Grillieren ist doof

Grillieren hat nur einen entfernten Zusammenhang mit gepflegter Küche. Es ist der erfolglose Versuch tollpatschiger Machos, gut zu kochen. Der Auftakt zu unserer Miniserie.

Reaktionäres Hobby: Beim Grillieren hat der Mann das Sagen.

Reaktionäres Hobby: Beim Grillieren hat der Mann das Sagen.

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«Wann ist ein Mann ein Mann?», fragte einst Herbert Grönemeyer in einem seiner frühen Hits. Jetzt endlich wissen wir die Antwort: wenn er am Grill steht. Grillieren ist Männersache. Ob dabei mit Holzkohle oder Gas geheizt wird, ist Nebensache. Das atavistische Vergnügen, rohes Fleisch auf einen heissen Rost zu knallen, ist in der postmodernen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts zu einer der wenigen Tätigkeiten geworden, wo noch richtige Männer gefragt sind. Deshalb sind Frauen hinter dem Grill etwa so selten anzutreffen wie auf den Teppichetagen von Unternehmen.

Der Grund für die Lust am Grillieren bleibt allerdings schleierhaft. Mit gut Kochen hat es etwa gleich viel zu tun wie Boxen mit Ballett. Es mag einige ausgewählte Cracks geben, die tatsächlich auf dem Grill ein schmackhaftes Essen zubereiten können. Sie üben ihre Kunst jedoch an Geräten aus, die etwa gleich viel kosten wie ein Kleinwagen und deren Unterhalt einen eigens dafür ausgebildeten Mechaniker erfordern. Das jedoch übersteigt das monetäre und zeitliche Budget der meisten Männer bei weitem.

Fehlendes Know-how

Der typische Hobby-Griller wird nach Feierabend aktiv. Dann steht er auf seinem Balkon oder in seinem Vorgarten an seinem primitiven Dreibein-Kugelgrill und tut, was er anscheinend nicht lassen kann. Der Weg ist das Ziel, Wissen ist nicht nur nicht gefragt, es stört geradezu. Hobby-Griller kochen auf einem Niveau von Eine-Fertigpizza-in-den-Ofen-Schieben. Mehr Know-how braucht er nicht. Das Fleisch hat unser Grillmeister mariniert in der Metzgereiabteilung des örtlichen Grossverteilers erworben. Der abgepackte Mischsalat wird mit einer Fertigsauce übergossen, die Pommes Chips in eine Schale umgeleert, das Dosenbier aus dem Kühlschrank geholt und der Rioja entkorkt – fertig ist der Grillplausch.

Grillieren war einst etwas Spezielles, etwas worauf man sich gefreut hat wie auf das Poulet am Geburtstagsessen. Grilliert hat man auf der Schulreise oder am Sonntag mit den Eltern im Wald oder am Bach. Dann hat der Servelat oder die Bratwurst geschmeckt, selbst wenn sie verkohlt war. Heute werden zwischen Mai und Oktober Abend für Abend unzählige Pouletbrüste, Lammnierstücke, Schweinskoteletts und Würste achtlos auf den Grill geworfen, um danach zusammen mit Bier und billigem Rotwein hinuntergewürgt zu werden.

Deshalb ein Vorschlag zur Güte: Essen Sie abends wieder wie früher, hauptsächlich Gemüse und nicht zu viel. Das Essen lässt sich bequem von der Küche auf den Balkon oder in den Vorgarten tragen, wo man den lauen Sommerabend und den malerischen Sonnenuntergang geniessen kann, ohne vom Qualm der Hobby-Griller gestört zu werden. Den Grill-Plausch heben Sie sich für spezielle Momente auf. Dann macht er wieder richtig Spass.

Erstellt: 05.05.2011, 12:30 Uhr

Kleine Serie

  • Donnerstag, 5. Mai: «Grillieren ist doof»

  • Freitag, 6. Mai: Die Replik des Grillfans

  • Samstag, 7. Mai: «Der wahre Grilleur grilliert mit Gas»

  • Montag, 9. Mai: Die besten Leserkommentare

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