Für «Father Christmas» ist immer Weihnachten

Johann Wanner verkauft seit über 30 Jahren Christbaumschmuck – und zwar in alle Welt. Sein Geschäft in Basel ist ein Unikum. So wie er.

Er hat auch schon den Petersplatz in Romdekoriert und die Familie von Prinzessin Dianabeliefert: Johann Wanner in seinem Basler Geschäft.

Er hat auch schon den Petersplatz in Romdekoriert und die Familie von Prinzessin Dianabeliefert: Johann Wanner in seinem Basler Geschäft. Bild: Keystone

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Der Mann gibt sich nicht bescheiden. «Ich bin verdammt wichtig für die grossen Geschäftsleute dieser Welt», sagt Johann Wanner. «Denn ich bin ein Trendsetter.» Wir stehen im hintersten seiner drei Verkaufsräume im «Weihnachtshaus» in der Basler Innenstadt, und die zwei Damen um die 60, die mit glänzenden Augen all die glänzenden Kugeln und Anhänger begutachten, schauen kurz auf. Zu ihm, zu Johann Wanner, zum «Father Christmas».

Auf den Titel «Father Christmas» ist der Basler stolz, so hat ihn einst die «New York Times» bezeichnet, weil er seit Jahren international bekannt ist für seinen mundgeblasenen und handgefertigten Weihnachtsschmuck. Er hat auch schon den Weihnachtsbaum für den Petersplatz in Rom verziert oder die Familie von Prinzessin Diana beliefert. Seit über 30 Jahren präsentiert er jährlich rund 50 neue Christbaumschmuck-Modelle: Kugeln in neuen Farbkombinationen, Figuren in überraschenden Formen. Er tritt im Fernsehen als Christmas-Experte und an offiziellen Weihnachtseröffnungsfeiern auf (dieses Jahr zum Beispiel in Berlin). Jetzt sind drei Bücher aus seiner Feder erschienen: ein reich bebilderter Band über «Tradition und Dekoration des Christbaums» sowie zwei Büchlein mit den «besten Weihnachtsrezepten» und den «besten Tipps zum Schmücken des Weihnachtsbaums».

Opulenz und Nüchternheit

Wanner sticht heraus aus seiner barocken Glitzerware: Zwischen Pilzen, FCB-Fussballspielern, Schlitten und funkelnden Handys, unter Posaunen, die von der Decke baumeln und neben Vitrinen mit antiker Ware ist er ein Fremdkörper, befrackt (schwarz) und mit Krawatte (ebenfalls schwarz), der Kopf kahl rasiert. «Ich lebe im Magnetfeld zwischen märchenhafter Opulenz und Nüchternheit», sagt er. Sein grauer, kastiger Landrover, der vor dem Schaufenster parkiert steht, ist auch so ein Gegenstück zu seiner romantisch-üppigen Weihnachtswelt.

Letztere ist sein Lebenselixier. Für Wanner, 71, gibt es keine Vorweihnachtszeit, weil für ihn immer Weihnachten ist. Im Oktober beginnt der Verkauf der aktuellen Ware, im Januar läuft die Kreationsphase für die kommende Saison. Die Parallele zur Modewelt zieht Johann Wanner gern, letztlich sieht er sich als Designer.

«Kulturgut »in die DDR geschickt

Auf die Idee, mit Baumschmuck zu geschäften, kam er in den 60er-Jahren. Damals führte er einen Antiquitätenladen in Basel. Eines Tages brachte ein Bankdirektor aus Thüringen alten Glasschmuck. Die Kugeln waren sofort ausverkauft und Wanner bald auf dem Weg in die damalige DDR. Er suchte und fand Glasbläser, die das Handwerk noch beherrschten, kaufte alte Gussformen und verhalf, so sagt er, der geschichtsträchtigen Branche zu einer Renaissance: «Ich war eine Art James Bond des Weihnachtsschmucks, denn ich hatte die Lizenz zum Kaufen.»

