Eine Sambaschule wagt den Aufstand

Politik ist am Karneval in Rio verpönt. Die Schule von Mangueira will sich trotzdem exponieren. Ein Besuch.

Die Sambaschule Mangueira bei ihrem Auftritt im Sambódromo beim Karneval 2017.

Die Sambaschule Mangueira bei ihrem Auftritt im Sambódromo beim Karneval 2017. Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es gibt Dinge, die sollte man in Brasilien derzeit unterlassen. Dazu gehört, in einer angeheiterten Runde mit dezidierten Worten gegen den seit dem 1. Januar amtierenden Präsidenten Jair Bolsonaro auffällig zu werden. Es dürfte in einer hitzigen Diskussion enden – Handgreiflichkeiten nicht ausgeschlossen.

Das Land ist gespalten wie noch nie zuvor in den bald 200 Jahren seiner Unabhängigkeit. Entweder man ist für den rechtspopulistischen Präsidenten, der mit Polemik gegen die Minderheiten des Landes nicht geizt, oder man ist gegen ihn. Die Bolsonaro-Frage hat schon friedliche Familien in verfeindete Lager gespalten, Beziehungen und Freundschaften zerstört, sogar Tote hat es schon gegeben.

Ex-Präsident als Vampir

Da kommt der morgen beginnende Karneval gerade recht – könnte man meinen: eine Woche, in der man in Brasilien den Alltag und die Probleme ausblendet und sich dem Feiern im gleissenden Prunk hingibt. Die Bilder, welche der Karneval von Rio jedes Jahr produziert, sind sattsam bekannt: massenhaft Gold, Glitzer und Federboas, tanzende Menschen und jede Menge Silikon-unterpolsterte Haut. Für Politik war an der grössten Party der Welt lange Zeit kaum Platz. Erst in den letzten beiden Jahren waren offensivere Dar­bietungen zu sehen, in denen beispielsweise der damals amtierende Präsident Temer zum Vampir stilisiert wurde.

2019 geben sich die meisten Gruppen in Sachen Politik nun wieder auffallend zurückhaltend. Die Furcht ist zu gross, eines der politischen Lager gegen sich aufzubringen. Die meisten Sambaschulen flüchten sich deshalb in Motive aus der Fabelwelt oder beschwören die Kraft des positiven Denkens. Doch eine Sambaschule will sich diesem Trend widersetzen. Egal wie aufgeheizt die Stimmung gerade ist.

Die Basis der Rebellion ist eine Werkhalle im eigens für die 14 führenden Sambaschulen errichteten Stadtteil Cidade do Samba. Es ist die Schaltzentrale von Mangueira, einer der ältesten und erfolgreichsten Sambaschulen Rios. Sie vertritt den gleichnamigen Stadtteil, unweit des weltberühmten Stadions Maracanã gelegen. Mangueira findet man auf keiner Postkarte Rios. In der einst berüchtigten Favela, die in den Hügel Morro da Mangueira gebaut wurde, lebt die mehrheitlich schwarze Unterschicht Rios, jene Bewohner, die oft ein Leben lang vergeblich von «ordem e progresso» träumen, von «Ordnung und Fortschritt», der Losung, welche die Flagge Brasiliens ziert.

Es trifft die Aufmüpfigen grad besonders hart. Die Kampfeslust im Hause Mangueira ist angestachelt.

In der Werkhalle herrscht noch entspanntes Treiben. Zu Stosszeiten sind hier Hunderte Arbeiter mit der Produktion von karnevalesker Glorie beschäftigt. Hier werden übers Jahr die 3000 Kostüme der Teilnehmer geschneidert und die haushohen Figuren und Aufbauten gefertigt, die danach auf die beängstigend rostigen Schlepper montiert werden. Goldig ist hinter den Kulissen längst nicht mehr alles.

Die meisten Schulen, die dieses Wochenende im Sambó­dromo von Rio zum ultimativen Wettstreit antreten, stecken in finanziellen Schwierigkeiten, seit der neue Bürgermeister, Marcelo Crivella, die Subventionen für die Sambaschulen erheblich gekürzt hat. Aus persönlichen Gründen, wie viele glauben, weil der ehemalige Sektenpriester an den Paraden schon öfter Gegenstand von Spott und Häme wurde. Er selber gibt an, das Geld lieber in Kinderkrippen zu stecken.

Gesucht sind also Alternativen, um das ausschweifende Treiben querzufinanzieren: So gibt es mittlerweile sogar Führungen durch die einst streng geheimen Fertigungshallen, und kürzlich wurde der Organisator des Festivals Rock in Rio angefragt, ob er nicht einen Businessplan zur Privatisierung des Karnevals von Rio ausarbeiten könne. Früher liessen sich die Schulen bei der Wahl des jährlich wechselnden Themas noch gerne von potenten Sponsoren leiten. Firmen wie Volkswagen oder BASF traten als Geldgeber auf, weshalb die Tänzerinnen und Tänzer dann neben hüpfenden VW-Käfern oder auf schädlingsbefreiten Wiesen zu Themen wie Deutschland oder Landwirtschaft auf die Piste gingen.


