Gestern an die Street Parade, heute ans Schwingfest

Warum begeistern sich junge Städter neuerdings dermassen fürs Schwingen, für das Kräftemessen einer alte Hirtenkultur vom Land?

Fahne und Schwinger: Schwingfest auf dem Stoos 2010.

Fahne und Schwinger: Schwingfest auf dem Stoos 2010. Bild: Keystone

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Kein Mensch war zu sehen, als die Bundespräsidentin vom Berg herabsagte, hier sei sie den Menschen nahe. Sie stand auf dem Lindenberg über dem aargauischen Reusstal, und im Hintergrund waren ein See und noch ein Berg zu sehen. Es war der 1. August, und Doris Leuthard hatte, wie es der Brauch ist, ein paar Worte über die Schweiz als Heimat in die Fernsehkameras zu sprechen. Niemanden konnte es wundern, dass sie sagte, es seien die Menschen, die einem Nähe und Heimat gäben. Wenn nur diese Menschenleere nicht gewesen wäre.

Es war ein gespenstisches, jedenfalls entlarvendes Bild. Nicht für die Bundesrätin. Eher für das seltsame Heimweh der Schweizerinnen und Schweizer nach dem Land. Denn auch wenn der Mensch nicht nur in der Altenpflege und Steuereintreibung, sondern offenbar auch in der Heimatliebe im Mittelpunkt steht: Es sind dann doch die Berge, die besungen werden, die Täler und die Hirtenkultur der Schwinger, Jodler und Alphornbläser. Swissness ist ländlich, und am besten sieht man das im Schweizer Fernsehen, das vom Staat ja dafür bezahlt wird, eine «idée suisse» auszulegen.

Ein Flaggschiff dieser Idee, die Nachrichtensendung «Schweiz aktuell», wurde von der Programmkommission der SRG Bern-Freiburg kürzlich dafür gerügt, dass sie urbane Themen vernachlässige. Auch «SF bi de Lüt» ist nur selten bei den Leuten. Schliesslich leben 5,6 von 7,7 Millionen der Einwohner in diesem Land in städtischen Agglomerationen, aber Wollishofen, Emmen oder Muttenz sind als Kulisse für den gemütlichen Feierabend offenbar unzumutbar. Kein Wunder, gleicht das Fernsehen selber einem Dorfplatz, auf dem man immer dieselben Leute sieht. Salü Sven, hoi Mona, grüezi Sascha und tschau Nik, was macht der Hund?

Wie die Heimat alpin wurde

Als Zuschauer wähnt man sich bald in einem der Dörfer, die auf der Wetterkarte von «Meteo» neuerdings anstelle der Zentren zu sehen sind. Und man kommt nicht umhin, die metaphysische Dimension der Orientierung zu spüren, die hier angeboten wird.

Es ist ja tatsächlich eine fixe Idée suisse. Aber woher kommt sie? Warum interessieren sich Menschen, die auf einem Finanzplatz oder in der Immobilienbranche arbeiten, für Handörgeli und Zwilchhose? Die Obsession der Verstädterten für das Land reicht weit in die Zeit zurück, als am Leutschenbach noch Kartoffeln wuchsen. Während Frankreich, Italien oder England im Nation Building des 19. Jahrhunderts die urbane, ja elitäre Kultur nutzten, um das Land zu verklammern, machte die bürgerliche Elite in der Schweiz aus der so gut wie ausgestorbenen Hirten- eine national eingefärbte Volkskultur.

«Grossinszenierung eines alpinen Gegenraums»

Das erste Unspunnenfest von 1805, für das die letzten Alphornbläser des Landes aufgespürt wurden, war die erste «Grossinszenierung eines alpinen Gegenraums», wie es der Historiker Jakob Tanner nennt. Gegenräume darum, weil die alpin auftrumpfende Expo in Genf (1896) und das Landidörfli in Zürich (1939) stattfanden, und weil auch die Jodel- und Schwingfeste immer öfter von Städten organisiert werden.

Das frivolste Beispiel eines solchen Gegenraums war aber das Reduit. Mehr eine mentale als eine reale Trutzburg in widrigen Zeiten, zeigt es: Das steile Hinterland wird nicht mehr als Gefahr begriffen, sondern als Schutzmacht – gegen fremde Armeen und andere Mächte: «Die Hinwendung zum Naturschönen lässt sich als integraler Teil der Modernisierung verstehen», schreibt der Historiker und Ethnologe Marius Risi (in «Alltag und Fest in der Schweiz»). Als das 20. Jahrhundert anbrach, «hatte das Bild der Schweizerheimat als einer genuin alpinen endgültig Karriere gemacht».

