Hintergrund

Facebook für Zombies

Ein neuer Internetdienst ermöglicht es, auch nach dem Tod weiter über Social Media zu kommunizieren. Eine absurde Idee – die sich durchaus kommerzialisieren liesse.

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Früher hiess es Second Life – doch dieser frühe Versuch eines zweiten, virtuellen Lebens liegt längst vergessen auf dem Friedhof Internet. Heute heisst das zweite Leben Facebook oder Twitter – und neuerdings gibt es in den Social Media auch ein Leben nach dem Tod. Dies verspricht ein neuer Internetdienst namens Dead Social: «Kreieren Sie Ihren Dead-Social-Account», wird der Besucher des freien Webdienstes aufgefordert. «Für immer gratis», heisst es darunter.

Botschaften aus dem Jenseits

Die Idee: Wer einen solchen Account besitzt, kann jetzt bereits Nachrichten einprogrammieren, die nach dem eigenen Ableben über Dienste wie Facebook, Twitter oder Google+ zu bestimmten Zeiten an Freunde und Zugewandte verschickt werden. Setzt sich die Idee durch, dürfte es in Zukunft üblich werden, am Geburtstag des verstorbenen Vaters Facebook-Nachrichten folgender Art zu bekommen: «Hey, heute hätte ich Geburtstag. Ich hoffe, ihr habt es nicht vergessen und geht einen heben – auf mich!» Das ist die nette Variante. Aber weil es sich bei Dead Social sozusagen um virtuelle Zombies handelt, sollte man nicht nur Gutes erwarten. Denkbar wäre also auch, dass man Nachrichten wie diese erhält: «Ich mag tot sein, aber du schuldest mir immer noch viertausend. Der Schlägertrupp ist schon unterwegs.»

Technisch funktioniert die Sache simpel: Eine bevollmächtigte Person muss bestätigen, dass jemand das Zeitliche gesegnet hat, worauf der Dead-Social-Account aktiviert wird und die vorgeschriebenen Nachrichten zu bestimmten Zeiten herausgeschickt werden. Man kann auch Gruppen gründen auf Dead Social, zum Beispiel die Vegans and Vegetarians of the Afterlife, gedacht «für Menschen, die zu ihren Lebzeiten Tiere liebten und damit auch nach ihrem Tod nicht aufhören werden!». Unschwer, sich auszumalen, was für Nachrichten Lebende von einer solchen Gruppe erhalten: «Wir mögen tot sein, aber bleibt dran an den Karotten, Freunde!»

Therapeutischer Effekt

Kopf hinter der Idee ist James Norris, der seinen Internetdienst Ende April auf der Konferenz «The Next Web» vorstellte und damit verwirrte und empörte Reaktionen erntete. Er aber ist überzeugt, dass es sich um eine gute Sache handelt. «Dead Social kann auch therapeutisch sein für den Verfasser der Nachrichten und für den, der sie nach seinem Tod liest», so bewarb er seinen Dienst auf der Konferenz.

So absurd und makaber das tönt, vielleicht ist es gar nicht so abwegig. Bislang war der Tod ein ungelöstes Problem sozialer Medien – beziehungsweise ist es bis heute eine ungelöste Frage, was mit den Accounts all der Millionen von Leuten geschehen soll, wenn sie nicht mehr da sind. Und es geht dabei um mehr als ein blosses Gedankenspiel – denn solche Accounts brauchen in der realen Welt eine Menge Speicherplatz. So könnten zukünftig nur noch Profile erhalten werden, bei denen der Besitzer einen digitalen letzten Willen hinterlassen hat. Auch für Prominente bietet der Dienst eine Möglichkeit, in Erinnerung zu bleiben. «Stellen Sie sich vor, Amy Winehouse hätte einen solchen Account gehabt», so Norris. «Sie hätte Nachrichten mit bislang unveröffentlichtem Material präparieren können. Oder die Geheimnisse ihrer Affäre mit Pete Doherty verraten.» Er vermutet, dass Labels künftig ihre Stars dazu verpflichten könnten, bei Dead Social einen Account einzurichten.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.06.2012, 13:10 Uhr

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