Video: Farbenfroher Karneval in Rio (2018)

Im Sambadrom messen sich die besten Samba-Schulen. Video: Reuters


Als 2015 Schweizer Unternehmen wie Nestlé, UBS und Ruag den Karneval von Rio zu Werbezwecken nutzten und die Sambaschule Unidos da Tijuca aus der Favela Borel mit gehörig Geld eindeckten, kam es zu einem lustigen Missverständnis. Der Liedschreiber, der einen Sambaschlager zum Thema Schweiz verfassen sollte, verwechselte die Schweiz mit Schweden und reimte Borel auf Nobel. So wurden im Sambódromo von Rio – der Hauptbühne des Karnevals – halt behelfsmässig Schweizer Nobelpreisträger betanzt.

Doch Sponsoren sind in der Krise gerade schwer zu finden. So dramatisch soll die finanzielle Lage mittlerweile sein, dass in den letzten Monaten gar mit Streik und Absage des Karnevals gedroht wurde. Dazu passt auch die Verhaftung des Präsidenten von Mangueira letzten November: Er soll seine Schule mit Geldern einer kriminellen Organisation mitfinanziert haben. Und vor zwei Wochen wurde auch noch der Hauptsänger von Mangueira während der Proben im Sambódromo verhaftet – wegen ausstehender Unterhaltszahlungen. Es trifft die Aufmüpfigen also gerade besonders hart. Die Kampfeslust im Hause Man­gueira ist angestachelt.

Dunkle Flecken beleuchten

Während eine Touristengruppe in der Werkhalle den hauseigenen Cachaça degustiert und von einer Vortänzerin Lektionen in Samba erhält, erklärt der Marketingmanager Bruno Tenório das Thema der diesjährigen Man­gueira-Parade: «Wir werden auf die dunkelsten Flecken der brasilianischen Geschichte hinweisen», sagt er und trinkt einen kräftigen Schluck Caipirinha.

Ihr Umzug werde jene Kämpferinnen ehren, für die bisher noch keine Statuen errichtet worden seien: die vergessenen, schwarzen Frauen, die sich gegen Sklaverei, Militär­diktatur und soziale Ungleichheiten aufgelehnt hätten und zum Schweigen gebracht wurden. Deivid Domênico, der den dazugehörigen Song geschrieben hat, erklärt seine Ambition so: «Die Geschichte Brasiliens wird als Geschichte eines friedlichen Volkes erzählt, das von den Eliten Segnungen erhalten hat. Tatsächlich sind wir ein Volk, das darum gekämpft hat, die Ungleichheiten und Vorurteile zu überwinden. Wir sind ein rassistisches, machistisches, elitäres Land. Diese Geschichte wollen wir nun erzählen.»


Bildstrecke: Die Tänzerinnen sind wieder los (2016)


Thematisieren wird Man­gueira auch die Ermordung der linken Politikerin Marielle Franco. Die lesbische afrobrasilianische Stadträtin Rios starb am 14. März 2018 mit ihrem Fahrer im Kugelhagel. Dringend des Mordes verdächtigt wird eine Bande, die Franco politisch zu bekämpfen trachtete: die Milizen – paramilitärisch organisierte Gruppen von ehemaligen, teils noch aktiven Polizisten, Gefängniswärtern und Militärs, die grosse Teilen der Favelas beherrschen und deren Kontakte bis weit in die Politik reichen sollen. So stellte sich heraus, dass die Mutter des Hauptverdächtigen bei Flávio Bolsonaro, dem ältesten Sohn des Präsidenten, im Sold stand.

Wenn im Sambódromo von Rio am Wochenende also eine Ode auf Marielle Franco, auf Dandara oder Leci Brandão ertönen wird, dann ist das auch ein politischer Angriff auf die mächtige, weisse Elite des Landes. Das dürfte hitzige Kontroversen auslösen. Doch im Grunde ist der Auftritt von Mangueira vor allem eine Rückbesinnung auf die Wurzeln des Sambas, der bis 1937, wie jedes andere Kulturgut der Schwarzen, verboten war. Der Samba, diese rhythmusmächtige Tonspur des Karnevals, ist in seinem Ursprung eine musikalische Klage gegen den Rassismus.

Erstellt: 28.02.2019, 20:33 Uhr

Artikel zum Thema

Religiöser Bürgermeister schwänzt Rios Karneval

Sexy Outfits und heisse Musik: Für den neuen, konservativen Bürgermeister von Rio de Janeiro ist die berühmteste Party Brasiliens zu anzüglich. Mehr...

Den Samba austreiben

Der ehemalige Teufelsaustreiber und heutige Bürgermeister von Rio de Janeiro hat eine Kürzung der Mittel für die Sambaschulen angekündigt – die Bewohner der Stadt sind ausser sich. Mehr...

Karneval-Wagen fährt in Menschenmenge

Ein schwerer Unfall hat den Höhepunkt des Karnevals in Rio de Janeiro überschattet. Der Wagen einer Samba-Schule geriet ausser Kontrolle. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Mit Augenringen: Kinder präsentieren in der Shougang-Eishockey-Arena Bing Dwen Dwen das Maskottchen der Winterspiele 2022 in Peking. (17. September 2019)
(Bild: Xinyu Cui/Getty Images) Mehr...