Das klingt nach, wenn die Unterhaltungschefin des Fernsehens die rurale Schlagseite von «SF bi de Lüt» damit verteidigt, man habe den Anspruch, die «authentische Schweiz» zu zeigen.

Das Dorf im Kopf

Allerdings reicht die kompensatorische Sehnsucht nach etwas Vormodernem über den Bildschirmrand hinaus – in die Jodelkurse und den Mundartpop, in die Arenen der Schwinger und des Landschaftstheaters und bis in die Kinos. Da sieht man besonders gerne zu, wenn Wätterschmöcker und Wildheuer, aber auch der Gewaltbauer mit dem «Cœur animal» eine pittoreske Berglerarchaik verkörpern. Es liegt auf der Hand, was hier kompensiert wird: In der Globalisierung ist die wiedererwachte Volkskultur den Schweizern der Ort, wo man seine Wurzeln nachwachsen hört und sieht.

Was einleuchtend klingt, ist aber nur ein Teil der Wahrheit. «Dieser Boom verbindet sich ja nicht mit dem Niedergang etwa der urbanen Partykultur», sagt Jakob Tanner, «es ist nicht so, dass das Ländliche dominiert.» Vielmehr haben die Menschen heute die Fähigkeit, das Unterschiedlichste locker miteinander zu verbinden. Gestern an die Street-Parade, heute ans Schwingfest. «Unsere Gesellschaft hat das Talent, überliefertes Material zu neuen Images zu verbasteln», so Tanner. Zum ersten Mal, seit es die Erlebnisgesellschaft gibt, ist die Volkskultur hierzulande ein Teil davon.

Das hätte sie nicht geschafft, wäre sie noch die gleiche wie vor 150 oder 30 Jahren. Weil, nach dem Zweiten Weltkrieg war sie spiessig geworden. Sie hatte durch die sozialen Verwerfungen der Industrialisierung geholfen. Und genauso half sie, als die Schweiz verstädterte: Die vielen neuen Vereine, die sich in den Agglomerationen um die Folklore kümmerten, retablierten mit jedem Jodellied und jedem Trachtenreihen die dörflichen Strukturen. Wenigstens im Kopf.

Volkskultur wurde Reduit in der Aggloschweiz

In den Mehrzweckhallen der Aggloschweiz wurde die Volkskultur nun tatsächlich zu so etwas wie einem Reduit. Und auch die muffigen Volksmusiksendungen, die der politische Rechtsaussen Wysel Gyr im Fernsehen moderierte, trugen dazu bei, dass die Mehrheit bald lieber zu irischen Reels oder brasilianischem Salsa schwofte als zur uperisierten Ländlermusik. Marius Risi: «Die Schere, die sich zwischen Schein und Sein öffnete, führte vielerorts zu einer Entzauberung der Mythen.» Und damit auch der Volkskultur. Was wir seit einiger Zeit erleben, ist ihre Neuverzauberung, und als Magier treten auf: Archaik, Erotik und Geld.

Entscheidend war das scheinbare Paradox, dass die Folklore die Gestrigkeit ablegte, indem sie ihre Archaik schärfte. Das machte sie als Exotikum fit für den Fun der Städter. Dann begann Jörg Abderhalden, beargwöhnt vom Verband, sich als Star der Schwingerszene zu vermarkten. Und Renzo Blumenthal brachte als James Dean der Berge jene buspere Sexyness in die Szene, die auch die Frage beantwortet, warum derzeit der Schwingerbody ein Popularitätshoch erlebt, aber nicht die garstige Swissness der Waffenläufer.

«Reaktionäre Bildsprache»?

Erst als zeitgemässes Update konnte die alte Hirten- in die neue Eventkultur eingehen und die Budgets der städtischen Standortpromotoren knacken. Ja, es floss Geld: Am Schwing- und Älplerfest in Luzern gab vor sechs Jahren jeder der rund 150'000 Besucher 239 Franken aus. In all dem Geld verschwamm der reaktionäre Ruch: Das Schweizkolorit ist heute ein effizientes Tool des freien und globalen Marktes. Eben teilte die Migros mit, sie führe neuerdings ein «Premium Hundefutter mit 100 Prozent Swissness». Und man kann sich sogar den Punk vorstellen, der das kauft.

