«Er ist der Forrest Gump der amerikanischen Politik»

Der jüdische Komiker, Sänger und Krimiautor Kinky Friedman mag die ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush und Bill Clinton sehr. Von Barack Obama hält er hingegen wenig.

«Ein Charlie darf nur jemand sein, der weiss, was Freiheit bedeutet»: Kinky Friedman sinniert. Foto: Fabian Unternährer (13 Photo)

«Ein Charlie darf nur jemand sein, der weiss, was Freiheit bedeutet»: Kinky Friedman sinniert. Foto: Fabian Unternährer (13 Photo)

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Sie sind zum ersten Mal seit zwanzig Jahren wieder in Deutschland ­aufgetreten, was hat sich verändert?
Meine Einstellung. Noch beim letzten Mal fiel mir das Auftreten in deutschen Städten schwer. Dieses Land ist im Blut getränkt. Dabei war mir ja schon damals klar, dass die Leute im Publikum nichts dafür konnten, was Hitlers Leute den Juden und so vielen anderen angetan haben. Auf dieser Tour fällt mir am meisten auf, wie jung das Publikum ist und wie stark es reagiert.

Worauf denn?
Ich lese an meinen Konzerten einen Text über meinen Vater, der als Navigator auf einer B-52 Dutzende Einsätze über Deutschland flog. Ich wusste nicht, wie das deutsche Publikum darauf ansprechen würde. Einige im Saal haben geweint. Nachher kam ein Zuschauer zu mir und sagte, sein Vater sei deutscher Kampfpilot gewesen, habe nach dem Krieg kaum je über die Erfahrung geredet und sie auch nie überwunden. Solche Begegnungen haben mich gerührt. Aber noch seltsamer war eine österreichische Erfahrung.

Nämlich?
Nacheinander die Geburtsstädte von Wolfgang Amadeus Mozart, Adolf Hitler und Arnold Schwarzenegger abzufahren.

Ach so. Um bei Europa zu bleiben: Was taten Sie gerade, als Sie von den Anschlägen in Paris erfuhren?
Ich war Interviewgast in einer Fernseh­show, dessen Moderator sich immer wieder für etwas entschuldigte, das ich eben gesagt hatte. Dabei hatte er mich unbedingt in seiner Show haben wollen. Im Übrigen fand ich die amerikanische Reaktion auf die Attentate erbärmlich. Barack Obama hielt es nicht für nötig, nach Paris zu reisen oder jemand anderen hinzuschicken. Und überall stand zu lesen, dass man sich mit der Veröffentlichung solcher Zeichnungen zurückhalten sollte. Ich finde, alle Zeitungen und Fernsehsender hätten sie zeigen sollen.

Die Karikaturen waren vulgär, aber nicht lustig.
Das spielt hier keine Rolle. Diese Attentate waren dermassen scheusslich, dass man reagieren musste.

Also waren auch Sie Charlie?
Ich fand diese Bekenntnisse unsäglich verlogen. Was kostet das schon? Ein Charlie darf nur jemand sein, der weiss, was Freiheit bedeutet. Nelson Mandela zum Beispiel. Ich bin eher ein Robin. Wie Williams. Der Satz kommt in meinem nächsten Buch mehrfach vor, auf das ich hier gerne hinweisen möchte. «The Hardboiled Computer» heisst es. Ich finde es gelungen.

Angriffe wie die auf «Charlie Hebdo» zielen auf die Einschüchterung einer ganzen Gesellschaft. Werden sie Erfolg haben?
Was heisst werden? Der Einfluss ist bereits spürbar. Leute wie James Foley scheint es immer seltener zu geben. Das ist der Journalist, der im letzten Sommer vor laufender Kamera geköpft wurde. Foley war schon drei Jahre vorher in Libyen von den Truppen Ghadhafis gefangen genommen worden. Als er in den Nahen Osten zurückreiste, fragte ihn sein Vater, warum er das tue. Aus demselben Grund, gab er zurück, aus dem ein Feuerwehrmann ins Feuer renne.

