Interview

«Georg hatte einen unglaublichen Verschleiss an Drachen»

Tolkiens Drache Smaug erobert aktuell die Kinos. Autor Wolfgang Schwerdt über Smaug, die kulturelle Bedeutung der geflügelten Ungeheuer – und ihre natürlichen Feinde.

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Wie schätzt der Experte Peter Jacksons Film-Drache Smaug ein?
Er gleicht den unzähligen stromlinienförmigen Mainstream-Fantasiedrachen, die seit vielen Jahren mit nur sehr dezenten Unterschieden Buchcover, Spiele und Filme bevölkern. Pate gestanden hat hier mit Sicherheit der Publikumsgeschmack.

Inwiefern unterscheidet er sich von Tolkiens Original-Smaug?
Tolkiens literarischer Smaug, der am Gold hortenden Drache aus «Beowulf» angelehnt ist, war alles andere als harmlos, er war aber – ich habe den Film allerdings nicht gesehen – als Persönlichkeit sicherlich differenzierter ausgearbeitet und damit greifbarer als ein sinnlos herum mordendes Monster. Eindrucksvolle Drachenanimationen ohne gute Story allein reichen aber nicht aus, um das Interesse am Drachen zu fördern.

Was sind Beispiele für gute Drachengeschichten?
Abgesehen von den spannenden Geschichten von Beowulf und dem Drachen Fafnir der Nibelungensaga, sind meine modernen Favoriten die Filme «Jabberwocky» und «Dragonheart».

Was fasziniert uns an Drachen?
Es ist wohl die Tatsache, dass er seit Jahrtausenden ein kultureller Bestandteil der menschlichen Zivilisationen und als solcher unglaublich anpassungsfähig ist. Drachen verkörpern, vereinfacht gesagt, in ganz unterschiedlicher Art und Weise gesellschaftliche Konflikte oder komplexe Naturphänomene von gesellschaftlicher Bedeutung.

Erläutern Sie das bitte.
In vielen Kulturen wurde die Natur als lebendiges Wesen gesehen und auch erfahren. Naturphänomene wie Unwetter, Blitz und Donner, an- und abschwellende Flüsse, die Mensch und Vieh verschlingen, Bergrutsche oder Lawinen liessen und lassen sich noch heute – wenn man möchte – als Lebensäusserungen eines übermächtigen Wesens erleben. Dieses Wesen ist innerhalb dieser Erfahrungswelt dann so real, als sei es ein biologisches, weil es einfach all das macht, was ein im biologischen Sinne existierendes Wesen auch tut. Es brüllt wie ein Löwe, frisst wie ein Krokodil, atmet wie der Mensch, wird geboren, wächst heran und stirbt. Der Drache ist in dieser Hinsicht eben nicht einfach Symbol für irgendetwas und schon gar kein Fantasieprodukt, sondern die real existierende und übrigens auch begreifbare Verkörperung des Wesens Natur in seinen vielfältigen Ausdrucksformen.

Welche Funktion haben Drachen im Christentum und in der Bibel?
Interessanterweise spielen die Drachen in der Bibel selbst eine recht untergeordnete Rolle. Umso mehr werden sie aber für die geistigen und kriegerischen Auseinandersetzungen innerhalb des Christentums und gegenüber anderen Religionen als mächtige propagandistische Kämpfer und Drohkulisse rekrutiert. Der heilige Georg als Drachentöter der Gegenreformation hatte beispielsweise einen geradezu unglaublichen Verschleiss an Drachen, die jeweils falsch-, anders- oder ungläubige Feinde repräsentierten.

In China wiederum sind Drachen positiv besetzt. Wieso?
Die chinesischen Drachen verkörpern die asiatische Philosophie des Sowohl-als-auch. Sie sind eigentlich nicht positiv besetzt, weil die chinesische Kultur keine Trennung in gut/böse, schwarz/weiss, richtig/falsch kennt. Sie sind damit auch nicht negativ besetzt, sie entsprechen schlichtweg nicht unserem christlich geprägten kulturellen Verständnis. Im Grunde haben die chinesische und die vorderasiatisch-europäische Kultur unterschiedliche Wege in ihren gesellschaftlichen Strukturen und philosophischen Entwicklungen genommen und die jeweiligen Drachenvorstellungen verkörpern genau das.

