Hintergrund

Gratis-Erotik-Magazin für die Schweiz?

Glaubt man einem aktuellen Stelleninserat, sollen bald alle grösseren Städte mit einer erotischen Gratiszeitung beliefert werden – auch in der Schweiz. Das dürfte jedoch schwierig werden.

Kostenlose Erotik vielleicht bald in Schweizer Briefkästen: Überbleibsel von der Erotikmesse in Zürich (links), Stelleninserat (rechts).

Kostenlose Erotik vielleicht bald in Schweizer Briefkästen: Überbleibsel von der Erotikmesse in Zürich (links), Stelleninserat (rechts). Bild: Keystone

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Seit ein paar Tagen geistert ein kryptisches Stellenangebot durch das Web. Eines «der grössten Verlagshäuser im deutschsprachigen Raum», heisst es dort, werde demnächst ein hochkarätiges Flirt-Erotik-Hochglanzmagazin auf den Markt bringen.

Dafür werden nun freie Journalistinnen und Journalisten gesucht, die im Home-Office ihre «erotischen Texte zu Papier bringen» möchten, erfahrene «Erotikredakteure», die neue Wege suchen, sich zu verwirklichen, oder einfach «phantasiebegabte Personen, die ihre Erotikgeschichten in einem der grössten Erotikmagazine veröffentlicht haben wollen». Möglich ist dies auch unter einem Pseudonym.

Auflage: Drei Millionen

Bis hierhin ist das Stellenangebot – abgesehen von der Thematik – noch nicht allzu ungewöhnlich. Und dass die Bewerber keine herkömmlichen Textproben einreichen sollen, sondern einen aussagekräftigen Probetext zu Themengebieten wie Hobbyprostitution, Sexwitze, Masturbation oder Fremdgehen versteht sich bei der Ausrichtung des Magazins von selbst. Zwei Hinweise im Stellenangebot lassen jedoch aufhorchen.

Erstens: Die neue Zeitschrift namens «Flirtcoach» will mit einer ambitionierten Anfangsauflage von drei Millionen starten und soll in Deutschland, Österreich und der Schweiz vertrieben werden. Zum Vergleich: Die mit Abstand auflagenstärksten Zeitschriften in der Schweiz, die «Coopzeitung» und das «Migrosmagazin», erreichen je knapp die Hälfte davon. In einem früheren Stelleninserat von Juli war noch von zwei Millionen die Rede.

Zweitens: In Städten ab 10'000 Einwohnern soll das neue Magazin gratis an alle Haushalte zugestellt werden. Also auch in der Schweiz. Das dürfte allerdings – je nach genauem Inhalt – ein Problem werden. Strafrechtlich ist es verboten, Jugendlichen unter 16 Jahren pornografische Schriften oder Abbildungen zugänglich zu machen. Würde ein Magazin mit pornografischem Inhalt also einfach im heimischen Briefkasten landen, zusammen mit dem Flyer vom Elektrofachgeschäft und der neusten Wahlkampfwerbung, hätten Kinder und Jugendliche darauf freien Zugang.

«Wir können nicht grundsätzlich sagen, dass wir Broschüren mit erotischem Inhalt verarbeiten oder dass wir das nicht tun», so der Post-Mediensprecher Mariano Masserini. Das hänge sehr stark von der Aufmachung der einzelnen Sendung ab. Je nach Aufmachung (pornografisches oder anstössiges Bildmaterial, Gefahr von zahlreichen negativen Empfängerreaktionen...) werde man dem Auftraggeber allenfalls empfehlen, die Sendung unter einen Umschlag zu legen.

Sendungen können zurückgewiesen werden

Grundsätzlich verweist Mariano Masserini auf die Allgemeinen Geschäftsbedingungen bezüglich Promo-Post. Demnach können Sendungen von der Beförderung ausgeschlossen werden, die «pornografischen oder auf andere Weise anstössigen Inhalt aufweisen». Es ist am Kunden, die gesetzlichen Bestimmungen und die Vorgaben der Post einzuhalten und für allfällige Schäden zu haften. «Die Post hat nicht abzuklären, ob die ihr übergebenen Sendungen gegen geltendes Recht verstossen», heisst es weiter. Die Post kann jedoch Sendungen ohne Begründung zurückweisen.

Wie konkret das Projekt in der Schweiz ist und ob die Schweizerische Post davon Kenntnis hat, ist nicht bekannt. «Über konkrete Geschäfte, Aufträge oder Verträge mit einzelnen Kunden gibt die Post keine Auskünfte», so der Post-Mediensprecher Mariano Masserini. Ein Direktkontakt mit dem «grossen Verlagshaus im deutschsprachigen Raum» ist ebenfalls nicht möglich. Für die Stelle bewerben kann man sich bloss via Online-Formular, eine Telefonnummer ist keine angegeben. «Sie erhalten sofort eine Info zurück», verspricht das Inserat, das mit «Herzliche Grüsse Julia Schmidt» endet. Offenbar bezieht sich das prompte Antwort-Angebot jedoch nur auf Bewerbungen. Auf ein Nachhaken mit Fragen, um welches Verlagshaus es sich handelt, was genau die Inhalte sind oder wann das ambitionierte Projekt starten soll, bleibt die Mailbox auch Tage später noch leer. (dj)

Erstellt: 07.10.2011, 11:59 Uhr

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