Lässige Sünden

Gymnastikraum! Kegelbahn! Würstchenbude!

In unserer Serie «Lässige Sünden» beichten Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Journalisten Kultursünden. Heute: Die Pseudo-Western mit Bud Spencer und Terence Hill.

Choreografisch raffinierter als Asterix und Obelix: Spencer-Hill-Filme.


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Was soll man denn halten von Männern, die alles hergeben würden für einen roten Strandbuggy mit gelbem Dach? Die sich von Würstchen ernähren, genauer: von sehr vielen Würstchen, und keiner Prügelei aus dem Weg gehen? Im wahren Leben wohl nicht viel. Aber im Film, wenn die beiden Bud Spencer und Terence Hill heissen, dann ist das ganz was anderes.

Aber was denn nur? Was findet man an diesen beiden Typen, die eigentlich Carlo Pedersoli und Mario Girotti heissen und als Pseudoamerikaner in Pseudowestern berühmt geworden sind? Vielleicht, zunächst einmal, etwas Ähnliches wie bei Stan Laurel und Oliver Hardy: einen Dünnen und einen Dicken, die vor der Kamera zueinanderpassen wie ihre Fäuste auf die Augen ihrer Feinde. Auch Asterix und Obelix kommen einem in den Sinn, die prügeln sich ebenfalls gern, ohne dass je Blut fliessen würde. Wobei die Choreografien der Spencer-Hill-Filme raffinierter sind, das Mobiliar wird da jeweils sehr fantasievoll benützt und zertrümmert, ich sag nur: Gymnastikraum! Kegelbahn! Würstchenbude!

Die gute alte Katharsisgeschichte

Wenn man sich ein bisschen Mühe gibt, kommen einem noch weitere feuilletontaugliche Verweise in den Sinn, aber man kanns auch lassen, denn eigentlich geht es in diesen Filmen um anderes: ums variantenreiche, von wirklich guter Musik untermalte Blödeln. Um das Zelebrieren von modischen, kulinarischen und architektonischen Stillosigkeiten. Um die kindische Freude an psychologisch simplen Geschichten, in denen ein brummiger Bud Spencer und ein schlitzohriger Terence Hill sich zwar grausig auf die Nerven gehen, aber halt doch zusammenhalten müssen gegenüber all den Stunt-Artisten, die sich da in wechselnden Bösewichtverkleidungen verhauen lassen. Oder auch darum, dass jeder weiss, wem er eine solche Abreibung in der Realität mal gönnen würde: die gute alte Katharsisgeschichte also.

Und dann gibt es immer wieder unvergessliche Szenen: Bud Spencer im Feuerwehrchor mit seinem inbrünstigen «lalalala lalla»! Terence Hill, wie er fein säuberlich die Spiesschen jener Würstchen aufreiht, die er alles andere als säuberlich in sich reinstopft! Da kommt alles zusammen: Der Klamauk und seine parodistische Brechung, das Spiel mit darstellerischen Stereotypen und der Glanz des grossen Moments. Aber sorry, das ist schon wieder viel zu kultiviert. Es reicht, einfach zuzuschauen. Sich zu entspannen. Und mitzuträllern: «Lalalala lalla...»

Erstellt: 03.06.2014, 14:23 Uhr

Artikel zum Thema

Nur schon diese Farbe!

Lässige Sünden In unserer Serie «Lässige Sünden» beichten Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Journalisten Kultursünden. Heute: Rosé-Weine. Mehr...

Vollpfosten und Ausrufezeichen

Lässige Sünden In unserer Serie «Lässige Sünden» beichten Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Journalisten Kultursünden. Heute: Die Kolumne «Glogger mailt». Mehr...

Das Reh in der Zuckerwatteschlampe

Lässige Sünden In unserer Serie «Lässige Sünden» beichten Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Journalisten Kultursünden. Heute: Britney Spears. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Harter Einsatz: Ein Demonstrant wird in Santiago de Chile vom Strahl eines Wasserwerfers getroffen. Die Protestbewegung fordert unter anderem höhere Untergrenzen für Löhne und Renten, günstigere Medikamente und eine neue Verfassung, die das Grundgesetz aus den Zeiten des Diktators Augusto Pinochet ersetzen soll. (9. Dezember 2019)
(Bild: Fernando Llano) Mehr...