Welches ist der älteste Drache?
Als ältester, schriftlich belegter Drache gilt Tiamat, eine sumerische Urgottheit, die vom babylonischen Stadtgott Marduck getötet wurde. Die Überlieferung findet sich auf Schrifttafeln aus dem ersten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung und ist in seinen Ursprüngen sicher noch ein, zwei tausend Jahre älter. Aber die Entstehung der Vorstellung vom Drachen verliert sich tatsächlich im Dunkel der Menschheitsgeschichte.

Würden Sie sagen, dass das «Alien»-Design vom Schweizer Künstler HR Giger im gleichnamigen Film von Drachen beeinflusst worden ist?
Keine Ahnung, was der Künstler bei der Erschaffung dieser Figur eingenommen hat. Aber mich erinnert das Wesen eher an ein lebendig gewordenes Dinosaurierskelett.

Dass Drachen Vorfahren von Dinosauriern waren, war tatsächlich eine weitverbreitete Meinung, nicht?
Der Versuch, die Vorstellung vom Drachen von den Sauriern abzuleiten, entspringt den kulturellen Entwicklungen des 19. Jahrhunderts. Im Rahmen des Einzugs der Natur- und Ingenieurwissenschaften in alle Lebens- und Denkbereiche wurde auch der Drache aus dem gesellschaftlich-kulturellen Zusammenhang herausgelöst und biologisiert, also mit einer naturwissenschaftlichen Erklärung versehen. Das war auch ein Versuch, dem romantisch-esoterischen Modetrend dieser Zeit entgegenzuwirken.

Bis wann glaubte man in Europa ernsthaft an die Existenz von Drachen?
Bis heute, zumindest in den fundamentalistisch-religiösen Bereichen unseres und der verwandten Kulturkreise. Denn er wird ja in den Heiligen Schriften erwähnt. In China respektive Asien dürfte er in seiner ursprünglichen gesellschaftlichen Bedeutung ebenfalls noch in vielen Teilen der Bevölkerung als real existierend begriffen werden.

Heute trifft man allerdings auch viele süsse Drachen an, etwa im Animationsfilm «How to train your dragon». Gab es diese Verniedlichung von Drachen bereits früher – oder ist das ein modernes Phänomen?
In der Form ist es zweifelsohne ein modernes Phänomen, das ja nicht nur den Drachen betrifft. Tatsächlich aber findet eine gewisse Form der Verniedlichung beziehungsweise «Entschärfung» bereits in den Sagen und Legenden, vor allem im Volksglauben statt. Da gibt es die beinahe hilflos wirkenden Lindwürmer, die selbst von Bauersknechten mühelos erschlagen werden konnten, oder den hilfreichen, eher heinzelmännchenartigen Hausdrachen, der sich auch als nette Beschützerschlange beispielsweise bei den Sklaven findet.

Haben Drachen eigentlich natürliche Feinde – ausser dem Menschen?
Nein.

Von was ernähren sie sich in den Geschichten?
Man könnte sagen: von menschlicher Machtgier und gesellschaftlichen Konflikten.

Welches ist Ihr Lieblingsdrache?
Das ist Fafnir, der Drache aus der Nibelungen- beziehungsweise Sigurdsaga. Als ehemaliger Mensch, dessen Gier ihn hat zum Drachen werden lassen, verkörpert er den engen gesellschaftlichen Zusammenhang, ohne den Drachen gar nicht existieren würden. Als Wesen, dessen Blut beziehungsweise Herz einen direkten Zugang des Menschen zur Natur herstellt – wer davon isst, versteht die Sprache der Tiere – verkörpert er ein weiteres wesentliches Element eines Drachen. Und als Opfer skrupelloser Schlagetots, die drachentötenden Helden der Sagen, dokumentiert er das Verhältnis der zeitgenössischen Eliten zur Natur und ihr Selbstverständnis in Bezug auf ihre jeweilige Gesellschaft. Ein echter Drache mit kulturgeschichtlichem Tiefgang eben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.12.2013, 10:32 Uhr

Wolfgang Schwerdt ist Kulturwissenschaftler, Autor und Journalist. Zu seinen Büchern gehört «Andre Zeiten, andre Drachen - Die Kulturgeschichte des Drachen» (siehe unten).

Wolfgang Schwerdt: Andre Zeiten, andre Drachen - Eine Kulturgeschichte des Drachen. Vergangenheitsverlag, 2010.

Trailer: Smaugs Einöde

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