dieser «Sache» ist auf der inhaltlichen Ebene ohnehin nicht beizukommen, sie ist Spiel und nichts als ein Spiel; auf der formalen Ebene scheitert der Zugriff an unterschiedlichsten Genres und Stilen: desorientiert von zauberhaften Models in allen erdenklichen Körpertorsionen, von Stylistinnen und Maskenbildnerinnen und deren Experimentierlust auf dem Set. Frauen werden wie Origamis gefaltet, als Objekt grafisch aufgelöst oder in Landschaften eingepflanzt mit abgedecktem Gesicht.

Pure Illusionen

Wieso das? Viviane Sassen ist der Ansicht, Fotos mit erkennbaren Gesichtern würden vom Betrachter als Porträtfotografie gelesen. Und keine soll hier lesen können und keiner festlegen. Sassens freie Arbeiten – bunte, surreale Bilder aus ihrer Kinderheimat Ostafrika – wurden 2007 mit dem Prix de Rome ausgezeichnet. 2011 zog das International Center of Photography (ICP) nach und verlieh ihr den Infinity Award. Zwei Jahre später waren ihre Fotografien an der Biennale von Venedig ausgestellt. Das ergibt durchaus Sinn, denn so entschieden eigen und letztlich kongenial ist kaum eine andere zeitgenössische Fashionfotografin in Europa. Sassens Modebilder sind wie die Mode selbst, sind pure Illusionen und Veränderung in der Konstanz. Sie sind ein fliessendes, flüchtiges Ding, die den menschlichen Körper als blossen Anker nehmen für Licht, Textur und Schatten.

Was ist ein typischer Sassen? Ein Foto aus der Serie «Nudes on Journey» zum Beispiel, das einen verwundeten Baum zeigt; die Verletzung hat die Form einer Vagina. Man kann das mögen, muss aber nicht. Doch auch wenn man sich gegen solches konzeptuelles Kopfkino stellt, wird man zumindest die feministische Absicht loben, Mode als Herrschafts­instrument über den weiblichen Körper zu zeigen. Denn Sassens Blick auf die Frau ist zärtlich, beschützend, weich und schwesterlich verbündet. Wobei, ein bisschen Bondage ist immer dabei, doch das ist fesselnd – dieser kleine Schrecken von Gewalt, wenn sie leicht bekleidete Frauen im Gebüsch ablegt oder wie eine präparationstechnische Assistentin fein säuberlich zerlegt: Hand um Hand, Bein um Bein.

Sassen und ihr Mann, der Designer Hugo Timmermans, haben die Winterthurer Ausstellung eingerichtet. Mehr als 300 Bilder – kommissionierte Modefotografien ebenso wie freie Arbeiten – ergeben eine Retrospektive, die in Zusammenarbeit mit dem Huis Marseille in Amsterdam entstanden ist. Sassens Bilder für Missoni, Stella McCartney, Adidas, Miu Miu oder Louis Vuitton – oder für hochkarätige Mode- und Designermagazine, die in der Ausstellung aufliegen: «i-D», «Wallpaper», «Kutt», «Dazed & Confused» – sind keine Spur ortho­doxer als ihre freien Arbeiten.

Betrachter wird Model

Die Ausstellung legt das offen – wie sie überhaupt vieles offenlegt: Bilder zum Making-of zum Beispiel, aber auch Skizzenbücher und Agenden liegen aus; ­Notizbücher, in denen Sassen wie eine Filmregisseurin die Shootings zeichnet und beschreibt. Bis in die einzelnen Haltungen und die Sitzordnung der Models wird gedacht und vorbereitet. Die Frau als Werkstoff zur grossen Collage und Skulptur: «In and out of Fashion» könnte ebenso gut als Schau über Performing Art durchgehen oder als Schule der Anti­ästhetik, die jeden Fotografieanwärter nachhaltig desillusioniert.

Performing Art? Sie meint den letzten Ausstellungsraum, in dem Sassens der Mode entwöhnte Modebilder in einer begehbaren Videoinstallation das Laufen lernen: defilierende Models auf ­einer Art Laufsteg aus Sperrholz, Leinwänden und Spiegeln, ein Bilderfluss, zurückgeworfen auf uns selbst, den ­Betrachter. Da ist Mode physisch vorhanden, wir sind Teil von ihr und Teil des Bildes von ihr, das auch uns zu Models macht. Denn das ist ja das Glück und der Fluch an der Mode: Wir sind ihre Wärter und ihre Gefangenen.

Bis 15. 2. Katalog im Prestel-Verlag, ca. 65 Fr.

Erstellt: 19.01.2015, 19:26 Uhr

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