Nicht alle halten das für harmlos. Martin R. Dean, Schriftsteller in Basel, warnte kürzlich in der «Wochenzeitung» vor der «Reanimation einer reaktionären Bildsprache» und der «Renationalisierung des Lebensgefühls». Die Bedenken sind nicht von der Hand zu weisen, wenn man weiss, wozu sich national berauschte Gemüter aufwallen können. Bestimmt aber sind sie auch ein Indiz für den Deutungskampf, der über das Urchige einsetzt, jetzt, da es so populär geworden ist. Die «Weltwoche» jedenfalls mag es als Insignium einer «trotzigen Eigenwilligkeit» nicht missen.

Doch öffnet die Volkskultur tatsächlich den Blick in die nationale Seele? Ist es nicht umgekehrt, und wir erleben die Mobilmachung der nationalen Symbole für den globalen Feldzug der Spasskultur? Jakob Tanner kann nicht erkennen, dass sich eine neue, «identitätsstiftende Lebensform» durchsetzt. Im Gegenteil: Die Ökonomisierung und Verspassung der Swissness schmälere das destruktive Potenzial des Nationalen.

Ein fröhliches «Identitäterää»

So gleichen die Events der Volkskultur heute eher dem, was der Autor Wiglaf Droste nach der Wende im deutschen Osten angetroffen und als «Identitäterää» beschrieben hat – eine Festivität, an der sich das Publikum in der Selbstvergewisserung laufend zerstreut. Und das ist auch das, was von der «authentischen Schweiz» übrig bleibt, wenn die Unterhaltungschefin des Fernsehens weiterspricht: «Auch Städter verbinden das Landleben mit Ferien, also Erholung.»

Weil es also um Zerstreuung und Entspannung geht, nimmt man auch den Schönheitsfehler kaum wahr, der an all dem haftet: Das Land gleicht sich selber kaum. Nicht nur in der Stadt hat das Leben wenig mit der Hirtenkultur zu tun, damit, das Wetter zu riechen und Heuballen malerisch über die Fluh zu tragen. Klar, man trifft solche Bilder noch an, wenn man übers Land fährt. Aber immer öfter sieht man dort die Hüsli, die mit der alten Bauernsame so wenig gemeinsam haben, dass man sie mit Surrogaten aus dem Handwerkermarkt ständig nachbessern muss. Und eher als Schwyzerörgeli wird man hier Country und Bluesrock hören. Dieses Milieu ist ein Import, es gleicht der Redneck-Kultur aus dem US-amerikanischen Süden. Die SVP hatte schon recht, als sie diese Landstriche mit Gölä beackern wollte. Denn diese subrurale Inkarnation der globalisierten Schweiz teilt sie mit dem Mundartrocker.

Entspringt eigener Einbildung

Das Land aber, wie es der Städter liebt und konsumiert, entspringt vor allem seiner eigenen Einbildung. Es war im 19. Jahrhundert ein Stadtzürcher, der den «Alpenfirn» in die Nationalhymne dichtete, und es waren die Beizen des Zürcher Niederdorfs, wo in den 20er- und 30er-Jahren die Ländlermusik entwickelt wurde. Heute sind es global operierende Urbanisten aus Ägypten, Russland und Qatar, die in neuen Ferienresorts in Andermatt, Mollens oder auf dem Bürgenstock die Berge nach den Bedürfnissen eines von der Metropole geschlauchten Publikums inszenieren. Was der deutsche Ethnologe und Soziologe Konrad Köstler für das 19. Jahrhundert formuliert, gilt auch heute in der Schweiz: «Man beschrieb eine Kultur nicht so, wie sie war, sondern so, wie man ihrer bedürftig war.»

So ist es schlussendlich kein Widerspruch, wenn sich der Städter im Kino, im Fernsehen und in der Schwingerarena an der ländlichen Kultur erbaut. Denn er schaut ja nur seiner eigenen Sehnsucht zu. Und was wie Heimweh aussieht, ist in Wahrheit nur ein besonders rässes Fernweh. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.08.2010, 07:58 Uhr

Schwingfest auf dem Hirzel: Die Volkskultur ist für die Städter zur Projektionsfläche ihres Fernwehs geworden. (Andri Pol)

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