«Die Eltern dort verbinden es offenbar mit Betteln»

Es ist eine Schweizer Tradition: Schoggitaler verkaufen. Doch die Kinder machen nicht mehr mit wie früher.

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Das war eine geniale Idee. Viel Schokolade wurde 1946 auf hiesigen Strassen verkauft, um im Engadin einen See zu retten. Die Süssigkeit war kostbar, war während des Kriegs rationiert worden – und wirkte noch kostbarer, weil sie in goldig glänzendes Aluminium gehüllt wurde. Und schon waren die ersten 800’000 Schoggitaler unter die Schweizer gebracht.

Zuerst gings um den Silsersee, dann alljährlich um ein neues Projekt von Pro Natura oder des Heimatschutzes. Mal wird zugunsten des Bibers gesammelt, mal für Bergbauernhöfe. Der Kauf eines Talers gehört bald zum bürgerlichen Habitus. Nicht zuletzt, weil ihn Kinder verkaufen und man früher als Kind selbst Taler verkauft hat.

Ohne Kinder stirbt der Taler

Den Taler gibts noch. Doch seine kleinen Verkäufer machen sich rar. Eveline Engeli, die den Talerverkauf organisiert, sagt: «Die Teilnahmen sind seit über 20 Jahren rückläufig.» Das wirkt sich auf den Umsatz aus, der zu fast 90 Prozent von Kindern erwirtschaftet wird; ohne Kinder stirbt der Taler.

Diesen Monat ging der Verkauf 2018 zu Ende. Pro Natura und der Heimatschutz rechnen mit dem schlechtesten Verkauf der Geschichte, knapp über der Grenze von 300’000 verkauften Talern. Letztes Jahr waren gut 345’000 Stück verkauft worden, das bisher schlechteste Resultat. Im Rekordjahr 1969 waren es knapp eine Million gewesen, im Jahr 2006 noch über 600’000. «Manchmal rufen uns ältere Menschen an und fragen, wo die Kinder mit den Talern geblieben seien», sagt Engeli. «An Orten, an denen früher eben noch Taler verkauft worden sind und wo sich heute keine Schulklassen mehr finden dafür.»

Pro Patria hat dasselbe Problem. Auch bei dieser Organisation machten insgesamt weniger Freiwillige mit als früher, darunter auch weniger Kinder, sagt Matthias Vergeat. Er ist Geschäftsführer der Stiftung, die seit 95 Jahren das 1.-August-Abzeichen verkauft.

Pauschal verboten

Doch warum bleiben die Kinder den Sammelaktionen fern? Ein Problem sind die Schulen. Jede dritte Schule, die Pro Natura anfragt, macht überhaupt nicht mehr mit. Engeli sagt, es seien meist die Schulleitungen, die blockten. War früher der Schoggitaler die einzige Sammelaktion, gingen heute viele ähnliche Anfragen ein – worauf die Rektoren mit einem pauschalen Verbot reagierten.

Anderseits wechseln die Lehrer heute ihre Stellen rascher als früher, als Pro Natura noch zu einzelnen Lehrern eine Beziehung aufbauen konnte. Und gerade junge Lehrer stünden oft unter Druck und fänden nicht die nötige Zeit für die Zusammenarbeit. Pro-Patria-Chef Vergeat pflichtet bei: Die Lehrpläne seien straff geworden und liessen wohl auch weniger Raum für Sammelaktionen. Knapp ist auch die Freizeit der Kinder. «Das grösste Problem stellt sich mit den Klassen, die zwar mitmachen möchten, jedoch kein gemeinsames Zeitfenster für den Verkauf finden. Zu viele Hobbys, Nachhilfe, et cetera», sagt Engeli.

«Viel mehr können wir nicht tun»

Und da sind noch die Eltern. Sie sind skeptischer geworden. Die Organisatoren stellen fest, dass manche Eltern ihre Kinder nicht einem bestimmten Verdacht aussetzen wollen. An der Goldküste zum Beispiel machten viel weniger Schulklassen mit als anderswo, stellt Engeli fest. «Die Eltern dort verbinden das Sammeln offenbar mit Betteln.»

Geht es um die Frage, wie die Kinder wieder fürs sinnvolle Sammeln motiviert werden könnten, wirken die Organisatoren ratlos, ja verzweifelt. Dass die Kinder einen kleinen Teil in die Klassenkassen abzweigen dürfen, ist offensichtlich nicht mehr Anreiz genug. Pro Natura versuchte es mit zusätzlichen Preisen und Inseraten, vereinfachte das Anmeldeprozedere. «Viel mehr können wir nicht tun», sagt Engeli. Auch Pro-Patria-Chef Matthias Vergeat betont, die Sammlungen auf der Strasse seien für seine Organisation «sehr wichtig». Derzeit überlegt sich die Stiftung, mit welchen Massnahmen sie die Schulen – und damit die Kinder – zurückholen will.

Zwei Schüler, 770 Taler

Etwas besser steht es um Pro Juventute. Für sie sammelten in den letzten fünf Jahren konstant 30’000 Kinder. Die Jugendstiftung hat wesensgemäss einen leichteren Zugang zu den Jungen. Es sei sicher kein Nachteil, dass die Kinder sich direkt für andere Kinder in der Schweiz engagieren könnten, so ein Sprecher. Auch scheint es der Marketingabteilung zu gelingen, Lehrer direkt anzusprechen. Kinder eigneten sich beim Sammeln «Finanzkompetenz» an, so die Werbung. Allerdings stellt auch der Pro-Juventute-Sprecher fest, der Aufwand, Schulen zum Mitmachen zu bewegen, sei «grösser als früher».

Stirbt er nun also aus, der Schoggitaler, dieses gefährdete Schweizer Kulturgut? Seine Verkäufer werden zwar weniger. Doch am Sammeleifer der Kinder liegts nicht. «Wenn sie Taler verkaufen, sind sie nicht weniger engagiert als früher», sagt Engeli. Die beste Einzelsammlung überhaupt ist erst drei Jahre alt. Die zwei Primarschüler Ardan und Ayo positionierten sich vor dem Zürcher Prime Tower – und verkauften 770 Taler.

Rekordsammler: Ardan und Ayo. (zVg)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.10.2018, 15:29 Uhr

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