Es zwitschert mehr denn je

In der neuen deutschen Literatur wimmelt es nur so von Vögeln und Vogelfans. Birdwatching liefert Tipps für ein Leben voll Würde, Frieden – und Liebe.

Ornithologen sind die Romanhelden der Stunde. Foto:  USFWSmidwest/Flickr

Ornithologen sind die Romanhelden der Stunde. Foto: USFWSmidwest/Flickr

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Marcel Reich-Ranicki höhnte gern, Schriftsteller verstünden von Literatur so viel wie Vögel von Ornithologie. Das mag stimmen. Von Vogelkunde verstehen sie jedenfalls mehr als die meisten Kritiker, zumindest in der angelsächsischen Literatur. Agatha Christie und Margaret Atwood waren passionierte Bird-Watcher, Ian Flemings James Bond verdankt seinen Namen einem berühmten Ornithologen. Und Jonathan Franzen hat in Essays oder auch in seinem Roman «Freiheit» immer wieder auf sein «Vogelproblem» hingewiesen: also auf die fast irrationale Begeisterung für Halsbandschnäpper, Wilson-Drosseln und andere seltene, hoch fliegende Sänger und Nestbaukünstler. (Tauben, Möwen, Spatzen und das ganze massenhafte Ungeziefer der Lüfte gehören natürlich nicht dazu.)

Der Vogelbeobachter, der Held

In den letzten Jahren sind Vogelwanderungen auch bei Städtern immer populärer geworden, und das schlägt sich jetzt auch in der deutschsprachigen Literatur nieder. Der Vogelbeobachter, der in Gummistiefeln und mit Fernglas ausgerüstet stundenlang im Dickicht auf der Lauer liegt, war einmal ein ziemlich komischer Vogel, harmlos, liebenswürdig und lächerlich verschroben. Heute ist er so etwas wie der Romanheld des Tages: ein Held von Natur- und Umweltschutz, ein weiser Papagei des grünen Weltethos.

Den Anfang machte Marcel Beyer 2008, als er in «Kaltenburg» deutsche Geschichte mit den Augen eines – nach Konrad Lorenz modellierten – Vogelforschers beschrieb. Vor zwei Jahren überraschte Mirko Bonné in «Nie mehr Nacht» mit ornithologischen Meditationen, und Uwe Timm liess in «Vogelweide» einen an Leib und Seele verwundeten Reiseschriftsteller auf einer Vogelstation im Wattenmeer an der Beobachtung von Kampfläufern und Steinwälzern genesen. Zuletzt machte Franz Friedrich («Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr») das Verstummen der Lapplandmeisen zum Menetekel der Apokalypse.

In diesem Frühjahr zwitschert und schnäbelt es im deutschen Roman mehr denn je: Christiane Neudecker lässt in «Sommernovelle» zwei Schülerinnen auf einer Vogelwarte im Wattenmeer erwachsen werden; Valerie Fritsch folgt in «Winters Garten» einem traumatisierten Vogelzüchter in den Schrebergarten, und in Norbert Scheuers «Die Sprache der Vögel» kommt ein Bundeswehr-Rettungssanitäter auf der Suche nach der Universalsprache der Vögel sogar bis nach Afghanistan (und der Autor schaffte es bis auf die Shortlist der Leipziger Buchmesse).

Federn gegen Zivilisationsekel

Meist geht es in der neueren Vogelliteratur um flügellahme oder ganz abgestürzte Menschen, die in der Vogelbeobachtung Heilung von Zivilisationsekel, Schuldgefühlen und traumatischen Erfahrungen suchen. Der Vogelkenner erkennt in den Balz- und Paarungsritualen seiner gefiederten Freunde Modelle menschlichen Liebeslebens, in ihrem sorglosen Dahinleben auf dem Felde Muster von franziskanischer Armut und Anmut, Würde und Unschuld.

Für Jonathan Franzen, den Pappelwaldsänger unter den literarischen Vogelkundlern, ist Birdwatching daher kein Spleen, sondern praktizierter Nonkonformismus, Trost und Therapie, Politik und Ästhetik der Demut, ja sogar «ein bisschen wie eine Religion»: ein Versuch, der Ichbezogenheit und Entfremdung des Schreibens zu entkommen. So mausern sich Vögel und ihre Beobachter gerade zu Metaphern des Schriftstellers. Auch er ist ein Aussenseiter, belächelt und bedroht von Katzen und Singvogelgourmets, der sich weder das heitere Zwitschern noch das ängstliche Pfeifen im Wald verbieten lässt.

Erstellt: 31.03.2015, 23:35 Uhr

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