Erinnern wir uns an die Zukunft

Israelis und Palästinenser drohen in einer hermetischen Blase zu ersticken.

Ein anderer Kreis ist vorstellbar: In Tel Aviv schreiben linke Israelis mit Kerzen das Wort «Entschuldigung» – auf Arabisch.

Ein anderer Kreis ist vorstellbar: In Tel Aviv schreiben linke Israelis mit Kerzen das Wort «Entschuldigung» – auf Arabisch. Bild: Dan Balilty/Keystone

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Israel kann zu Recht darauf hinweisen, dass kein Land der Welt unaufhörlichen Raketenbeschuss wie den der Hamas hinnehmen muss – oder untätig bleiben würde angesichts der Bedrohung durch die Tunnel, die vom Gazastreifen nach Israel gegraben werden. Die Hamas ihrerseits rechtfertigt ihre Angriffe mit dem Argument, dass die Bewohner des Gazastreifens weiter unter israelischer Besatzung leben und unter den Auswirkungen der Blockade zu leiden haben.

Wer kann es den Israelis verübeln, dass sie von ihrer Regierung erwarten, alles zu tun, um die Kinder im Kibbuz Nahal Oz und in anderen Siedlungen in unmittelbarer Nähe des Gazastreifens vor Hamas-Eindringlingen zu schützen? Und was sagen wir den Bewohnern des Gazastreifens, die erklären, dass die Tunnel und die Raketen ihre einzigen noch verbliebenen Waffen gegen ein übermächtiges Israel sind? In dieser brutalen und hoffnungslosen Blase haben beide recht. Beide gehorchen dem Gesetz der Blase – dem Gesetz von Gewalt und Krieg, Rache und Hass.

Angesichts der andauernden Kämpfe stellt sich aber nicht die Frage nach der alltäglichen Gewalt, sondern eine andere Frage: Wie um alles in der Welt kann es sein, dass Israelis und Palästinenser seit mehr als 100 Jahren in dieser Blase stecken und inzwischen kaum noch Luft bekommen? Diese Frage ist der Kern des jüngsten Gewaltausbruchs.

Zu zweit in der Sinnlosigkeit

Da ich nicht die Hamas fragen und auch nicht so tun kann, als verstünde ich ihr Denken, frage ich den Ministerpräsidenten meines Landes, Benjamin Netan­yahu, und seine Vorgänger. Wie konntet ihr die Zeit seit dem letzten Konflikt vergeuden, ohne einen Dialog mit der Hamas in Gang zu setzen, ohne auch nur die kleinste Geste einer Dialogbereitschaft erkennen zu lassen, ohne den geringsten Versuch, zu einer Entschärfung der explosiven Realität beizutragen? Warum hat Israel in den letzten Jahren keine Verhandlungen mit den gesprächsbereiten Teilen der palästinensischen Gesellschaft geführt – wodurch die Hamas vielleicht unter Zugzwang geraten wäre? Warum habt ihr zwölf Jahre lang die Initiative der Arabischen Liga ignoriert, die vielleicht bewirkt hätte, dass die Hamas auf Druck moderater arabischer Staaten in einen Kompromiss eingewilligt hätte? Kurz: Warum sind israelische Regierungen seit Jahrzehnten unfähig, über die Blase hinauszudenken?

Und doch ist die aktuelle Runde der Gewalt zwischen Israel und Gaza irgendwie anders. Jenseits der Aggressivität, mit der einige Politiker die Atmosphäre anheizen, und jenseits der grossen Einigkeit macht dieser Krieg viele Israelis auf den Mechanismus aufmerksam, der dieser sich endlos wiederholenden mörderischen Konfrontation zugrunde liegt. Viele Israelis, die die Realität lange Zeit verdrängt haben, erkennen nun diesen sinnlosen Zyklus von Gewalt, Rache und Gegengewalt und sehen unser eigenes Spiegelbild, deutlich und ungeschönt: Israel als ein erfinderischer und mutiger Staat, der seit über einem Jahrhundert den Mühlstein eines Konflikts dreht, der längst hätte beigelegt werden können.

Wenn wir für einen Moment die Argumente beiseitelegen, mit denen wir uns vor menschlichem Mitgefühl mit den vielen Palästinensern schützen, deren Lebensgrundlage dieser Krieg zerstört hat, werden wir vielleicht erkennen, dass auch sie um diesen Mühlstein trotten, mit uns im Zweiergespann, in endlos leeren und sinnlosen Kreisbewegungen, in ohnmächtiger Verzweiflung.

