«Er sagte, ihr Dialekt wirke abschreckend auf Kunden»

Zürichdeutsch wird eher mit Kompetenz verbunden als Berndeutsch, zeigt der Sprachforscher Adrian Leemann in einer Studie. Diese wurde angeregt durch eine bedenkliche Anekdote.

Der Zürcher Dialekt wird als kompetent wahrgenommen: Blick auf die Limmat. (Archivbild)

Der Zürcher Dialekt wird als kompetent wahrgenommen: Blick auf die Limmat. (Archivbild) Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Hunderte Onlinekommentare, eine «20 Minuten»-Titelseite: Überrascht Sie die Aufregung um Ihre Studie?
Nicht gänzlich. Dialektfragen werden in der Schweiz bekanntermassen sehr emotional diskutiert. Und der Befund ist ja tatsächlich überraschend, auch für mich. Ich ging wie wohl die meisten davon aus, dass das Berndeutsche besser abschneiden würde als das Zürichdeutsche. Allerdings glaube ich nicht, dass Zürichdeutsch nun als neuer Schweizer Lieblingsdialekt bezeichnet werden kann. Ich vermute vielmehr, dass Schweizer auf der Strasse auf die Frage hin, welcher Dialekt ihnen generell sympathischer sei, weiterhin das Berndeutsche favorisieren würden.

Wie das?
Weil dann vorwiegend die klangliche Ästhetik ausschlaggebend ist. Unsere Fragestellung hingegen war spezifisch und zielte auf konkrete Arbeitssituationen ab. In diesen Kontexten wurde die Zürichdeutschsprecherin favorisiert.

Allerdings wurden selbst für gemeinsame Reisen Zürichdeutsch Sprechende vorgezogen.
Das hat mich auch am meisten verwundert. Auf Nachfrage erklärten die Berner Probanden, dass sie gerne mit Anderssprachigen unterwegs seien. Die Zürcher wollten lieber mit ihresgleichen reisen. Auch bei den Luzernern war die Zürcher Reisebegleitung mit knapp 60 Prozent klar der Favorit.

Woher die Idee zu dieser raffinierten Versuchsanordnung?
Eine Anekdote machte den Anfang. Eine Bekannte von mir bewarb sich um eine Stelle im Aargau, für die sie exzellent qualifiziert war. Sie erreichte dann auch die letzte Bewerbungsrunde, den Zuschlag bekam sie aber nicht: Der Arbeitgeber beschied ihr bedauernd, dass ihr St. Galler Dialekt bei Telefonaten mit Kunden abschreckend wirken würde. Da realisierte ich, wie enorm wichtig Dialekte in der Schweiz auch in wirtschaftlicher Hinsicht sein können.

Wie deuten Sie die Ergebnisse der Studie?
Eine Deutung ist schwierig. Viele verschiedene Faktoren könnten eine Rolle spielen: Für die Kontexte Job und Operation könnte man die Ergebnisse so deuten, dass das Zürichdeutsche in diesen Szenarien mit Kompetenz, Verlässlichkeit und Genauigkeit assoziiert wird. Dies lässt vermuten, dass eine solche Assoziation damit zu tun hat, dass Zürich als wichtiges Wirtschafts- und Finanzzentrum gilt. Dies hat möglicherweise einen Einfluss auf die positive Wahrnehmung des Dialekts in diesen Szenarien. Was die Wahl der Zürcher Reisebegleitung angeht, da waren wir selber auch erstaunt. Wir können zum jetzigen Zeitpunkt keine genaue Erklärung liefern. Jedoch ist es möglich, dass das Zürichdeutsche generell sympathischer wahrgenommen wird als früher. Im Gegensatz zum Szenario Job und Operation handelt es sich hier eher um eine emotionale Entscheidung, die natürlich vielschichtig sein kann.