Wo stehen Sie heute politisch?
Ich war ein Kennedy-Demokrat, ein Clinton-Demokrat, ich habe als Unabhängiger in Texas für mehrere Ämter kandidiert, darunter für das Gouverneursamt und, im letzten Jahr, als Landwirtschaftsminister. Ich kenne George W. Bush und Bill Clinton persönlich, ich mag beide sehr, und ich finde, dass Bush ein sehr viel besserer Präsident war, als er heute dargestellt wird. Trotzdem möchte ich mit keiner der beiden Parteien etwas zu tun haben. Auch von den Demokraten habe ich mich abgewendet. Weil die Leute, die sich heute als Demokraten ausgeben, keine sind. Harry Truman war ein Demokrat. Barack Obama ist es in keiner Weise.

Er hat viele enttäuscht.
Er konnte mich nicht enttäuschen, weil ich von Anfang an nichts von ihm gehalten habe. Er ist ein Legalist, berechnend und zugleich entscheidungsunfähig. Er ist der Forrest Gump der amerikanischen Politik. Ein Politiker eben, das war er von Anfang an, nur hat es keiner gemerkt, weil er einen schwarzen Vater hat.

Immerhin brachte er eine ­Krankenversicherung für alle durch. Viele halten das für sein ­Vermächtnis.
Genau. Und darum ist es ihm immer gegangen: sein Vermächtnis. Obama tut alles, um sich zu profilieren und von seinen Versäumnissen abzulenken. Aber lassen Sie uns das Thema wechseln, bevor ich in eine meiner Tiraden verfalle.

Zu Ihren politischen Forderungen gehörten die Legalisierung von Cannabis und Heiratsrechte für Schwule, als nicht einmal ­Demo­kraten das zu fordern wagten.
Dabei rauche ich das Zeug nur noch, wenn Willie Nelson bei mir zu Gast ist. Ich habe ihn mal gefragt, warum er dauernd bekifft sei, er sagte: um meine Wut im Griff zu haben.

Warum ist Ihrem ­Heimatstaat Texas die Todesstrafe so populär?
Ich habe mich das oft gefragt, und ich weiss es nicht. Es gibt keine überzeugenden Gründe, die für sie sprechen. Sie hat keine abschreckende Wirkung auf Verbrecher, sie ist christlich nicht zu rechtfertigen, ihr Vollzug ist schrecklich. Ich kenne einen Verurteilten, der seit 26 Jahren im Todestrakt sitzt. Ich bin überzeugt, dass er unschuldig ist. Er ist ein Kleinkrimineller, hat Motorräder gestohlen. Aber er hat keinem Menschen je etwas zuleide getan, schon gar nicht diesen dreifachen Mord begangen, den man ihm angehängt hat.

Sie leben auf einer Ranch mit ­sechzig Hunden, die Sie und Ihre Cousine Nancy aufgelesen haben. Sie haben kein Internet, mögen keine Handys. Was haben Sie gegen die moderne ­ Kommunikation?
Was für eine Kommunikation? Ein 75-jähriger Pädophiler in New Jersey behauptet, er sei ein 26-jähriger Surfer aus Kalifornien und kontaktiert ein 14-jähriges Mädchen aus Montana, das in Wirklichkeit ein 40-jähriger Sittenpolizist in Miami ist. Das ist aus dem Internet geworden, wenn Sie mich fragen.

Sie werden als Komiker ­angepriesen, dabei singen Sie Lieder wie «The Ballad of Ira Hayes» an Ihren Konzerten ohne jede Ironie. Bei vielen anderen wird der Humor überhört. Bei Ihnen ist es der Ernst.
Ich fühle mich insofern getröstet, als Nelson Mandela meinen Song «Ride ’em Jewboy» zu seinen Lieblingsliedern zählte. Was kann man als Songschreiber mehr erwarten? Mandelas Lieblingssängerin war übrigens Dolly Parton. Man muss den Mann einfach lieben.