Ich weiss nicht, was die Palästinenser in diesem Moment denken. Ich habe aber den Eindruck, dass Israel langsam erwachsen wird, zwar unter grossen Schmerzen und zähneknirschend, aber doch erwachsen wird – besser gesagt, zum Erwachsenwerden gezwungen wird. Ungeachtet der aggressiven Äusserungen hitzköpfiger Politiker, von den brutalen Attacken rechtsextremer Schläger auf Andersdenkende ganz zu schweigen, findet der Mainstream der israelischen Öffentlichkeit zu mehr Nüchternheit. Die Linke wird sich zunehmend des grossen Hasses auf Israel (der nicht nur ein Ergebnis der Besatzung ist) und des islamistischen Vulkans bewusst, der das Land bedroht. Sie erkennt, wie fragil ein jedes Abkommen ist, das möglicherweise erreicht werden kann. Sie erkennt nun, dass die Ängste der Rechten nicht einfach Paranoia sind, sondern mit realer Bedrohung zu tun haben.

Ich kann nur hoffen, dass nun auch die Rechte die Grenzen der Gewalt erkennt, selbst wenn das mit Frustration einhergeht. Nicht einmal ein so starkes Land wie Israel kann einfach nach Belieben agieren, und in unserer heutigen Zeit gibt es keine eindeutigen Siege mehr, sondern nur Illusionen von Sieg, durch die wir erkennen, dass es bei ­einem Krieg nur Verlierer gibt. Es gibt keine militärische Lösung für das reale Leid der Palästinenser, und solange ein menschenwürdiges Leben in Gaza nicht möglich ist, werden wir auch in Israel nicht in Freiheit leben können.

Wir Israelis wissen das seit Jahrzehnten, und seit Jahrzehnten verdrängen wir es. Aber vielleicht verstehen wir es diesmal etwas besser. Vielleicht haben wir unsere Lebensrealität für einen kurzen Moment aus einer anderen Perspektive sehen können. Diese Erkenntnis ist schmerzhaft, aber sie könnte etwas Neues in Gang setzen. Die Israelis könnten begreifen, wie wichtig Frieden mit den Palästinensern ist, und dass dies auch die Grundlage für Frieden mit anderen arabischen Staaten sein könnte. Frieden ist die beste Option, wenn Israel Sicherheit haben will.

Wird es auch aufseiten der Hamas eine ähnliche Einsicht geben? Ich weiss es nicht. Aber die Mehrheit der Palästinenser, vertreten durch Mahmoud Abbas, hat sich bereits für Verhandlungen und gegen Terrorismus entschieden. Wird die israelische Regierung nach diesem verlustreichen Krieg, der das Leben so vieler junger Leute gefordert hat, es weiterhin ablehnen, über diese Option zumindest nachzudenken? Wird die israelische Regierung weiterhin Mahmoud Abbas als Teil einer Lösung ignorieren? Wird sie weiterhin die Chance abtun, dass ein Abkommen mit den Palästinensern im Westjordanland die Beziehung zu den 1,8 Millionen Einwohnern des Gazastreifens verbessern könnte?

Blind und hoffnungslos

Sobald der Krieg vorbei ist, müssen wir Israelis eine neue Partnerschaft aufbauen, eine Allianz, die das Machtgefüge der engstirnigen Interessengruppen verändern wird, die uns beherrschen. Ein Bündnis all jener, die erkannt haben, wie riskant ein Festhalten an den alten Denkmustern ist, die erkannt haben, dass die Trennlinie nicht mehr zwischen Juden und Arabern verläuft, sondern zwischen all jenen, die in Frieden leben wollen, und denjenigen, die ideologisch und emotional auf Gewalt setzen.

Ich bin überzeugt, dass es in Israel noch immer eine kritische Masse von Menschen gibt, Linke und Rechte, Religiöse und Säkulare, Juden und Araber, die sich nüchtern über eine Lösung des Konflikts mit unseren Nachbarn verständigen können. Noch immer gibt es viele Menschen, die sich «an die Zukunft erinnern» – an die Zukunft, die sie für Israel und für Palästina erstreben. In Israel gibt es noch immer viele Menschen (aber wer weiss, wie lange), denen klar ist, dass wir, wenn wir wieder in Apathie versinken, das Feld denjenigen überlassen, die uns in den nächsten Krieg hineinziehen und dann alle möglichen Konflikte in der israelischen Gesellschaft entfachen werden.

Ohne dieses Umdenken werden wir alle, Israelis und Palästinenser, blind und hoffnungslos, den Mühlstein dieses Konflikts immer weiterdrehen, der unser Leben, unsere Hoffnungen, unsere Menschlichkeit aushöhlt und zerstört.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

Erstellt: 04.08.2014, 13:44 Uhr

David Grossman, geboren 1954, gehört zu den bedeutendsten Schriftstellern Israels («Eine Frau flieht vor einer Nachricht»). 2010 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

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