Geschäftsmodell Weltuntergang

Alle Jahre wieder geht die Welt unter. Angeblich. Am Wochenende wäre es wieder einmal so weit gewesen, aber auch diesmal hat es nicht geklappt. Trotzdem war der Entrückungstag ein voller Erfolg.

Weltuntergang im Zeitalter der Medialisierung: Anhänger des Radiopredigers Harold Camping informieren die New Yorker Passanten über die vermeintliche Apokalypse.

Weltuntergang im Zeitalter der Medialisierung: Anhänger des Radiopredigers Harold Camping informieren die New Yorker Passanten über die vermeintliche Apokalypse. Bild: AFP

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Letzten Samstag um 18 Uhr Ortszeit sollten Erdbeben die Welt erschüttern und die Apokalypse einläuten: Rapture Day, der Tag der Entrückung, die Vorstufe zum Weltuntergang.

Die Prophezeiung stammte nicht von irgendeinem transzendentalen Guru, sondern von einem Naturwissenschaftler. Harold Camping, Ingenieur im Ruhestand, will aufgrund einer numerologischen Analyse der Bibel, die mathematisch Minderbegabten genauso wie logisch denkenden Menschen unergründbar ist, die genauen Stunden und Örtlichkeiten der Apokalypse errechnet haben. Allerdings hatte er einen solchen Entrückungstag bereits für den 6. September 1994 angesetzt - mit bekanntem Ausgang.

Geld kann man nicht mitnehmen

Doch Camping und seine Anhänger sind keineswegs Pessimisten, wie man vermuten würde. Wer nämlich bibeltreu lebt und aufrichtig an Gott glaubt, wäre am letzten Wochenende direkt in den Himmel aufgestiegen. Laut Berechnungen des selbsternannten Priesters müsste es sich dabei um ungefähr 200 Millionen Menschen handeln. Der Rest der Erdbevölkerung muss apokalyptische Höllenqualen erleiden bis dann am 21. Oktober 2011 endgültig Schluss ist und die Welt untergeht.

Trotz Endzeitstimmung haben die Anhänger des Family-Radio-Predigers nicht nach dem Motto «Nach mir die Sintflut» gehandelt, sondern verantwortungsbewusst versucht, ganz Amerika mit millionenteuren Plakatkampagnen auf das wichtige Datum hinzuweisen. Geld kann man schliesslich nicht mitnehmen. Und so war auch der diesjährige Weltuntergang vor allem eins: ein finanzieller Erfolg. Profitiert hat – wen wundert es – Harold Camping und sein Medienimperium Family Radio.

Schmerzensgeld für den Propheten und vorwitzige Atheisten

Laut dem amerikanischen Online-Newsportal «Christian Post» soll das Radionetzwerk Family Radio den Amerikanern über 66 Radiostationen die Botschaft der Bibel näherbringen. Sogar in Nigeria kann man Campings feurigen Reden lauschen und online ist das Radioprogramm, dass neben Predigten auch christliche Musik verbreitet, in über 61 Sprachen verfügbar. Das Firmenvermögen der Radiostation soll sich auf 120 Millionen Dollar belaufen und ist nach zahlreichen Spenden von Anhängern des Radiopredigers sicherlich noch zusätzlich gewachsen.

Doch auch findige Ungläubige kamen auf ihre Kosten: Eine eigens gegründete US-Firma bot den Sektenmitgliedern gegen Vorausbezahlung an, nach ihrer Himmelfahrt während den verbleibenden fünf Monaten für ihre Haustiere zu sorgen. Angeblich erhielt die Firma Hunderte von Aufträgen.

Wie man sich einen verpatzten Weltuntergang schönreden kann

Und jetzt? Was geht in all den Menschen vor, die in Anbetracht des nahenden Endes ihren Job gekündigt, das Haus verkauft und die Ersparnisse an Camping gespendet haben?

Sie reagieren so wie wir alle, wenn unsere Erwartungen nicht mit der Realität übereinstimmen, sie suchen nach plausiblen Erklärungen. Bereits vor gut 60 Jahren hat der US-amerikanische Sozialpsychologe Leon Festinger anhand der Theorie der kognitiven Dissonanz die Reaktionsmuster auf unerwartete Ereignisse (oder eben Nicht-Ereignisse) in vier Kategorien eingeteilt:

Einige (wenige) lassen ihrem Frust freien Lauf, indem sie – wie jetzt in Sacramento geschehen – die Klimaanlage einer der Radiostationen des 89-jährigen Propheten zertrümmern.

Andere (ebenfalls wenige) sehen ein, dass sie möglicherweise falsch lagen und werden für das Sprichwort «Lebe, als wäre es dein letzter Tag» in Zukunft nur ein müdes Lächeln übrig haben.

Die dritte Gruppe versucht, dem Ganzen doch noch etwas Positives abzuringen: «Immerhin hatte ich die Gelegenheit, das ganze Land zu sehen» zitiert die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» den 38 Jahre alten Keith Baur, der mit Frau und Tochter alles hinter sich gelassen hatte und von Maryland nach Kalifornien tingelte, um pünktlich zur Himmelsfahrt in Oakland, dem Hauptquartier von Camping, einzutreffen.

Der weitaus grösste Teil von Campings Anhängern ist jedoch im Glauben unbeirrt: Die Standhaften lösen den inneren Konflikt, indem sie sich darob freuen, dass Gott ihnen doch noch eine Gnadenfrist gewährt habe. Und schliesslich ist aufgeschoben nicht aufgehoben. Die nächste Weltuntergangswarnung kommt so sicher wie das Amen in der Kirche – in der Zwischenzeit lässt sich mit den Heilssuchenden gutes Geld verdienen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.05.2011, 15:22 Uhr

Kennt das Ablaufdatum der Welt: Prediger Harold Camping.

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