Himmlisches Besserwissertum

Das Internet-Projekt «Floskelwolke» entlarvt mit den Mitteln des Datenjournalismus abgelutschte oder sinnfreie Begriffe in den Medien.

Die Rückkehr der Oberlehrer als digitale Spasspolizei: Projekt «Floskelwolke».

Die Rückkehr der Oberlehrer als digitale Spasspolizei: Projekt «Floskelwolke».

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Eigentlich ist das Internet doch ein sagenhaft tolles Medium, in dem sich alle so ausdrücken, wie sie es wollen und können. Von der Kleinschreibung über (un-)bewusste Verstösse gegen die Grammatik: Alles wunderbar, wenn man sich damit verständigen kann – und sei es auch nur mit sich selbst. Zugleich – und das ist erstaunlich – scheint das Internet aber auch ein gutes Medium für die Kritik von Sprache zu sein. Der bekannteste Sprachkritiker im Internet war mit Sicherheit Bastian Sick, der es mit seiner «Zwiebelfisch»-Kolumne auf Spiegel-Online zum Buch – und mit diesem dann auf die Bestsellerlisten, zu Reichtum und zum Lehrmittel für Schüler schaffte.

Das Erfolgsrezept von Bastian Sick ist alt und bekannt: Es besteht in der Verknüpfung von Humor und Belehrung. Und offensichtlich ist das etwas, woran die Netzgemeinde beträchtliche Freude hat. Oder wie anders kann man es sich sonst erklären, dass auf Twitter mehr als zehntausend Menschen einem «Oberlehrer» folgen, der sich ungefragt einschaltet, wenn jemand bei Wörtern wie «Cappuccino» oder «Karussell» in Sachen Buchstabenverdoppelung mal danebentippt? Vielleicht kommt aber noch viel mehr zusammen, was die Menschen seit jeher umtreibt: Schadenfreude, eitles Besserwissertum, echter Ärger oder Lust am reaktionären Dominanzgebaren, mit dem in der schönen neuen Digitalwelt alte Hierarchien installiert werden.

Die Motiv- und Gemengelage ist so dunkel, dass man sich am liebsten ins helle Licht der Spassguerilla flüchten möchte: Diese freut sich seit diesem Frühjahr an den «Perlen des Lokaljournalismus», einer Facebook-Gruppe mit 100'000 Mitgliedern, die Stilblüten und andere Kuriositäten aus Lokalzeitungen zusammenträgt, darunter Meldungen wie «Österreichs Bauern geben zu viel Milch», «Lepra-Gruppe hat sich aufgelöst» oder «Trotz Dachschaden: Schulkinder boten beste Unterhaltung».

Plausible Auswahl

Die jüngste und zugleich professionellste Erscheinung in Sachen Sprachkritik im Internet nennt sich «Floskelwolke» und verfolgt das Ziel, «dem professionellen Nachrichtengeschäft den Spiegel» vorzuhalten. Zweimal täglich will die Seite in Zukunft jene Phrasen präsentieren, die im medialen Tagesgeschäft gerade besonders fleissig gedroschen werden. Und da wir gerade einen Hype um den Datenjournalismus erleben, werden die gesammelten Phrasen selbstverständlich nach Häufigkeit in einer Wortwolke und in Balkendiagrammen visualisiert. Verantwortlich für die Seite sind denn auch zwei Medienprofis, die sich als Nachrichtenjournalisten beim Rundfunk ein beträchtliches technisches Know-how angeeignet haben, das ihnen erlaubt, mithilfe von Google 1600 Domains von deutschsprachigen Medien nach ausgewählten Begriffen zu durchforsten und die Ergebnisse in Grafiken aufzubereiten.

Die «Floskelwolke» sieht hübsch aus, und ihre Auswahl ist überwiegend plausibel. Zurzeit richtet sich das Augenmerk der beiden Macher auf Übertreibungen wie den «sintflutartigen Regen», auf entleerte Bilder wie die «Luft nach oben» oder auf Bedeutungsverdoppelungen wie den «brutalen Mord», die «schmerzhaften Einschnitte» oder den «tragischen Tod», die alle ohne Adjektive auskommen könnten. Und ja, der «Todeskandidat» ist ein perverser Euphemismus, mit dem man so tut, als hätten die Verurteilen sich zur Wahl gestellt oder die Option zwischen Weiterleben und Sterben gehabt. Anderes hingegen, was in der Wortwolke gesammelt wird, ist ein wenig geschmäcklerisch – oder gar so fragwürdig, dass man zur Erklärung die «Giftschrank»-Rubrik der Seite öffnen muss, etwa dann, wenn man erfahren will, was denn am «Datendiebstahl» so falsch ist, also an der Verwendung des Begriffs. Begründung: «In fast allen Fällen» würde «nur eine Kopie erstellt»; «die Originaldateien werden von den Dieben in der Regel nicht gelöscht». Deshalb sei der Datendiebstahl «technischer Unfug». Aber wäre «unerlaubte Datenkopie» nicht enorm schwerfällig? Und darf man angesichts des beträchtlichen Besserwissertums der «Floskelwolke» auch mal zurücknörgeln und sagen, dass es im Bereich der Sprache so etwas wie «technischen Unfug» nicht geben kann?

Hässliche Phrasen

Keine Frage: In Sachen Entspanntheit und humoristischer Lässigkeit hat die «Floskelwolke» noch deutlich «Luft nach oben». Und es wäre schön, wenn die beiden Macher ihre wolkige Seite nicht nur als Pranger nutzen würden, auf der die beiden Sprachpfleger hässliche Phrasen wie den «Rotationseuropäer» oder die «unschuldigen Frauen» ausstellen- und «wegsperren», wie sie selbst sagen. Viel lieber würde man die beiden als lässig entspannte Landschaftsgärtner kennenlernen, die auf ihrer Wolke Stilblüten und andere hässliche Spracherscheinungen sammeln, um sie in andere Zusammenhänge zu verpflanzen und so – im heiter-anarchistischen Spiel der Sprache – mit Humor unschädlich zu machen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.08.2014, 16:13 Uhr

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