Hintergrund

Federer ist sich für nichts zu schade...

...die «Schweizer Illustrierte» auch nicht. In der aktuellen Ausgabe setzte das grösste People-Magazin der Schweiz eine Publi-Reportage auf den Titel. Powered by Federers Sponsor.

Federer auf dem Titel der aktuellen Schweizer Illustrierten.

Federer auf dem Titel der aktuellen Schweizer Illustrierten.

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Er sieht etwas daneben aus, Roger Federer, wie er da auf dem Cover der «Schweizer Illustrierten» im Pool paddelt, im durchnässten lila Hemd, eine Miene der Hilflosigkeit montiert. Ist das eine Anspielung darauf, dass seine Gegner Federer ins kalte Wasser geworfen haben? Oder handelt es sich um einen Wet-T-Shirt-Contest? Wohl Letzteres. «Sexy Tennis Star», so wird die Ausgabe verkauft und:«Exklusiv! Der Tennisstar über die Liebe zu seinen Zwillingen. Und wie ihn Mirka unterstützt.»

Absolutes Nichtstun visualisieren

Weiter hinten gibt es private Aperçus zu lesen. Dass Federer nicht kocht beispielsweise, dass er zuweilen seine Zwillinge verwechselt und den Geruch von Parfum mag. Diese Einsichten sind allerdings nicht exklusiv, sondern Auszüge aus Gesprächen, die Federer mit dem «Tages-Anzeiger» und «Blick» geführt hat – so steht es über dem Artikel.

So «exklusiv» scheint das Federer-Interview der «Schweizer Illustrierten» also doch nicht gewesen zu sein. Bei genauerem Hinsehen erfährt man sogar, dass es in Tat und Wahrheit gar kein Interview der «Schweizer Illustrierten» ist. Geführt hat es eine gewisse Joy Bolli *. Unter * erfährt man, dass Bolli als Journalistin bei der Credit Suisse arbeitet und dieses Interview auch für die Credit Suisse führte. Was soll denn das heissen? Seit wann macht Credit Suisse Journalismus? Credit Suisse – ich bin auch ein Medienunternehmen? Hiess die entsprechende Tätigkeit nicht früher einmal PR? Und ist diese Federer-Geschichte genau genommen nicht eine Publi-Reportage, powered bei Credit Suisse?

Entspannung pur

Text und Bild zu unserem original Schweizer Sexsymbol betreffen denn auch eher seine Funktion als CS-Botschafter. Wir erfahren, dass die CS mit Federer in Dubai einen Werbespot gedreht und auch einen neuen Slogan für eine Imagekampagne kreiert hat. «Wir helfen Roger Federer, entspannt durchs Leben zu gehen. Seit 1981.» Wow, der Mann entspannt sich seit 1981 und schaffte es gleichzeitig, eine Tennis-Legende zu werden? Respekt. Aber wir erfahren noch mehr. Nämlich, dass Federer sich für die Aufnahmen ganze zwei Mal ins Wasser fallen lassen musste. Mit einer Szene von «absolutem Nichtstun» habe die federsche genuine Entspanntheit visualisiert werden sollen, wird uns da erklärt. Und dass er es «sehr gut meisterte, stundenlang in der Sonne zu liegen», wie die Regisseurin zum Besten gab.

Die «Schweizer Illustrierte» weist den Verdacht auf PR auf Anfrage weit von sich: «Das ist keine Publi-Reportage, sondern ein munteres, spannendes Interview rund um Tennis, Karriere, Familie.» Allerdings wird eingeräumt: «Das Skript wurde der Redaktion der ‹Schweizer Illustrierten› zur freien Weiterverarbeitung unentgeltlich zur Verfügung gestellt und war im Original in etwa doppelt so lang – und wurde von der SI-Redaktion in der Folge redigiert.» Ohä, es hat nicht mal was gekostet. Aber hey, Arbeit hat es doch gemacht. Man habe das Interview um «sämtliche Aussagen zur Zusammenarbeit mit der CS und seiner Arbeit als Markenbotschafter entschlackt». Diese Entschlackung hat immer noch einiges an CS-Gebrabbel übrig gelassen und ändert nichts daran, dass es sich um lupenreine PR handelt, welche die «Schweizer Illustrierte» stolz auf den Titel hebt und erst noch fälschlicherweise als «exklusiv» ausweist.

Dass Federer sich für seine Sponsoren konsequent als Produkt verkauft, manche sagen sogar, prostituiert, ist das eine. Aber dass die «Schweizer Illustrierte» mit der CS ins Bett steigt, um Federer ins Blatt zu kriegen, macht sie zum PR-Produkt. Man kann nur hoffen, dass es freiwillig geschah. Sonst könnte nämlich bald die Polizei anklopfen. (Michèle Binswanger, Daniel Arnet)

Erstellt: 19.05.2011, 15:36 Uhr

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