Gestatten: Die Drecksack-Linken

Weil es alle verdient haben, respektlos behandelt zu werden: «Chapo Trap House» ist der amerikanische Podcast, den man gehört haben muss.

Die Gastgeber von «Chapo Trap House», mit Virgil Texas (ganz links). Foto: PD

Die Gastgeber von «Chapo Trap House», mit Virgil Texas (ganz links). Foto: PD

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Die Freunde Will Menaker, Matt Christman, Felix Biederman, Amber Frost und Virgil Texas steigen gern mit Blödeleien in ihren Podcast «Chapo Trap House» ein. Gibt es einen guten Grund, Kinder zu kriegen? Natürlich, nämlich dann, wenn die Beziehung auseinanderzubrechen droht.

Das Problem mit hoher Intelligenz ist, dass sie nur erträglich wird durch gezielte Albernheit, das wissen die Gastgeber von «Chapo Trap House». Die politischen Köpfe tauschten sich erst auf Twitter aus und gründeten im Trump-Jahr 2016 ihren Podcast. Der Name ist Unsinn, er sollte einfach beknackt klingen. In der Szene der amerikanischen Linken haben sich die Podcast-Macher mittlerweile aber eine Bekanntheit erarbeitet, weil sie Respektlosigkeit als etwas verstehen, das alle verdient haben.

Gern lesen sie sich gegenseitig die dümmsten Editorials aus den grossen Zeitungen vor, speziell kommen jene dran, die sich als links bezeichnen können, solange niemand allzu genau hinschaut. Aktueller Testfall ist der Kinofilm «Joker» über den Mörderclown.

In den USA, wo die Empörungstemperatur bei so etwas immer ein paar Grad höher ist, verdammen selbst progressive Meinungsmacher den Filmhelden als pathologischen Attentäter. Für die Kollegen von «Chapo Trap House» eine mediale Strategie, um nicht von der Solidarität der Masse reden zu müssen, von der «Joker» handelt.

Die «Joker»-Episode.

Dabei ist es die amerikanische Linke, die an einer Psychose krankt: Immer alles so umdeuten, dass man nie einen Gedanken an kollektive Projekte verschwenden muss, immer diese Seriosität vorspielen, damit man ja niemandem in die Quere kommt.

Unter den Liberals gebe es eine Sehnsucht nach Ereignislosigkeit, sagt «Chapo»-Host Virgil Texas am Telefon. «Das trifft auf bestimmte wohlhabende Linke zu, die sich für gute Menschen halten und in den sozialen Medien Posts absetzen wie ‹Wenn Hillary gewonnen hätte, sässen wir jetzt alle beim Brunch.›» Diese Leute hätten sich so bequem in ihrem Leben eingerichtet, dass sie Politik durch eine allgemeine Idee von Empathie ersetzt haben.

Da macht «Chapo» nicht mit, die Podcast-Macher zählen sich zur «Drecksack-Linken», das sind Leute, die die Vulgarität nicht den Politikern überlassen wollen und auch mal im Auto übernachten, weil die Miete zu teuer geworden ist. Nicht selten werden Gramsci und Marx zitiert, konkret stehen die Podcast-Kollegen hinter Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders, was den Hosts auch schon den Vorwurf eingetragen hat, sie gehörten ja selber zu einer Kumpel-Clique von «Bernie Bros».

Das ist nicht ganz falsch, entschärft aber ihre Kritik nicht. Das Amtsenthebungsverfahren von Donald Trump etwa: Langweilig, ein Reboot der Untersuchung durch Robert Mueller, das ebenso ergebnislos verlaufen wird. «Ich unterstütze das Impeachment, glaube aber nicht, dass es Auswirkungen hat auf Trumps Chancen, wiedergewählt zu werden», sagt Texas. Immerhin bringe es den Präsidenten dazu, auf lustige Art zu reagieren.

Schlagen müsse man Trump in den Wahlen 2020, aber wie, mit Joe Biden? Wenn die Anhänger der Demokraten ihr Kreuzchen machen, haben sie gemäss Texas nur eins im Kopf: Wer ist von allen der Wählbarste? Sie würden sich ein Gegenüber imaginieren, einen gemässigten Republikaner, und sich fragen, welcher Kandidat ihn überzeugen könnte. «Aber das ist Selbstverleugnung, denn wer ist dieses fantasierte konservative Gegenüber? Das sind sie selber.»

Die Folge zur Ankündigung des Impeachment-Verfahrens.

In den USA sei sowohl das Programm der Demokratischen Partei wie auch die öffentliche Diskussion systematisch von klassenkämpferischen Argumenten gereinigt worden. Vielen Bürgern fehle heute jedes Analyseraster, um zu verstehen, was Sparprogramme für sie bedeuten würden.

«Chapo» ist auch deswegen so komisch, weil viele Satireshows in der Trump-Ära an kritischem Drive verloren haben. Die Autoren der «Daily Show» seien selber Teil der Medienelite, so Texas, und für den Moderator Trevor Noah reiche es heute aus, mit gespielter Empörung über den neusten Trump-Clip zu lachen. Die Zuschauer wüssten dann wieder, was der Präsident für ein furchtbarer Mensch sei, und könnten gestärkt in den Alltag zurückkehren.

Dabei ist das der Moment, in dem die analytische Drecksarbeit erst wirklich beginnt. «Chapo Trap House» entzerrt die Realität, bis die ausbeuterischen Verhältnisse offen daliegen. Wirklich bescheuert.

Erstellt: 18.10.2019, 20:36 Uhr

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