Hilversum

Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Journalisten präsentieren täglich einen Sehnsuchtsort. Heute: Das Röhrenradio.

Moskva, Toulouse, Beograd, Hilversum – die Welt war grösser als der Klötzchenturm im Wohnzimmer. Stefan Busz hörte von ihr dank des Radios. Bild: Pexels

Moskva, Toulouse, Beograd, Hilversum – die Welt war grösser als der Klötzchenturm im Wohnzimmer. Stefan Busz hörte von ihr dank des Radios. Bild: Pexels

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Das Radio meiner Grosseltern war ein Röhrenempfänger der Marke Philips, Holzgehäuse, Lautsprecherbespannung, magisches Auge für die Senderfeinabstimmung, eben so ein Ding aus den Fünfzigerjahren. Das Möbel stand auf dem Tischchen neben dem Ofen, davor ein Korbsessel, und nichts weckte grössere Sehnsucht als dieses Gerät. Denn das Radio war viel mehr als nur ein Radio, aus dem Musik oder Nachrichten kamen. Es war ein Wegweiser in eine Welt, die grösser war als der Klötzchenturm, den ich damals auf dem Stubenboden baute. Und das Radio zeigte dem Kind: Hilversum liegt gerade neben Roma und München.

Es waren die ersten Schritte Richtung Globalisierung. Vertraut war mir die Stube der Grosseltern: die Kuckucksuhr an der Wand, das Ölbild mit dem Bauernhof und der Wiese drauf, das Klavier, die Kartonschachtel unter dem Sofa mit den Schrauben, mit denen ich so gerne spielte. Jeder Gegenstand hatte hier eine eigene Farbe und einen eigenen Geruch. Der Radio mit der Senderskala war aber mein Atlas für eine Welt, die ausserhalb der Erfahrung lag. Ich las: Moskva, Tallinn, Toulouse, Beograd, Paris, eben Hilversum. Und ahnte, dass da draussen noch mehr war. Unter dem Skalen-Glas zeigte sich ein ganzes Universum. So brachte das Radio die Städte der Welt in die Stube. Ich machte meine ersten Reisen im virtuellen Ätherraum, vorzüglich im Bereich Mittelwelle von Alexandria bis nach Wien. Auch wenn Grossvater natürlich nur Radio Beromünster hörte.

Das Röhrenradio ist schon längst ausser Dienst, das Gerät wurde irgendwann entsorgt, wie es auch die Stube meiner Grosseltern nicht mehr gibt. Der Korbstuhl steht bei meiner Schwester in ihrem Haus, und ich höre jetzt Radio digital, die Sender sind mir zu Kürzeln geworden. In ein paar Städten bin ich auch gewesen: Das, was in Namen wie Paris oder Moskva einst verschlossen war, hat sich entfaltet. In Hilversum war ich dagegen nie. Ich weiss aber, wo dieser Ort liegt: zwischen Roma und München. Und dort wird auch irgendwie die Sehnsucht heute sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.07.2018, 09:09 Uhr

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