«Eine mit Tüchern behängte Puppe»

Die britische Booker-Prize-Gewinnerin Hilary Mantel kritisierte in einem Essay die mediale Darstellung Kate Middletons. Die Boulevardpresse stürzt sich mit Genuss auf den «Zickenkrieg».

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Man kann die königliche Familie nicht ungestraft mit Pandas vergleichen – hübsch anzusehen, aber teuer in der Haltung und schlecht angepasst an die moderne Umwelt –, und sei der Vergleich noch so treffend und sei man eine noch so hoch dekorierte Schriftstellerin. Vor allem aber kann man als Frau nicht einfach Kommentare über eine andere, jüngere und bekanntere Frau wie die Herzogin von Cambridge, die Königin der Herzen und der britischen Boulevardpresse, machen, sie als Kleiderständer, Gebärmaschine und Roboter beschreiben, ohne den Volkszorn auf sich zu ziehen.

Wellen der Empörung

Genau das aber hat die britische Schriftstellerin Hilary Mantel getan. Die oben erwähnten Bemerkungen sind Teil eines brillanten 4800-Wörter-Essays über die britische Monarchie. Darin reflektiert die auf historische Romane spezialisierte Mantel über das Verhältnis der Briten zu ihren Royals im Allgemeinen und über das der Boulevardmedien zu Kate Middleton im Besonderen. Sie reflektiert darüber, wie die Frauen aus Königshäusern mehrheitlich wahrgenommen wurden und werden, von Marie Antoinette, die vor allem über ihre Frisuren definiert wurde, bis Kate Middleton, «eine mit verschiedenen Tüchern behängte Puppe».

Mantels Text ist nicht bösartig, sondern mitfühlend, nicht auf eine Schlagzeile zu reduzieren, sondern komplex, er ist nicht dumm, sondern er regt zum Denken an. Doch so etwas lässt sich boulevardmässig nicht verkaufen. Mantels komplexe Analyse wurde also kurzerhand zum persönlichen Angriff auf die Prinzessin umgedeutet, obschon Mantel sich nicht zu Kate Middletons Person äussert, sondern ihre mediale Darstellung beschreibt. Die Simplifizierung sorgte denn auch zielsicher für Wellen der Empörung, «bösartig und giftig» habe sich Mantel über Middleton geäussert, der Essay sei eine einzige «Schimpftirade», so hyperventilierte die «Daily Mail».

Lust am Spektakel der Oberflächlichkeiten

Auch der Premier persönlich sah sich genötigt, sich dazu zu äussern. David Cameron liess es sich, obschon gegenwärtig gerade auf Staatsbesuch in Indien, nicht nehmen, Mantels Beobachtungen als «fehlgeleitet und komplett falsch» zu bezeichnen. Was vor allem beweist, dass Cameron sich nicht die Mühe nahm, Mantels Text auch bloss zu überfliegen. Und das entbehrt nicht einer besonderen Ironie, da Cameron damit genau die Thesen Mantels bestätigt. Ihr Text nämlich beschreibt nicht nur die Tendenz, weibliche Royals auf ihr Aussehen und ihre reproduktiven Organe zu reduzieren. Vor allem lässt er sich auch als Kritik der grassierenden Lust am Spektakel der Oberflächlichkeiten lesen, von welchen Boulevardmedien leben.

Ein ebensolches Spektakel wurde daraufhin inszeniert, von der trashigen «Dailymail» bis zum liberalen «Independent» gab es kaum ein Blatt, das sich die Schlagzeile um den «Zickenkrieg» zwischen der Prinzessin und der Autorin nehmen liess. Abgehandelt wurde dieser, wie könnte es anders sein, an den «Looks» der beiden Frauen, beziehungsweise ihren reproduktiven Fähigkeiten. Mantel, so vermuteten Kommentatoren und Kommentatorinnen, bezeichne Kate nur deshalb als «schmerzhaft dünn», weil sie selber dick sei, und sie kritisiere nur deshalb die Berichterstattung über Kates Schwangerschaft, weil sie selber keine Kinder bekommen könne. Damit wurde Mantel genau jene Rosskur zuteil, welche sie in ihrem Essay anprangert. Nämlich dass adlige Frauen durch die Jahrhunderte hindurch auf ihre Erscheinung reduziert, aufgrund ihrer modischen Vorlieben beurteilt und dazu benutzt wurden, Politik persönlich zu machen. So schreibt Mantel über Marie Antoinette: «Nur ein Körper ohne Seele, ohne Gefühle, ohne Empfindsamkeit. (…) Sie konnte nicht gewinnen.»

Die Reaktionen auf Mantels Text samt dem inszenierten «Zickenkrieg» zwischen der Intellektuellen und der Prinzessin beweisen nur, wie recht die Autorin mit ihrer Analyse hatte.

Erstellt: 20.02.2013, 14:28 Uhr

Hilary Mantel gehört zu den renommiertesten britischen Schriftstellerinnen und ist zweimalige Gewinnerin des Booker Prize.

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