Geschichtsspektakel mit schnaubenden Pferden

In Schaffhausen wird ein Ritterturnier ausgetragen, das die Kultur des Mittelalters vergegenwärtigen soll.

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Die Pferde schnauben und scheuen, später knallts gewaltig an dem Nachmittag, an dem die Ritterspiele von Schaffhausen eröffnet werden. Während zehn Tagen werden hier die besten Turnierreiter Europas auf ihren Prachtpferden aufeinandertreffen und, jeweils nachmittags und abends, im Zweikampf ihre Lanzen zum Splittern bringen.

Es ist ein Spektakel mit beträchtlichem Schauwert. Aber eigentlich ist das nicht der Grund, wieso diese Ritterspiele stattfinden. Sondern diese Spiele, die vom Museum zu Allerheiligen ausgerichtet werden, sollen uns Zuschauern historisch korrekt eine Zeit nahebringen, in der in Schaffhausen und anderswo mit den Turnieren die höfische Kultur gepflegt wurde. Und zu dieser Hofkultur gehörte eben nicht nur die Kriegskunst, die im Hinblick auf mögliche Konflikte und gegen die reale Langeweile auf den abgelegenen Burgen und Höfen mit den sportiven Wettkämpfen eingeübt wurde. Vielmehr waren die Turniere auch ein wichtiges soziales und politisches Ereignis: Auf ihnen wurden Heiraten verabredet, diplomatische Beziehungen gepflegt und Gericht über all jene gehalten, die gegen die Gesetze des Adels verstossen hatten.

«Welsches Gestech» für die Dame

Mehrere Aspekte der mittelalterlichen Hofkultur werden auf dem Ritterturnier vermittelt, das Schaffhausen mit der Hofreitschule Bückeburg bei Hannover entwickelt hat. Damit dies gelingen kann, hat Peter Jezler, Direktor des Museums zu Allerheiligen, das Turnier in eine Rahmenhandlung eingepackt. Und die geht so: Pero Tafur, ein historisch verbürgter Kastilier, reist 1438 ans Ritterturnier in Schaffhausen. Dort trifft er auf Margarethe von Klingenberg, die er bereits von deren Pilgerreise durch Spanien kennt.

Nach der Überreichung von Geschenken – einem Falken und einem Windhund – erklärt die von Klingenberg dem fremden Gast die verschiedenen Diszi­plinen und Gebräuche des Turniers. Allen voran das «welsche Gestech», bei dem die reitenden Ritter getrennt von einer Holzplanke aufeinander zurennen, was wesentlich ungefährlicher sei als die Variante ohne Planke, bei der die Pferde übereinanderstürzen könnten. Später sehen wir, wie der Ritter Heinrich von Ramstein abgestraft wird, weil er eine bürgerliche Frau geheiratet hat, was im mittelalterlichen Adel ein absolutes No-go war.

Historisch gesehen, ist das alles sehr interessant. Aber zugegebenermassen bannen einen diese Ritterspiele immer dann am stärksten, wenn das Rollenspiel der Rahmenhandlung zurücktritt und die ergebnisoffenen Kämpfe mit der ganzen Wucht der Lanzenstösse in den Vordergrund treten. Zwar werden die einzelnen Gefechte nicht ganz so blut­ernst ausgetragen, wie es der You­tube-Trailer verspricht. Aber es macht schon grossen Eindruck, wenn die Reiter sich im vollen Galopp die Metallkrönchen der Lanzen auf die schweren Rüstungen setzen und damit das massive Fichtenholz ihrer Lanzen zum Splittern bringen. Und man staunt, wenn der verschenkte Falke nach einer Runde über den Dächern der Altstadt zurückkehrt, um im Sturzflug ein gefedertes Tier­double zu schlagen.

Regelfreie Schwertkeilereien

Nicht zuletzt erwacht auch das krawallsüchtige Kindergemüt im erwachsenen Zuschauer, wenn die Ritter sich mit Schwertern den Putz vom Helm hauen oder sich beim Kolbenkampf, einer weitgehend regelfreien Keilerei, mit knüppeldicken Holzschwertern auf die Rüstungen schlagen, dass es knallt wie beim Dosenwerfen auf dem Kindergeburtstag.

Keine Frage, diese aufwendig rekonstruierten Ritterspiele sind perfekt für Familien, die mit ihren schulpflichtigen Kindern ins Mittelalter eintauchen wollen. Dazu trägt auch das Rahmenprogramm bei: Neben den Wettkämpfen auf dem Herrenacker gibt es im Kreuzgang des Museums zu Allerheiligen die Company of Saynt George, eine internationale Reenactment-Truppe, die das mittelalterliche Lagerleben nachlebt. Hier werden die Ritter in ihre Rüstungen eingekleidet; hier wird mit Lanzen exerziert, während Musikanten aufspielen, Marketender ihre Waren feilbieten und in einer Zeltküche nach mittelalterlichen Rezepten gekocht wird. Selbstverständlich gibt es auch ein Ponyreiten.

Auch hier im Lager verfolgt man einen möglichst hohen Authentizitätsanspruch: Die Mitglieder der Reenactment-Truppe wollen das Mittelalter nachleben – und nicht nur spielen. Deshalb campen sie während der gesamten Ritterspiele im Kreuzgang, geben dafür ihre Ferien her und, im Fall der Reiter, auch ein Gutteil ihres privaten Vermögens, denn Pferde und Rüstungen sind oft sehr teuer. Ein solcher Enthusiasmus für eine historische Epoche ist beeindruckend – und die vielen sommerlichen Mittelalterspektakel in der ganzen Schweiz und im Ausland zeugen vom grossen Publikumsinteresse.

Aber letztlich sind die spielerischen Rekonstruktionen des Turniers und Lagerlebens in Schaffhausen nur Hinführungen zur Ausstellung im Museum zu Allerheiligen, in der alle Facetten der Turnierkultur vermittelt werden. Hier und mit dem opulenten Katalog kann man also alles noch mal vertiefen, was angesichts des Spektakels möglicherweise unterging.

Das absolute Highlight der Ausstellung sind die Ritterrüstungen, deren Entwicklung seit der Antike mit zahlreichen Objekten detailliert nachgezeichnet wird – und die um 1500 unter Kaiser Maximilian I. so weit fortgeschritten war, dass sie aussehen, als hätte man heutige Designer von italienischen Kaffeemaschinen oder Sportwagen mit ihrer Gestaltung beauftragt. Es sind silberblitzende Rennanzüge, die mit ihrer eleganten Linienführung bannen. Darunter die Kampfanzüge von Maximilian I. und des Erzherzogs Sigmund von Tirol. Das sollte man sich nicht entgehen lassen.

Ritterspiele bis 20. Juli. Ausstellung bis 21. September. www.allerheiligen.ch

(Erstellt: 11.07.2014, 22:31 Uhr)

Rüstungen wie silberblitzende Rennanzüge: Die Company of Saynt George spielt das Mittelalter nach. Video: Museum zum Allerheiligen

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