Sie befragten 72 Studenten. Wie viele Teilnehmer braucht eine solche Studie, damit sie aussagekräftig ist?
Unsere Studie ist ganz klar ausbaufähig. Man könnte als Nächstes zum Beispiel andere Berufs- und Altersgruppen befragen. In Sprachwahrnehmungsexperimenten arbeitet man oft mit Hörergruppen von 15 bis 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmern pro Dialekt. Wenn sich damit ein klarer Effekt abzeichnet, ist es wahrscheinlich, dass sich dieser Effekt auch bei einer grösseren Stichprobe abzeichnen würde. Unsere Studie stellt einen ersten Vorstoss in dieses Gebiet dar: Uns interessierte, ob überhaupt ein Resultat ersichtlich ist und sich ein Trend abzeichnet. Dies war der Fall.

Als Mittelgruppe befragten sie 24 Luzerner. Im Kanton Luzern neigen allerdings lediglich einige Entlebucher Gemeinden den Bernern zu. Die dominante Stadt dagegen orientiert sich gen Zürich.
Über die kulturelle Neigung der Stadtluzerner kann ich keine klare Aussage machen. Sprachlautlich und dialektal gesehen, spricht der Stadtluzerner jedoch weder Zürichdeutsch noch Berndeutsch, ist aber mit beiden Dialekten aufgrund der geografischen Distanz vertraut. Natürlich müsste man die Studie nun auch um andere Sprachgruppen erweitern. So wäre es sehr spannend zu sehen, wie kompetent Basler oder Bündner im Vergleich eingestuft werden.

Täuscht der Eindruck, oder werden die Schweizer trotz Globalisierung immer dialektsensibler ?
Das scheint mir auch so. Wie unattraktiv die Standardvarietät, das Hochdeutsche also, hierzulande heute ist, zeigt sich auch in unserer Studie. Mit Ausnahme der Frage nach dem gewünschten Chirurgen schnitt das Hochdeutsche bei jeder Frage am schlechtesten ab. Das ist eine Schweizer Spezialität: Sowohl in England wie in Deutschland wird die Hochsprache in ähnlichen Untersuchungen höher eingeschätzt als der Dialekt. Dieser linguistische Sonderweg wurde mit der Geistigen Landesverteidigung nach dem Zweiten Weltkrieg bekräftigt. Bestätigt wurde er in den 1960ern mit der Dialektwelle in den Medien. Die digitale Kommunikation verlieh ihr einen weiteren Schub – Mundart erlaubt Individualität und ist zugleich fehlertolerant. Dass heute ein internationaler Uhrenkonzern seinen Geschäftsbericht in Mundart abdruckt oder eine Pendlerzeitung komplett in Schweizerdeutsch publiziert wird, lässt vermuten, dass der Dialekt noch weiter an Bedeutung gewinnen wird.

Werden Sie Ihre Studie nun ausbauen?
Es ist motivierend und erfreulich, wenn ich als Wissenschaftler Themen ansprechen und vertiefen darf, die die Leute bewegen. Momentan arbeite ich noch daran, woran wir Dialekte erkennen. Was passiert, wenn wir einem Berner eine Walliser Melodie aufsetzen – nehmen wir ihn trotzdem als Berner wahr? In 1 bis 2 Jahren plane ich aber eine Fortsetzung dieser Studie über Dialekt und Entscheidungstreffung. Die Reaktionen der Leser sind anregend, weitere Untersuchungen durchzuführen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.08.2015, 13:55 Uhr

Sprachwissenschaftler Adrian Leemann forscht an der Universität Cambridge. In seinem Nationalfondsprojekt «The Effect of Speakers’ Regional Varieties on Listeners’ Decision-Making» befragte Leemann gemeinsam mit zwei Kollegen 72 Berner, Luzerner und Zürcher Studenten.

Dabei wirkte Zürichdeutsch deutlich attraktiver als Bern- oder Hochdeutsch. So waren die Probanden eher gewillt, eine Zürichdeutsch sprechende Frau als Sekretärin zu engagieren oder sich von einem Zürichdeutsch sprechenden Chirurgen operieren zu lassen.

Leemanns Vater ist Zürcher, seine Mutter Thurgauerin. Aufgewachsen ist Leemann im aargauischen Zofingen, studiert hat er in Bern. Sein Mischdialekt ähnle am ehesten demjenigen aus dem Luzerner Hinterland, sagt er. (lsch) (Bild: zVg)

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