«Für mich wirkt diese Begründung wie ein Witz»

Die «New York Times» verzichtet in Zukunft auf politische Cartoons und entlässt ihren Schweizer Karikaturisten Patrick Chappatte. Der zeichnet ein düsteres Bild.

Die «New York Times» verzichtet fortan ganz auf politische Karikaturen. Foto: AFP

Die «New York Times» verzichtet fortan ganz auf politische Karikaturen. Foto: AFP

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Herr Chappatte, dass die «New York Times» Sie und Heng Kim Song nicht mehr als politische Cartoonisten beschäftigt und den täglichen politischen Cartoon komplett einstellt, hat heftige Kritik ausgelöst. Auch Sie betrachten das als Alarmzeichen.
Wir sollten aufwachen! Die Medien haben offenbar noch keinen Weg gefunden, mit den sozialen Medien und ihren Empörungsmechanismen, ihrer Shitstorm-Dynamik umzugehen. Sie tun ihren Job nicht – nämlich Dinge einzuordnen, von allen Seiten zu beleuchten, zu analysieren und zu differenzieren –, sondern sie verhalten sich hilflos und wählen den Weg des geringsten Widerstandes. Lieber keine Cartoons mehr, das ist sicherer.

Sie vermuten, dass der grosse Shitstorm nach der Netanyahu-Karikatur im April der Auslöser für diese Kündigung war. Hatte die NYT nicht schon lang geplant, ihre internationale Ausgabe an die inländische Papierausgabe anzupassen – in der es ja nie einen politischen Cartoon gab?
Das ist heute die offizielle Lesart. Aber für mich wirkt es wie ein Witz, wenn sie behaupten, der Stopp hätte nichts mit der Aufregung um die Zeichnung des portugiesischen Cartoonisten António Moreira Antunes zu tun. Nie war vorher davon die Rede gewesen, die politischen Cartoons zu streichen. Im Gegenteil: Als ich 1995 nach New York kam, hiess es, die NYT würde nie welche haben. Doch dann gab es sie mehr und mehr. Anfangs zeichnete ich in der «International Herald Tribune», die später samt Cartoons in der internationalen Ausgabe der «New York Times» aufging. Letztes Jahr begann man sogar, meine Cartoons auf den chinesischen und spanischen Websites der NYT in Übersetzung zu veröffentlichen! Im April erschien dann diese Netanyahu-Karikatur, es hagelte Antisemitismus-Vorwürfe, die Zeitung ging durch die Hölle. Sie entschuldigte sich und kündigte sofort das Syndikat, von dem sie die Karikatur bezogen hatte. Jetzt sind auch wir festangestellten Cartoonisten nicht mehr erwünscht.

Die umstrittene Zeichnung des portugiesischen Cartoonisten António Moreira Antunes in der «New York Times».

Wie beurteilen Sie die Karikatur, die Netanyahu als Blindenhund mit Davidstern zeigt, der den blinden Trump mit Kippa führt?
Sie hätte nicht veröffentlicht werden dürfen. Allerdings glaube ich nicht, dass sie bewusst antisemitisch gemeint und angelegt ist. Sie ist hässlich und nicht sehr gut. Dass Trump eine Kippa trägt, leuchtet nicht ein; und den Davidstern als Erkennungszeichen zu verwenden, ist problematisch. Ich persönlich zeichne auch grundsätzlich Menschen nicht als Tiere, habe das höchstens ein, zwei Mal in meiner Karriere getan. Aber: Immer gleich mit dem «Stürmer» zu vergleichen und mit der Nazi-Ideologie, halte ich für falsch. So ein Vergleich ist völlig unangebracht und nicht richtig gegenüber den Opfern der Nazis. Und es ist ein Killer-Argument. Ein konstruktives Gespräch über Konflikte und Themen ist so nicht mehr möglich. Genau darum ging es mir in meinem Post, der jetzt zur Debatte führte.

Wovor haben Sie Angst?
Mir bereitet es Sorge, wenn die vierte Gewalt im demokratischen Staat vor dem Mob einknickt. Also dass der krasse Backlash – den besonders die extreme Rechte, die Breitbart-Fans und andere Extreme so gut zu orchestrieren wissen – tatsächlich Wirkung zeigt. Der Cartoon ist ja nur ein Symptom: Man will die Medien einschüchtern, die Journalisten, die missliebige Dinge schreiben. Die Leute heutzutage sind sehr empfindlich, schnell beleidigt, und sie finden in den sozialen Medien einen Hallraum. Aus dem Beleidigtsein wird moralische Empörung und Aggression. Wir haben noch nicht gelernt, wie Erwachsene mit den digitalen Technologien umzugehen. Das Verhalten ist kindisch – und gefährlich.

Wurden Sie selbst schon angegriffen?
Als Benjamin Netanyahu 2015 den US-Kongress besuchte, dieser Termin aber vor der Obama-Regierung geheim gehalten worden war, da habe ich den israelischen Premier auch in der NYT karikiert. Und prompt brach eine Welle von Antisemitismus-Vorwürfen über mich herein. Rund 24 Stunden schob ich Panik. Dann rief mich der Redaktor an und bat mich, noch eine Karikatur nachzulegen. Das war mutig. 2018 kündigte die «Süddeutsche Zeitung» dagegen einem langjährigen Karikaturisten innert weniger Tage, nachdem er den israelischen Ministerpräsidenten mit wulstigen Lippen und riesiger Nase gezeichnet hatte. Ohne Diskussion. Und der grossartige Rob Rogers verlor seine feste Stelle bei der «Pittsburgh Post-Gazette» nach einer Reihe Trump-kritischer Karikaturen. Auch die NYT fürchtet sich sehr vor dem Stempel «Trump-Hasser».

Dabei fährt die NYT doch sehr gut mit ihrem kritischen Blick auf die Regierung, oder?
Aber man hat sich Unparteilichkeit und Wahrheitssuche auf die Fahnen geschrieben. Das ist ja auch richtig so. Das heisst aber nicht, alles auszublenden, was wehtut. Jeder Cartoon kann beleidigen. Satire ist kein Samtkissen. Wir müssen einen kontrollierten Umgang mit explosiven Reaktionen lernen: Sonst gewinnen stets die, die am lautesten schreien. Das darf nicht sein.

Was raten Sie den Medien?
Bewahrt die Nerven! Bietet Plattformen fürs Gespräch, startet Diskussionen, liefert Analysen. Mit einem Shitstorm umzugehen, muss eingeübt werden. Gerade Bewegungen mit autokratischen Tendenzen und ihre führenden Figuren haben oft keinen Humor und eine sehr dünne Haut. Darauf darf man in einem demokratischen Staat, der zu seiner Pressefreiheit, Meinungsfreiheit und Kunstfreiheit steht, keine Rücksicht nehmen. Aber ich glaube auch, dass sich das Blatt allmählich wendet.

Wieso?
Schon wegen der Menge an ermutigenden Reaktionen, die ich auf meinen Post erhielt. Wegen der klaren Kritik am Schritt der NYT, wegen den Diskussionen auf CNN über die Abschaffung des Cartoons. Sogar Fox News berichtete darüber und zitierte mich ausführlich. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 11.06.2019, 17:56 Uhr

Patrick Chappatte hat Karikaturen für diverse Medien wie die «NZZ am Sonntag», «Le Temps», «Der Spiegel» gezeichnet – und für die «New York Times». (Bild: Keystone )

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