Erzähl doch mal!

Auf dem neuen Internetportal Meet-My-Life kann man seine Lebensgeschichte online niederschreiben. Historiker erhoffen sich so Zugriff auf neue Quellen.

Es muss nicht immer gleich ein Buch sein, damit von einem Leben etwas für die Nachwelt erhalten bleibt. Foto: Alamy

Es muss nicht immer gleich ein Buch sein, damit von einem Leben etwas für die Nachwelt erhalten bleibt. Foto: Alamy

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Autobiografisches Schreiben ist zurzeit äusserst beliebt: Wer nicht Tagebuch führt, schreibt vermutlich an seiner Biografie, auch wenn es nichts Weltbewegendes zu berichten gibt. Einfach nur so für sich, um abgelegte Zeiten nochmals zu durchleben, oder für die Kinder. Damit etwas bleibt, wenn man den Abtritt von dieser Welt gemacht hat. Meistens verbleiben die Aufzeichnungen auf dem heimischen PC oder landen ausgedruckt in privaten Schubladen. Die meisten Schicksale aber werden gar nicht niedergeschrieben, sie sind «Oral History» und überdauern höchstens eine oder zwei Generationen. Tausende Lebensgeschichten und mit ihnen gelebte Volkskultur verflüchtigen sich – und gehen der Forschung verloren.

Das muss sich unbedingt ändern, sagten sich Alfred Messerli und Erich Bohli vor zwei Jahren, als sie das Autobiografie-Projekt Meet-My-Life andachten. Messerli beschäftigt sich seit Jahren mit Erzählforschung und Selbstzeugnissen wie Tagebüchern, Briefen und Autobiografien. Doch es war reiner Zufall, dass der Professor am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft der Universität Zürich auf den «späten» Studenten Bohli traf, der mit 60 Jahren beschlossen hatte, noch einmal an die Uni zu gehen. Gemeinsam entwickelten sie eine Plattform, die einfach zu bedienen ist und auch Leute anspricht, die Computer bisher nur aus der Ferne betrachtet haben.

Geschrieben wird direkt im Internet, cloudbasiert und damit ortsunabhängig von jedem Computer aus. Schreiben und Publizieren erfolgen simultan; auf diese Weise wird sichergestellt, dass die Geschichten nicht mehr auf lokalen PCs verloren gehen können. «Dank der Cloud-Technologie werden die Lebensgeschichten über Hunderte von Jahren als historischer Kulturschatz erhalten bleiben», hofft Bohli. Für die Wissenschaft, insbesondere für Historiker und Volkskundler, ist das eine neue, interessante Quelle und für das Publikum eine spannende Lektüre quer durch alle Bevölkerungsschichten. Denn die Aufzeichnungen berichten davon, wie der Einzelne Sinn und Bedeutung aus seiner Vergangenheit zieht. Seit einem Monat ist Meet-My-Life nun online, 30 Autoren haben sich bisher eingeloggt, 15 Biografien kann man bereits lesen.

Ein Schwuler berichtet etwa ausführlich von seinem mühsamen Coming-out. Wie er als ängstlicher Bauernsohn als «Maitlischmöcker» gehänselt wurde und nur eines wollte: normal sein. Wie er dann Lehrer wurde, eine Lehrerin heiratete, mit ihr zwei Kinder zeugte und wie es ihn doch immer wieder zu den Pissoirs zog. Bis er dann endlich den Mut zu sich selber fand – und alle um sich herum damit enttäuschen musste.

Inhalt kommt vor Sprachstil

Eher amüsant zu lesen und mit Anekdoten gespickt ist dagegen die Geschichte des bekannten Unternehmers Walter Fust. Letzten Sommer, am Rolling-Stones-Konzert im Zürcher Letzigrund, habe er sich und seinem Sohn zu dessen 38. Geburtstag ein spontanes Geschenk gemacht: Auf die Schnelle gab er 1900 Franken für zwei Tickets aus. «Es war jeden Franken wert», schreibt Fust.

Viele Geschichten werden eins zu eins erzählt. Manchmal sind sie einem fast zu detailliert, und man fragt sich als Aussenstehende: Will ich das wirklich so genau wissen? Auch wären etwas mehr Dramaturgie und Tempo im Text manchmal kein Unglück. Doch Inhalt ist bei Meet-My-Life wichtiger als die literarische Form. Die Schreibenden werden denn auch nicht einfach vor den blanken Bildschirm gesetzt, sondern können ihre Geschichte anhand von 500 Fragen in über 40 Kapiteln erzählen; das erleichtert den Zugang zu den eigenen Erinnerungen. «Was weisst du über deine Geburt?», wird als Erstes gefragt, oder unter «Beruf»: «Hast du jemals über deine Verhältnisse gelebt?» Andere Fragen berühren intime Bereiche, unter «Ehe» heisst es: «Was tatet ihr, um euch zu umwerben und zu erobern?» Oder: «Wie sah die Eheroutine aus?»

Ob der eigene Text öffentlich lesbar sein soll, sobald man zehn Seiten geschrieben hat, entscheidet man bei der Registrierung. Wünscht man die Öffentlichkeit, können die Leser Kommentare abgeben, die man einbauen, stehen lassen oder löschen kann. Man kann auch Freunde und Verwandte einladen, Stellung zu nehmen. Der erste Probemonat ist gratis; registriert man sich dann als fester Autor, zahlt man für das erste Jahr einen Betrag von 39.50 Fr. Danach kann man selber festlegen, wie viel man für die Nutzung bezahlen möchte. So jedenfalls ist es zurzeit geplant.

Die Initianten Messerli und Bohli haben sich verpflichtet, weder Inhalte noch Adressen für kommerzielle Zwecke zu verwenden. «Das Copyright liegt ganz klar beim Autor», sagt Bohli. «Falls in irgendeiner Form damit Missbrauch betrieben wird, ist der Schreiber selber verantwortlich, dagegen vorzugehen.»

Ein frühes Anliegen der Meet-My-Life-Macher ist, Lebensgeschichten der Nachkriegszeit zu erfassen, solange dies noch möglich ist. Andere wichtige Bevölkerungsgruppen sind Verdingkinder und Migranten. Doch Letztere haben sich von Meet-My-Life bisher noch nicht angesprochen gefühlt. Bohli gibt die Hoffnung nicht auf und erklärt fröhlich: «Die neue Weltliteratur kommt von unten.»

www.meet-my-life.net

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.03.2015, 19:09 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Sweet Home 15 weihnächtliche Dekorationsideen

Tingler Auf dem Index

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...