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Es lebe die Provinz!

«Du bisch en ächte Walliseller, wänn...»: In Facebook-Gruppen huldigen Schweizer einer vergangenen Dörflichkeit.

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Die meisten Schweizer stammen aus einem Kaff. Diese demografische Tatsache machen sich derzeit verschiedene Facebook-Gruppen zunutze. Sie heissen «Du bisch en ächte Walliseller, wänn…» oder «Du bisch vo Bümpliz, wenn…» und rufen ehemalige Einwohner der Orte auf, den Satz zu ergänzen.

Bereits Dutzende Gemeinden und Städte hat der Trend erfasst. Die Anzahl der Beiträge explodiert förmlich, emsig tauschen sich die Menschen über die Besonderheiten ihres Orts aus. Jemand erinnert an die längst abgerissene Molkerei, andere fachsimpeln über die alte Dorfstrasse – und wie man diese auf dem Dreigänger ohne zu bremsen hinuntersauste. Eine Frau in der Gruppe «Du bisch en ächte Langnauer…» erinnert an einen Lehrer, der sie damals in den 70ern «am Grännihöörli» aus dem Schulzimmer zerrte. Wie sich im Plenum herausstellt, tat er das mit ganzen Generationen von Schülern.

«Negeraufstand in Kuba»

Dass Facebook zu einer Art Gemeindeschreiber wird, ist das eigentlich Eindrucksvolle an der Aktion. So wachsen die Erinnerungen von Menschen völlig verschiedenen Alters zu einer Chronik an, die nicht nur aus Bildern und Fakten besteht, sondern den Geist vergangener Zeiten einfängt: Klassenausflüge an den eidgenössischen Turntag, das Basteln einer Rollbrettschanze oder das gemeinsame Singen von Liedern wie «Negeraufstand in Kuba», die heute auf dem Index stehen – der Mensch weiss selten, was Glück ist, aber er weiss, was Glück war.

Auffallend ist, dass viele Stadtbewohner sich an der digitalen Dörflichkeit erfreuen und in Erinnerungen schwelgen. Ausgerechnet sie, die einst dem Gefühl einer zurückgebliebenen Gesellschaft entwichen, indem sie wegzogen. Doch inzwischen haben sich die Prioritäten offenbar verschoben, Stadtfrust hat Landlust Platz gemacht. Die Gründe dafür sind bekannt: eigene Kinder, Pendlerstress oder überteuerte Mieten.

In Zeitungskiosken und Buchläden entkommt man der Landbegeisterung ja schon lange nicht mehr. Während der Rest der Branche darbt, verzeichnen die journalistischen Wohlfühlprodukte für den naturbewussten Städter Rekordquoten. Aber ein Blick auf den anhaltenden Andrang in den Wohnungsmärkten der Städte entlarvt die Lust auf Beete und Bienen als reine Fantasie. Wer will sich schon die Hände dreckig machen, wenn er Tomatenstauden für ein paar Franken auf Hochglanzpapier angucken kann.

Gartenmäuerchen aus Kunststein

Dazu passt, dass in den Facebook-Gruppen kaum negative Anekdoten die Erinnerungen an die Schweizer Bullerbü-Idyllen trüben. Was ist mit dem überaufmerksamen Nachbarn? Den schrecklichen Gartenmäuerchen aus Kunststein? Den Dorfrand-Industriezonen und den deprimierenden Ortsbussen, die im Stundentakt verkehren?

Keine Stadtflucht kündigt sich hier also an, vielmehr wird das Heimatdorf nostalgisch verklärt. Nicht zufällig wurde der Begriff Nostalgie erstmals im 17. Jahrhundert von einem Mediziner verwendet, der damit ein Krankheitsbild beschrieb, das er bei Schweizer Söldnern in der Fremde beobachtet hatte: Den Männern ging es weit weg von zu Hause so schlecht, dass man von einem Schweiz-Entzug sprach.

Das Fernweh des Schweizers ist, das gilt wohl heute noch, das Heimweh nach der Provinz. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.03.2014, 17:52 Uhr

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