Interview

«Expats trauen den Schweizer Schulen nicht»

Expats sollen mit Vereinbarungen besser integriert werden. Gilt das auch für Schüler von internationalen Schulen? Die Leiterin der Zürcher Fachstelle für Integrationsfragen gibt Auskunft.

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Expats sollen über Vereinbarungen besser integriert werden, wie der TA heute berichtete. Die Integration von Ausländern läuft auch über deren Kinder. Wie sieht die Situation in internationalen Schulen aus?
Den Kindern kommt eine wichtige Rolle zu – und das bereits in der Primarschule. Eltern lernen über die Kinder Schweizer Eltern kennen. Diese Kontaktmöglichkeiten fördern die Integration. In internationalen Schulen bleiben ausländische Kinder aber häufig unter sich.

Wie viele Expats schicken ihre Kinder in öffentliche Schulen?
Konkrete Zahlen sind mir nicht bekannt, es dürften wenige sein. Die internationalen Schulen wurden in den letzten Jahren stark ausgebaut. Das liegt an der steigenden Anzahl Expats, die in der Schweiz leben. Diese Neuzuzüger sind nicht richtig über das Schweizer Schulsystem informiert und schicken ihre Kinder automatisch an internationale Schulen. Wenn sie nur kurze Zeit in der Schweiz bleiben, ist das auch verständlich.

Existiert womöglich auch ein Vorurteil gegenüber öffentlichen Schulen?
Ja, vor allem die Expats aus dem angelsächsischen Raum trauen den staatlichen Schulen in der Schweiz nicht. In England zum Beispiel versuchen auch Leute aus der Mittelschicht ihre Kinder in privaten Schulen unterzubringen. Die internationale Schule hat ausserdem weltweit einen identischen Lehrplan. Für Familien, die nicht lange im Land bleiben, ist das natürlich ein Vorteil.

Nun bleiben Expats immer länger im Land, viele von ihnen werden hier sesshaft. Schicken solche Eltern ihre Kinder in öffentliche Schulen?
Häufig nicht. Dabei stünde ihnen mit Schulen, die eine zweisprachige Maturität anbieten, eine gute Alternative zur Verfügung. Wahrscheinlich müssten diese Schulen auch besser über ihr Angebot informieren.

Ist die Internationale Schule einfacher zu absolvieren als eine staatliche Schule in der Schweiz?
Das kann ich mir nicht vorstellen.

Gibt es gesellschaftliche Schnittstellen zwischen internationalen Schülern und Schweizer Altersgenossen?
Das hängt davon ab, wie die Familien leben. Die Expat-Community in Zürich ist gut organisiert. Sie ist nicht auf solche Schnittstellen angewiesen. Dass die internationalen Schulen Tagesschulen sind, macht es auf der Vereinsebene zusätzlich schwierig, Kontaktmöglichkeiten zu Schweizer Kindern herzustellen.

Gibt es auf Schulebene gesetzliche Grundlagen, die die Integrationsprozesse unterstützen?
Die Schule hat grundsätzlich den Auftrag, integrativ zu wirken und alle Schüler einzubinden und erfolgreich zu bilden. Dafür gibt es viele spezifische Massnahmen, insbesondere um heterogene Klassen zu unterstützen. Unter anderem gibt es die Möglichkeit, Eltern zu verpflichten, an Elternabenden und an Lehrergesprächen teilzunehmen. Dadurch wird der Informationsfluss sichergestellt. Dies betrifft allerdings häufig bildungsfernere Eltern und nicht die Expats.

Schüler an der Internationalen Schule haben Deutschstunden. Das ist ein Anfang.
Die Frage ist, wie viele Stunden sie haben und wie viele nötig sind. Wenn man das Französisch-Sprachniveau der Deutschschweizer anschaut, weiss man, dass ein paar Stunden pro Woche nicht viel bringen.

Wollen Expat-Kinder eigentlich integriert werden?
Die meisten möchten sicherlich dazugehören, aber die Situation erlaubt es ihnen nicht – beziehungsweise es wird ihnen sehr einfach gemacht, sich nicht integrieren zu müssen. Was die Eltern anbelangt, haben wir Arbeitgeber befragt und erfahren, dass die Arbeitnehmer freiwillig Deutschkurse besuchen. Doch sie können das Erlernte selten nutzen. Am Arbeitsplatz wird häufig Englisch gesprochen. Und im Unterschied zu weniger gut ausgebildeten Immigranten sind sie nicht auf Deutsch angewiesen – weil viele Schweizer noch so gerne auf Englisch parlieren. Hier setzt denn auch eine aktuelle Öffentlichkeitskampagne von uns an. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.09.2013, 16:36 Uhr

Julia Morais ist Leiterin der Zürcher Fachstelle für Integrationsfragen.

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