«Es ist ein Märchen, dass Whatsapp die Sprache ruiniert»

Wie verändern SMS und Whatsapp unsere Sprache? Linguistin Charlotte Meisner über Klassen-Chats, Anglizismen und Smileys.

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Frau Meisner, wie oft benutzen Sie Smileys in Whatsapp-Chats?
Ich benutze Whatsapp oft und setze auch Smileys regelmässig ein. (lacht)

Sie sind Teil eines Teams von Linguisten, die Whatsapp-Nachrichten von Schweizerinnen und Schweizern sammeln und analysieren. Nach einem ersten Blick auf das Material: Was hat Sie am meisten erstaunt?
Es ist das erste grosse Forschungsprojekt zu Whatsapp, wir hatten dementsprechend kaum Erwartungen. Aufgefallen sind uns auf Anhieb zwei Sachen: Erstens die grosse Datenmenge. Dadurch, dass ein Chat aus mehreren Nachrichten besteht, kam sehr viel Material zusammen. Zweitens die sprachliche Vielfalt: Die Leute setzen viele Dialekte ein, mixen verschiedene Sprachen, schreiben sehr kreativ.

Können Sie mir ein Beispiel sagen?
Mein persönliches Lieblingsbeispiel ist «Hallo! voulez vous luncher avec moi hüt?». Das stammt noch aus unserer SMS Sammlung.

Täuscht der Eindruck, oder schreiben die Leute auf Whatsapp kürzere Nachrichten?
Die Nachrichten sind tatsächlich sehr kurz, im Schnitt sieben Wörter und damit kürzer als eine SMS. Dabei könnte man ja erwarten, dass sie länger sind; immerhin ist die Zeichenzahl unbegrenzt. Das hängt wohl damit zusammen, dass sich die Kommunikation auf Whatsapp ins Synchrone verschoben hat. Sprich: Viele Nachrichten ähneln einem gesprochenen Dialog.

Sie sprechen von einer grossen Datenmenge. Wie viele Chats haben Sie erhalten?
Wir erhielten fast Tausend Whatsapp-Chats. Bei rund 200 davon hat auch jeder Chat-Beteiligte sein Einverständnis gegeben; wir dürfen die Daten also verwenden. Insgesamt können wir mit über 720'000 Nachrichten – einzelnen Chat-Bubbles – und 4,6 Millionen Wörtern arbeiten.

Gestern sass ich im Bus hinter einer Schülerin, die eine ganze Fahrt lang rege über Whatsapp mit Freundinnen chattete. Ist das auch jene Altersgruppe, die vor allem Chats eingesandt hat?
Nicht nur. Der Anteil von Teilnehmern unter 17 Jahren liegt bei 13 Prozent. 44 Prozent der Teilnehmer stammen aus der Altersgruppe 18 bis 24. Ebenfalls gross ist die Gruppe von 25- bis 34-Jährigen – das sind 30 Prozent.

Sie haben eine Rangliste mit den am meisten verwendeten Phrasen aufgestellt. Gibt es hier Auffälligkeiten?
90 Prozent der Chats, die aus der Deutschschweiz eingereicht wurden, sind in Mundart verfasst. Dementsprechend werden viele Dialekt-Phrasen verwendet. Inhaltlich fällt auf, dass es oft um Alltägliches geht. Leute freuen oder ärgern sich über etwas – ich glaube die zweithäufigste Phrase war «nicht in die Schule». Oder aber die Leute organisieren sich: «Wann kommst du? Ich bin dann und dann dort …»

Ich nehme jetzt die Rolle eines Kulturpessimisten ein und wette mit Ihnen, dass die Chats voller Sprachfehler sind.
Das stimmt so nicht. In den Chats findet man wenige ungrammatikalische Sätze. Natürlich benutzen die Leute kaum Standardorthografie und klassische Satzzeichen. Aber in der Mundart gibt es ja keine korrekte Rechtschreibung. Wo es also keine Regeln gibt, kann man auch keine Fehler machen. Tatsächlich herrscht unter Lehrern und Eltern die Angst vor, dass Whatsapp die Rechtschreibung von Jugendlichen ruinieren könnte.

Und dem ist nicht so?
Nein, es ist ein Märchen, dass Whatsapp die Sprache ruiniert. Zahlreiche Studien belegen das Gegenteil. Jugendliche unterscheiden klar zwischen einer Nachricht, die an eine Freundin geht, und einem Diktat in der Schule.