«Anything worth cryin’ can be smiled» heisst eine Zeile von Ihnen – was zum Weinen ist, kann ­angelächelt werden. Ist das Ihre Lebenshaltung?
Ich hoffe es. Dazu fällt mir Lou Gehrig ein, der grosse Baseballspieler der New York Yankees. Er starb jahrelang an einer fortschreitenden Sklerose. Als er von der Krankheit schon gezeichnet war, trat er 1939 im ausverkauften Yankee-Stadion auf und sagte vor über 50'000 Fans, er fühle sich «wie der glücklichste Mensch der Welt». Zwei Jahre später war er tot. Ich leide übrigens auch an einer unheilbaren Krankheit, ich möchte dazu stehen und wäre froh, wenn Sie das drucken.

Was haben Sie denn?
EOA. Early Onset Asshole (früh einsetzendes Arschlochsein, die Red.)

So etwas musste ja kommen. Darum jetzt eine ernst gemeinte Frage. Sie lieben die Countrymusik, ein Genre, das in Europa oft missverstanden wird. Wie gefällt Ihnen das, was Sie heute so hören?
Schlecht. Alles klingt so steril. Nehmen wir Taylor Swift, die so unglaublich erfolgreich ist. Sie will klingen wie all die anderen Frauen, die klingen wollen wie ihre Kolleginnen. Verstehen Sie mich nicht falsch: In Nashville wissen die Leute, wie man Musik macht. Aber alles, was ich höre, ist eine mehr oder weniger virtuose Kopie dessen, was andere bereits geschrieben, gespielt und gesungen haben. Es gibt keine Möglichkeit mehr, einzigartig zu sein.

Seit Jahren geht die Rede darüber, einen Ihrer Kriminalromane zu verfilmen, wird das noch passieren?
Es könnte eine sechsteilige Serie fürs Fernsehen geben, im Gespräch ist Billy Bob Thornton in der Hauptrolle. Ob das zustande kommt, weiss ich nicht, aber ich hoffe es sehr.

Was ging Ihnen als Jude durch den Kopf, als Sie von Bob Dylans ­Bekehrung zu einer extrem rechten Variante des Christentums erfuhren?
Bob ist eine Hure mit einem Herz aus Gold. Und er ist Charlie.

Was macht einen Künstler aus?
Er ist seiner Zeit voraus und mit der Miete hintendrein. Und er ist unglücklich. Als missverstandenes Genie kann ich Ihnen sagen, was Hank Williams, Wolfgang Amadeus Mozart, Johnny Cash und Franz Schubert gemeinsam haben: die Melancholie. Vor ein paar Monaten spielte ich in Kanada. Nachher kam ein Junge auf mich zu und sagte, es sei so schön, jemanden so glücklich zu sehen wie mich. Er konnte nicht wissen, dass ich mich in einem Zustand schwarzer Verzweiflung befand.

Was war der beste Rat, den Sie in Ihrer politischen Karriere ­bekommen haben?
Er kam von Willie Nelson: Wenn du Sex mit einem Tier haben willst, nimm ein Pferd. Damit kannst du sicher sein, dass dich jemand nach Hause bringt.

Das schönste Kompliment von allen?
Nach einem Konzert im jüdischen Zentrum von Denver kam eine ältere, kleine Frau zu mir und sagte: Schön, Sie auf dem Planeten zu haben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.02.2015, 22:19 Uhr

Kinky Friedman

Der Jude aus Texas

Richard Samet «Kinky» Friedman, Jahrgang 1944, als Sohn eines liberalen jüdischen ­Paares in Texas aufgewachsen, hat eine vielfältige Karriere hinter sich.

Er hat sich als ­Satiriker, Countrysänger, Krimiautor, Tier- und Umweltschützer profiliert. Mehrmals bewarb er sich auch um politische Ämter, allerdings erfolglos. Auf seiner ersten ­Europatournee seit langem gastierte er am Freitagabend im Viadukt in Zürich. (jmb)

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