Für rund 500'000 Ostmark liess er jährlich in Thüringen Baumschmuck herstellen. Damit er diesen aus der DDR ausführen durfte, wurde die Ware als Kulturgut deklariert. Noch heute entstehen seine Baumkugeln in den traditionellen Glasbläserregionen Osteuropas. Verkauft werden sie zum Beispiel in den Galeries Lafayette in Paris oder in netten Boutiquen von London über Tokio bis New York.

Emotionale Banker

Weihnachtsschmuck als Goldgrube? Wenns ums Geld geht, schweigt der Kugelmann beharrlich. Lieber erzählt er von den Männern, die neuerdings gern durch sein Geschäft streifen – darunter auch «Topmanager, die früher nie einen Schritt in meinen Laden gesetzt hätten». Es folgt ein Exkurs zur Banken- und Wirtschaftswelt: «Banker, Devisenhändler und Manager arbeiten mit knallhartem Kalkül, emotionslos. Seit dem grossen Knall liegt die Ratio am Boden, die Sprache des Herzens erwacht. Jetzt entdecken auch diese Leute die Emotionen» – und, so könnte man anfügen, Johann Wanners Welt des Kitsches.Welche «Topmanager» bei ihm einkaufen und was für Promis er beliefert, will er freilich nicht verraten, da ist er ganz Businessman. Dafür erzählt er von seinem Projekt in Südkorea: Dort soll eine Art Disney-World entstehen, und Wanner gestaltet dafür die Weihnachtsinsel.

Neben ihm hängt ein halber Zoo: Pudel, Gorilla-Kopf, Frosch, Schnecke und Krake Paul. Das sei der Trend dieses Jahr, sagt Wanner; die Leute mögens animalisch. Weihnachten als Spiegel der Gesellschaft? «Und wie! In einer Welt, da wir die Verbindung zur Natur verlieren, sehnen wir uns nach Tieren, nach dem Wilden.» Die Ideen für seine Figuren sammelt Wanner im Alltag, auf der Strasse. Entdeckt er ausserordentlich gewandete Jugendliche, zückt er die Kamera. «Trendscouts in aller Welt» informieren ihn über modische Bewegungen, optische Neuheiten. Allzu schrill darf der Wanner-Schmuck allerdings nicht ausfallen, er soll «dezent» sein.

Museale «Wohnzonen»

Johann Wanner ist als ältestes von sechs Kindern in einem streng katholischen Elternhaus – der Vater war Buchbinder – gross geworden. Er bezeichnet sich als Eklektiker, der gerne in die Kirche geht: «Ich geniesse das Theaterhafte in der katholischen Messe und lerne viel davon.» Wohnen tut er ebenfalls ein wenig theaterhaft. Oder museal? Zusammen mit seiner Frau Ursel hat er zwei «Wohnzonen» eingerichtet über den beiden Wanner-Geschäften in Basel. Mit dem Fahrstuhl landen wir direkt in einer davon. Abgedunkelte Fenster, viel Gold, Königsrot, Alljahres-Weihnachtsbäume und weiss bepelzte Engel dominieren den Raum. Den Stil umschreibt er als «georgianisch-international». In der Küche ein 150-jähriger Ofen, auf der Treppe zur oberen Etage Schuhe mit Spannern.

Glamour im Alltag

Wieder im Erdgeschoss, wir verlassen das Haus. In silbernen Lettern prangt Johann Wanners Name über der Tür. Gemächlich schreitet er über die Gasse zum anderen Geschäft, grüsst Passanten. Vor seinem Laden am Spalenberg steht ein langhaariger Inder und fotografiert das geschmückte Schaufenster. Auf Kinderhöhe sieht man Finger- und Nasenabdrücke auf der Scheibe.

Letztlich verkauft Johann Wanner einen Traum. Den Traum der Kindheit. Egal, in welcher Lebensphase wir stecken, Weihnachten löst unter all den Festen, die wir feiern, am meisten Erinnerungen an die eigene Kindheit aus. Die Vorfreude (und seis bloss auf die Geschenke), die Lichter, der Baum. Weihnachten als Tor zu den Gefühlen, zum Glamour im Alltag. Jetzt glänzt Johann Wanners Gesicht. Ein paar Glimmer kleben auf seiner Stirn.

Erstellt: 30.11.2010, 20:10 Uhr

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