Was ist mit Anglizismen?
Wir haben einige englische Wörter gefunden. Eine detaillierte Statistik gibt es noch nicht. Aus der Auswertung von SMS weiss man aber, dass vor allem einzelne englische Wörter verwendet werden. Die werden dann morphologisch komplett integriert. Man sagt oder schreibt zum Beispiel «downgeloaded», beugt also das englische Wort.

Wie steht es um die Höflichkeit? Wenn die Nachrichten in den Chats vorwiegend kurz sind, fehlen vermutlich Begrüssungs- und Abschiedsformeln.
Wir haben gesehen, dass vor allem in den schnellen Chats nicht in jeder einzelnen Nachricht ein «Lieber Philipp» steht. Tatsächlich führen wir aber auch in einem normalen Gespräch nicht jeden Sprecherwechsel mit einer Begrüssung ein. Interessant wäre es, den Unterschied von SMS zu Whatsapp zu untersuchen. In SMS sind Begrüssungs- und Schlussformeln meistens enthalten. Häufig sind diese Formeln mit Code-Switching verbunden – also mit dem Wechsel von einer in die andere Sprache.

Wie muss man sich das vorstellen?
Ich kann Ihnen ein schönes Beispiel einer solchen SMS geben: «Salüü madame :) schöön, dases där guet gaht..ich bin à paris und gnüsses sehr (und jaa, es gaht nüme lang *juhu*) bisoous» Man sieht: Eröffnungs- und Schlussformel sind auf Französisch geschrieben, der Text dazwischen in Mundart.

Haben Sie auch Smileys analysiert?
Ja, wir haben eine Hitlist aufgestellt. Der beliebteste Smiley ist jener mit dem Kussmund und dem Herz. Auf Platz zwei steht der Smiley, der Tränen lacht.

Was ist deren Funktion?
Wir haben festgestellt, dass diese Smileys nicht Wörter ersetzen, sondern Sätze kommentieren. Eine Aussage wird also als Scherz, traurige Nachricht etc. eingestuft.

Sie haben es angedeutet: Im Projekt «sms4science» wurden SMS bereits analysiert. Ist man schon auf Unterschiede oder Parallelen zwischen SMS und Whatsapp-Chats gestossen?
Es gibt Parallelen und Unterschiede. Früher bezahlte man pro SMS, die Zeichenzahl war begrenzt. Man versuchte also, möglichst viel auf engem Raum zu sagen. Mit den Smartphones kam die unlimitierte SMS. Hier taucht auch der Dialog auf. Bei Whatsapp kann man beides: eine klassische Mitteilung schreiben oder synchron ein Gespräch führen. Neu ist nun der Gruppen-Chat. Bei Whatsapp sind wir auf viele Klassen- und Familien-Chats gestossen. Das hat uns überrascht und ist sicherlich auch ein spannendes Forschungsfeld.

Inwiefern?
Man könnte beispielsweise analysieren, wie der Chat genau verwendet wird. Wird seriös über Schule diskutiert oder blödeln die Teilnehmer nur? Nach unseren ersten Erkenntnissen ist es eine Mischung. Das ist wiederum für die Pädagogik interessant: In einem Klassen-Chat finden sich Lehrer und Schüler in demselben virtuellen Raum, sind plötzlich auf derselben kommunikativen Ebene.

Wie geht das Projekt «What’s up, Switzerland?» nun weiter?
Aktuell leiten wir aus den gesammelten Daten Forschungsfragen ab. Sobald wir diese definiert haben, werden wir beim Nationalfonds Anträge für betreffende Doktorandenstellen einreichen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.08.2014, 10:55 Uhr

Charlotte Meisner ist Linguistin am Romanischen Seminar der Universität Zürich. Sie koordiniert das Projekt «What’s up, Switzerland?».

Das Projekt «What’s up, Switzerland?»

Das Forschungsprojekt «What’s up, Switzerland?» hat das Ziel, die sprachlichen Merkmale in der Whatsapp-Kommunikation zu untersuchen. Zusätzlich sollen Merkmale von Whatsapp-Nachrichten mit jenen von SMS-Nachrichten verglichen werden. Am Projekt sind die Universitäten Bern, Zürich und Neuenburg beteiligt. Das Team sammelte zwischen Anfang Juni und Mitte Juli 2014 Whatsapp-Nachrichten von Schweizern.

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