Porträt

Das Recht auf Rausch

Was für eine bizarre Ironie des Schicksals: Günter Amendt, der zeitlebens für einen liberalen Umgang mit Drogen plädiert hatte, starb jetzt in Hamburg durch die Drogenfahrt eines Autofahrers.

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Unter den vier Todesopfern des Horrorunfalls befand sich neben Amendt auch sein Zwillingsbruder, der Schauspieler Dieter Mues und dessen Frau. Der 71-jährige Amendt gehörte zum APO-Urgestein. Er hatte in Berkeley und bei Adorno Soziologie studiert und war führendes Mitglied des SDS; 1968 hatte er gegen Springer demonstriert und zum «Kinderkreuzzug» der Schüler und Lehrlinge gegen die Autoritäten aufgerufen. Mit «Sexfront» (1970) wurde er zum Chefaufklärer der Bewegung: Das kleine gelbe Buch war mindestens so populär wie das Rote Büchlein Maos – und segensreicher. Alle Aufklärer bis dahin, Oswalt Kolle eingeschlossen, hatten mit diskreten Fachbegriffen, wissenschaftlichen Schaubildern, Holzpuppen und weichgezeichneten Filmbildern erschlafften bürgerlichen Ehen auf die Sprünge helfen wollen. Amendt ging humor- und lustvoller zur Sache.

Mit Comics, flotten Sprüchen, kleinen Geschichten und bis dahin verpönten Wörtern wie Möse und bumsen zeigte er den noch vielfach verklemmten Jungrebellen aus Provinz- und Ministrantenkreisen, dass man sich für Selbstbefriedigung, Pille und Kondome oder auch Homosexualität nicht zu schämen brauchte. Auch Jugendliche hatten das Recht auf Sexualität; für Amendt war sie überdies ein Werkzeug politischer Emanzipation und individueller Befreiung. «Sexfront» und das nachfolgende «Sexbuch» (1979) wurden über 500 000 Mal verkauft.

In den Neunzigerjahren zog sich Amendt aus dem Hamburger Institut für Sexualforschung zurück und attackierte ein anderes Tabu: Drogen. Der bekennende Gelegenheitskiffer hatte schon in «Sucht. Profit. Sucht» (1972) ökonomische Grundlagen und soziale Funktionen der Drogen im Kapitalismus analysiert. Auch später beharrte er immer darauf, dass der Krieg gegen die Drogen so wenig zu gewinnen war wie der gegen den Terror. Das Recht auf Rausch und Sex gehörten für ihn nicht nur zum unveräusserlichen Erbe von 1968: Es war auch ein «Gebot der praktischen Vernunft». Aufklärung war für ihn der Ausgang des Menschen aus selbst verschuldeter Unmündigkeit, kritiklosem Aberglauben und autoritärer Gängelei. Nicht zufällig war Amendt auch ein grosser Verehrer und begnadeter Interpret Bob Dylans. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.03.2011, 08:36 Uhr

Günter Amendt.

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