Interview

«Es ist das Zusammenspiel von Sexualmoral und Macht»

Der Theologe David Berger über die heute von Papst Franziskus bestätigte Schwulenlobby im Vatikan, den Zusammenhang zwischen Zölibat und Homosexualität – sowie ein Liebesnest am Monte Mario.

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Herr Berger, Papst Franziskus bestätigt die Existenz einer Schwulenlobby im Vatikan. Sind Sie erstaunt?
Dass es viele Schwule im Vatikan gibt, ist seit längerem bekannt. Zum Beispiel kursiert unter Bischöfen und Kardinälen seit Herbst ein ursprünglich in Deutsch verfasster Brief über ein solches Netzwerk. Ich bin aber erstaunt, dass Franziskus es angesprochen hat.

Von wie vielen homosexuellen Bischöfen und Kardinälen sprechen wir?
Konkrete Zahlen habe ich nicht. Ich habe mich ja nicht quer durch den Vatikan geschlafen. Als ich im Vatikan zu tun hatte, empfand ich die Dichte jedoch als sehr hoch.

Was steht auf der Agenda der Schwulenlobby?
Man macht dort keine Kirchenpolitik, kämpft auch nicht für mehr Rechte für Homosexuelle, sondern organisiert sich, um möglichst unproblematisch zu Sex zu kommen.

Zum Beispiel in der legendären Wohnung am Monte Mario. Wie lief das genau ab?
Man darf sich das nicht als Orgie unter Priester und Kardinälen vorstellen. Die Wohnung stand Klerikern zur Verfügung, um sich mit Sexualpartnern zu treffen, die man in Rom getroffen hatte. Die Rede von der Gay Lobby ist eine Erfindung der Ultrakonservativen, um ein Horrorszenario an die Wand zu malen: Die Liberalen wollen die Kirche komplett homosexualisieren.

Franziskus ist keiner der homophoben Ultrakonservativen – was bezweckt er mit seiner Aussage?
Im Vergleich zu Ratzinger hat Franziskus kein stimmiges Konzept. Er tendiert zur Wankelmütigkeit. Vielleicht hat er sich zu dieser Aussage hinreissen lassen.

Ist die Aussage auch Ausdruck eines Machtkampfs innerhalb des Vatikans: Konservative gegen Liberale?
Ich würde den Machtkampf nicht auf diese beiden Lager beschränken. Beide Seiten benutzen Homosexualität als Mittel zur Denunziation. Dadurch dass Homosexualität so stark dämonisiert wird, ist es ein Universalmittel, um schwule Kirchenmänner gefügig zu machen.

Dann müsste Franziskus eigentlich froh sein um die homosexuelle Lobby.
Ja, aber das ist keine Freude, die man offen zum Ausdruck gibt. Es ist vielmehr eine Genugtuung. Man unternimmt ja auch nichts dagegen. Im Gegenteil: Die Kirche hat über Jahrhunderte mit dem zölibatären Priestertum ein Berufsbild geschaffen, das wie gemacht ist für homosexuell veranlagte Männer. Gleichzeitig dämonisiert man die Homosexualität und übt so Macht aus. Es ist das alte Zusammenspiel von Sexualmoral und Macht.

Wie gehen die homosexuellen Kirchenmänner mit dieser Situation um?
Um nicht erpresst zu werden, sind sie meistens besonders papstfreundlich und konservativ. Häufig ist bei den schwulen Klerikern auch eine internalisierte Homophobie zu beobachten, mit welcher so umgegangen wird: Ich habe einen Mangel, also muss ich den ausgleichen, indem ich besonders fromm bin.

Gute Voraussetzungen, um im Vatikan Karriere zu machen.
Ja, in den letzten Jahren war eine konservative Haltung für einen Aufstieg von Vorteil. Weil viele Schwule konservativ eingestellt sind, hat man, je höher man sich in der Hierarchie im Vatikan umschaut, umso mehr Homosexuelle.

Sie haben selbst Papst Benedikt als homosexuell bezeichnet.
Er ist für mich der klassische Verdränger. Homophobie zieht sich wie ein roter Faden durch seine Biografie. Diese fast schon neurotische Besessenheit mit Homosexualität lässt sich nur erklären, dass er gegen aussen einen Kampf ausficht, den er eigentlich innen austragen müsste.

Gemessen an seiner Aussage, wäre dann auch Franziskus schwul.
Das glaube ich nicht. Er hat bis gestern zur Schwulenthematik jedenfalls noch nichts gesagt. Ich hoffe, es war ein Ausrutscher. Mit Franziskus geht die extrem homophobe Phase, zumindest auf Papst-Ebene, wohl zu Ende. Bei den Bischöfen und Kardinälen haben wir allerdings noch viele, bei denen es zum guten Ton gehört, sich abschätzig über Homosexualität zu äussern.

Die zölibatäre Struktur der katholischen Kirche fördert Homosexualität. Was gilt es zu ändern: Das Zölibat aufheben – oder Homosexualität offiziell zulassen?
Beides. Wobei ich das Zölibat nicht ganz aufheben würde. Man sollte den Priestern die Wahl lassen. Für einige Priester ist es der richtige Weg. Im Übrigen bin ich für die Homoehe bei Priestern. Es wäre Sünde, das was Gott einem gegeben hat, nicht auszuleben.

Wird im Zuge der Schwulenlobby die Pädophiliedebatte reaktiviert?
Das denke ich nicht. Schwule Priester berühren die Bevölkerung nicht im gleichen Masse wie die Pädophilie. Wir haben diesmal keine Opfer und es gibt keinen moralischen Ansatzpunkt zur Kritik.

Besteht denn kein Zusammenhang zwischen Zölibat, Homosexualität und den Missbrauchsfällen?
Nein. Diesen Zusammenhang herzustellen, war die Strategie von homophoben Kreisen in der Kirche: Schuld sind nicht die Priester, sondern junge Homosexuelle, die die Priester verführt haben. Diese Sündenbockstrategie ging in Lateinamerika teilweise auf, in Europa glücklicherweise nicht. So wie ich es sehe, gibt es eine Gruppe von homosexuellen Kirchenmännern und eine von Pädophilen.

Eine Pädophilie-Lobby?
Die sind nicht vereinsmässig organisiert – genauso wenig wie die Homosexuellen. Aber man kennt sich und man spricht sich untereinander ab. Zumindest war das vor ein paar Jahren, vor dem Missbrauchskandal, der Fall.

Erstellt: 12.06.2013, 15:46 Uhr

Zur Person

David Berger ist katholischer Theologe und war korrespondierender Professor der Päpstlichen Akademie des heiligen Thomas von Aquin. Nachdem er sich im April 2010 öffentlich als schwul geoutet hatte, folgte der Entzug der kirchlichen Lehrerlaubnis. Berger ist Autor des Buches «Der heilige Schein: Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche» und amtet heute als Chefredakteur von Deutschlands grösstem Schwulenmagazin «Männer».

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