Flirt-Eiszeit

Güzin Kar über den wesentlichen Unterschied zwischen machen und machen dürfen.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Martin Ruetschi/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Einer Frau, wo noch Frau ist, würde ich gern Komplimente machen, aber das darf ich nicht mehr wegen diesen frustrierten und hässlichen Weibern, wo es gern hätten, dass man sie belästigt», schreibt A. Z. in seiner Wut auf Twitter. Ähnliches schreibt er fast täglich. Mich macht das nachdenklich, denn A. Z. scheint nicht der Einzige zu sein, wo gern würde, aber nicht mehr darf.

Tja, liebe Mitfrauen, das haben wir davon, dass wir diese unschöne Belästigungssache so laut hinausposaunen mussten. Jetzt traut sich kein Mann mehr, uns anzusprechen, keiner raunt uns im Vorbeigehen süsse Worte zu, keinem fallen angesichts unserer körperlichen Vorzüge die Augen aus dem Kopf und in unser Décolleté, und niemand züngelt uns in Trams gar wollüstig an. Wir sind ganz selber schuld an der Misere, weil wir partout nicht erkennen wollten, dass es Belästigung und Belästigung gibt, so wie es Gifte und Gifte gibt oder Bakterien und Bakterien.

Gute Belästigung ist die, die gut gemeint war, böse Belästigung ist im Grunde nur jene von diesen finsteren Flüchtlingen, und zwar immer und ganz egal, wie sie gemeint war. Alle anderen Männer meinen das, was sie gegenüber Frauen tun, herzlich gut, werden aber missverstanden, sodass sie jetzt etwas verschüchtert sind und schweigen. Selbst harmlose Komplimente werden, bevor sie die männliche Hirn-Mund-Schranke überwinden, auf Explosives hin untersucht wie herrenlose Koffer an Flughäfen. Zwischen den Geschlechtern stehen imaginäre Betonpoller als Hindernis für die machistische Anmachfront. Es herrscht Flirt-Eiszeit. Ganze Frauengenerationen nach uns werden unbemannt im Weltall umherirren – nur, weil wir nicht unsere Klappe halten und der Natur ihren Lauf lassen konnten. Die Natur des Mannes ist es nun einmal, grunzend nach Kopulierbarem zu jagen.

Wir alle werden unsere Memoiren mit den Worten «Es tut mir leid» beginnen müssen. Dann werden wir uns daranmachen, auf 300 Seiten die gute alte Zeit zu besingen, als die Männer noch mit uns geflirtet haben. Und hier gerate ich ein wenig ins Stocken. Ich versuche mir nämlich gerade vorzustellen, wie A. Z. früher gewesen sein muss, als er noch nicht so wütend war. Kann man sich vorstellen, dass er einst ein Charmebolzen war, der aber dank der strengen Nacherziehung durch frustrierte und hässliche Weiber derart traumatisiert ist, dass er auf Twitter herumkotzt? Welches sind die Ängste und Sorgen des Wutflirters A. Z., und was will er? Ich glaube, der Wutflirter will nicht flirten, er will flirten dürfen.

Das ist ein wesentlicher Unterschied. Es geht nicht um die Sache, sondern ums Prinzip. Im Grunde weiss er gar nicht, wie dieses Flirten geht, aber er will es halt dürfen. Dies gibt ihm ein gutes Gefühl, etwa so wie mir, wenn ich in der Leistungsübersicht meiner Krankenkasse lese, dass ich Anrecht auf eine Diabetesberatung habe. Ich habe keine Diabetes und brauche keine Beratung, aber wenn mir das Anrecht darauf entzogen würde, würde ich es unbedingt zurückwollen.

So muss sich der Wutflirter fühlen. Genau genommen interessiert ihn das Flirten erst seit dieser Belästigungssache, und seither ist er ein Ross, das eine Schwalbe sein möchte. Und das macht mich nun wirklich traurig: dass dieser arme A. Z. seine Tage nicht sinnvoller verbringen kann als damit, etwas hinterherzujaulen, das nie Teil seines Universums war. Wie gern würde ich ihm einen Akkuschrauber, einen Schwingbesen oder Lego-Steine in die Hand drücken und sagen: «Gutester A. Z., lass das mit dem Flirten mal und mach das, was du wirklich kannst, Kumpel.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.12.2017, 13:24 Uhr

Artikel zum Thema

Der Kevin und der Ridley

Kolumne Güzin Kar über Hollywoods Moralkeule. Mehr...

Ich habe nichts gegen Männer

Kolumne Güzin Kar über die Unverzichtbarkeit einer Kultur des Ernstnehmens. Mehr...

Das Sterben der Götter

Kolumne Güzin Kar über Harvey Weinstein und Frauen­verachtung, die als schlechte Gewohnheit verharmlost wird. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blogs

Sweet Home Attraktives Ablenkungsmanöver

Mamablog Wenn die Familie weit weg wohnt

Die Welt in Bildern

Sonnenbaden mit gummigem Halsband: Dieses Krokodil trägt schon seit zwei Jahren einen Pneu um den Hals.
(Bild: Antara Foto/Mohamad Hamzah/ via REUTERS) Mehr...