Hair for her

Güzin Kar denkt über eine neue UNO-Kampagne nach.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar.

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Liebe UNO, nachdem ich vorige Woche eure Werbekampagne mit der Zielgruppe «feministisch orientierter Mann mit Karton, Edding und Tagesfreizeit» ein bisschen kritisiert habe, möchte ich mich nun in aller Form entschuldigen. Nicht ganz freiwillig, denn ich und andere Frauen, die euren Werbespot gar durchsichtig fanden und durchschauten, wurden zurechtgewiesen, gemassregelt, man drohte uns mit Liebesentzug und Haareausreissen.

«Emma Watson wird vor allem von Frauen kritisiert!», «Stutenbissige!», «Elende Miesmacherinnen!». Eine warf mir sogar vor, mein Text sei viel zu eloquent geraten, dabei bin ich gar nicht so. Deshalb wollte ich mich erst rechtfertigen und fragen: Liebe harmoniefreudige Frauen, ihr habt aber schon verstanden, dass unsere Kritik nicht Emma Watson galt, die wir mögen und bewundern, sondern, dass wir uns einfach die Freiheit (oder Frechheit) nehmen, nicht jede Werbekampagne von Grosskonzernen begeistert zu bejaulen, nur weil sie von einer Frau vorgetragen wird? Weil wir es uns wert sind.

Hengstbissige Männer, das gibts

Und dann wollte ich fragen, weshalb auch der kritischste Mann nie als hengstbissig tituliert wird, sondern bestenfalls als unbestechlich, und ich wollte von den unkritischen Frauen wissen, wieso sie zwar immer unsere Solidarität einfordern, andersrum uns aber hängen lassen, sobald es um etwas Komplexeres als die weibliche Wortendung geht. Das wollte ich fragen.

Dann fiel mir wieder das mit der Liebe und den Haaren ein, und ich wurde ganz folgsam. Nun habe ich eine bessere Idee, liebe UNO: Ich bewerbe mich auch als Sonderbotschafterin bei euch, und zwar möchte ich eine Kampagne bei euren Soldaten durchführen. Die UNO-Truppen kommen ja aus den Schlagzeilen nicht heraus, was Zwangsprostitution, Vergewaltigung und Kindersex in Kriegsgebieten angeht. Ich bin sicher, eine höfliche Einladung an diese Männer für mehr feministisches Bewusstsein hätte eine enorme Wirkung.

Wenn jeder Böse zwischen zwei Vergewaltigungen mit etwas Karton in der Hand posiert, ist die Welt eine bessere. Sobald diese Aktion einschlägt, würde ich gern mit den Sponsoren der aktuellen «Heforshe»-Kampagne weitermachen. Es lässt sich leider nicht leugnen, dass der Finanzkonzern J. P. Morgan Chase & Co. für seine Rolle im Madoff-Skandal, der Tausende von Menschen um ihre Ersparnisse brachte, eine tragende Rolle spielte und inzwischen zu einer Strafe in Milliardenhöhe verurteilt wurde. So was ist unschön. Und da müssen wir Imagepolitur betreiben mit etwas Ungefährlichem wie Frauen, Kinder, Umweltschutz. Aber Emma Watson reicht da nicht.

Ganz viel Hoffnung

Ich dachte, ich halte eine Rede, worin ich J. P. Morgan einfach umbenenne in P.J. Harvey und selbige auftreten lasse als Auftakt zu unserer «Weforyou»-Kampagne, worin Banker mit Pappschildern posieren und den geprellten Kunden ganz viel Hoffnung machen. Vielleicht sieht man dann auch, dass Banker gar nicht so hässlich sind, wie man immer meint.

Den zweiten Sponsor, die Grossbank Barclays, die es offenbar nicht so mit Frauen im eigenen Verwaltungsrat hat, würde ich gern für meine letzte Aktion gewinnen. Wenn mir meine Feindinnen tatsächlich die Haare ausreissen, fände ich es megaschön, wenn das ganze Barclays-Kader mit schwarzen Lockenperücken und dem Schild «Hairforher» posieren könnte. Danke und nochmals Entschuldigung für die Umstände.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.10.2014, 16:35 Uhr

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