Er war der erste «Tages-Anzeiger»-Korrespondent in der Romandie

Der Journalist, Autor und Übersetzer Marcel Schwander ist am Sonntag gestorben, wie seine Familie mitteilte.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der bekennende Linke übersetzte unter anderem Jacques Chessex' «L' Ogre» (»Der Kinderfresser») ins Deutsche, aber auch Werke von S. Corinna Bille, Catherine Colomb, Georges Haldas, Alice Rivaz und Amélie Plume. Als Publizist interessierte ihn insbesondere die Jura- Frage brennend. Der gebürtige Glarner war der erste «Tages-Anzeiger»-Korrespondent in der Romandie und ein profunder Kenner der Westschweizer Literatur.

Der an Alzheimer erkrankte Schwander starb in einem Seniorenheim in Clarens (VD). Er lebte mehr als 30 Jahre im Lausanner Quartier Ouchy, bevor er vor sechs Jahren in ein Stöckli auf dem Anwesen seines Sohnes in Pully zog.

Aus 2 Jahren wurden 42

Das Wort «Röstigraben» mochte er nicht. «Die Romands kannten die 'pommes de terre fricassées' ebenso lange wie die Deutschschweizer. Sie haben bloss deren kürzere Bezeichnung übernommen», sagte er vor fünf Jahren gegenüber der SDA.

Als der Journalist und damalige Bieler Stadtrat Schwander im Herbst 1968 mit seiner Familie von Biel nach Lausanne zog, um die neu geschaffene Korrespondenten-Stelle des «Tages-Anzeiger» anzutreten, sagte er sich: «Du bleibst zwei, drei Jahre, dann sehen wir weiter». Schwander blieb. Nach der Zeit beim «Tagi» arbeitete er seit 1996 als freier Publizist.

Neben hunderten von Artikeln publizierte Schwander auch zahlreiche Bücher über die Westschweiz und ihr mitunter verknorztes Verhältnis zu den Alémaniques. Als einer der wenigen Journalisten recherchierte er zudem den Jura-Konflikt vor Ort.

Literarischer Brückenschlag

Ab 1974 tauchte er in die Seele der Romands - mit literarischen Übersetzungen. Dabei fühlte er sich wie «Alice im Wunderland», die «durch den Spiegel geht, dabei sich selber und die andere Welt sieht», sagte Marcel Schwander im Gespräch.

Literatur lasse sich nicht mit dem Dictionnaire übersetzen. «Man muss mit seinen eigenen Mitteln etwas Neues aufbauen». Manchmal habe er das Gefühl gehabt, den Eiffelturm aus Holz oder Sandstein errichten zu müssen. «So verschieden ist das Baumaterial der Sprachen».

Französisch sei eine Sprache «des Kopfes». Am Königshof parliert und von Grammatikern «verkompliziert» neige sie zum Formelhaften. Das Deutsche hingegen habe «Mist an den Schuhen». Jede Sprache sei Ausdruck eines kollektiven Bewusstseins, «jede bietet ein anderes Denksystem, eine andere Weltschau».

Oertli-Preis

Sein Schaffen als «Brückenbauer» wurde 1999 mit dem Grossen Preis der Oertli-Stiftung ausgezeichnet. Der Publizist hätte die Ehre gerne mit seiner Frau Monique geteilt, «ohne die ich das alles nicht bewältigt hätte». Sie schied 1996 aus einem intensiven Leben. «Sie ist gestorben, als wir lachten wie die Kamele».

Marcel Schwander wurde 1929 geboren und wuchs im glarnerischen Netstal auf. Schon als Bub übersetzte er für die Nachbarschaft das «Kauderwelsch» seines Westschweizer Vaters. Nach dem Lehrerseminar in Hofwil BE studierte er in Bern und Paris. 1958 wurde Schwander Chefredaktor der sozialdemokratischen «Seeländer Volkszeitung». (sda)

Erstellt: 13.06.2010, 17:26 Uhr

Brückenbauer über den Röschtigraben: Marcel Schwander. (Bild: Keystone )

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Blogs

Tingler Das Alter als Wahl

Michèle & Friends Wie hiess das früher? Der Ü-40-Gedächtnistest

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Unter Pausbacken: Eine Verkäuferin bietet an ihrem Stand im spanischen Sevilla Puppen feil. (13. November 2018)
(Bild: Marcelo del Pozo ) Mehr...