Hipster ade, was kommt nun?

Der Hipster prägte die Nullerjahre. Mittlerweile ist er im Mainstream angekommen und damit definitiv nicht mehr cool. Wer heute wirklich hip sein will, gibt sich anders.

Bart, Brille, Tattoo: Der Hipster kokettierte mit dem Stil der Unterprivilegierten, den er gekonnt in Luxus übersetzte. Foto: Michael Heinsen

Bart, Brille, Tattoo: Der Hipster kokettierte mit dem Stil der Unterprivilegierten, den er gekonnt in Luxus übersetzte. Foto: Michael Heinsen

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Noch ist er allgegenwärtig, der Hipster. In den einschlägigen Quartieren grösserer Städte begegnet man der Figur auf Schritt und Tritt. Dort wimmelt es von den einschlägigen Accessoires: Bärte und Tattoos, überdimensionierte Brillen und bunte Hemden, enge Hosen und Dächlikappen, Jutetaschen, Fixie-Velos und Skateboards. Doch keiner würde zugeben, ein Hipster zu sein. Man will sich ja nicht lächerlich machen.

Auf Blogs und in anderen sozialen Medien ist der Hipster nämlich zur Witzfigur geworden. Der Schweizer Komiker Rafi Hazera etwa «verhipstert» Schweizer Bundesräte, indem er sie mit den typischen Merkmalen versieht. Hazera weiss auch, weshalb Hipster nicht mehr hip sind. «Ein Hipster ist ein Opinion- und Fashion-Leader, dessen Lebens- und Kleidungsstil sich vom Mainstream abhebt. Sobald ihm die Massen folgen, wird sein Status nichtig. Es folgt die Phase der Rechtfertigung (‹ich habe das schon vor allen anderen getan›), was aber der neuen Zugehörigkeit zum Mainstream keinen Abbruch tut.» Wer sich heute noch Bart und Tattoos stehen lässt, wird zwar gern als Hipster identifiziert, ist aber alles andere als hip.

Ein instabiler Begriff

In den USA hat man die Figur schon vor vier Jahren zu Grabe getragen. «Was war der Hipster?», fragte Kultursoziologe Mark Greif im «New York Magazine» im Herbst 2010 und stellte das Ende einer Epoche fest. Nur in Europa halte der Trend noch an. Das ist inzwischen vorbei. Auch hier hat der Hipster nämlich den Mainstream erreicht, wie eine Recherche im schweizerischen Medienarchiv zeigt: Bis Mitte der Nullerjahre fiel der Begriff «Hipster» kaum. Aber ab 2010 nehmen die Nennungen sprunghaft zu. 2012 wird der Hipster 389-mal erwähnt, letztes Jahr 661-mal und dieses Jahr beinahe schon 400-mal. Dabei dürfte es hiesigen Journalisten ähnlich gehen wie jenen der «New York Times».

Nachdem der Textchef im August 2010 festgestellt hatte, dass das Wort Hipster in seiner Zeitung innerhalb eines Jahrs mehr als 250-mal gefallen war, mahnte er zur Zurückhaltung. Es sei nicht klar genug, was das Wort eigentlich bedeute. Die Begriffsverwirrung liegt in der Natur der Sache. Hipness ist eine schillernde, instabile Grösse, wie die Band Tower of Power in ihrem Song «What Is Hip» schon 1973 feststellte: «Hipness is – What it is! And sometimes hipness is – what it ain’t!» (Hipness ist, was sie ist. Und manchmal ist Hipness, was sie nicht ist.) Sicher ist, dass es um die prekäre Balance zwischen Insider- und Outsidertum, Avantgarde und Mainstream geht.

Exklusives Wissen

Was hip ist, lässt sich nicht leicht sagen. Aber man kann die Geschichte des Begriffs erzählen. Das Wort «hip» geht zurück auf das Verb «hepi», das westafrikanische Sklaven im 18. Jahrhundert nach Amerika brachten. Es bedeutete zunächst «sehen» oder «jemandem die Augen öffnen», entwickelte aber bald eine symbolische Bedeutung, wie der amerikanische Autor John Leland in seinem Buch «Hip – the History» erzählt. Die Sklaven bezeichneten damit ein exklusives Wissen, das sie ihrer Umgebung voraushatten. «Hip» ist eine Art Selbsttrost des Parias. Die Behauptung von Outsidern, die eigentlichen Insider zu sein.

In Amerika, dem Land der Gegensätze, entwickelte sich Hipness zum alternativen Statussystem, das nicht durch Klasse, Herkunft oder Reichtum bestimmt wurde. Ein System, das im Spannungsfeld zwischen innen und aussen, unten und oben entsteht und Widersprüche versöhnt. Jedermann ist ein potenzieller Hipster, auch wenn nicht alle Hipster sein können.

Wer hip sein will, muss nichts vertreten, sondern vor allem etwas darstellen. Hipness wird zwar oft mit Rebellion assoziiert, aber es ist nur die Pose der Rebellion. Hipster orientieren sich gerne am Stil der Unterprivilegierten, übersetzen ihn dann aber in Luxus. Somit lässt sich Hipness wunderbar kommerzialisieren. Hipster verwandeln heruntergekommene Stadtviertel in angesagte Gegenden und lassen Immobilienpreise durch die Decke schiessen.

Der letzte Hipster

Die Geschichte der Hipness, schreibt Leland, funktioniere wie das Telefonspiel, bei dem man in einem Kreis sitze und eine Nachricht weiterflüstere. In den Fünfzigerjahren kopierten Beatniks den Stil der schwarzen Jazzer, um hip zu sein. Französische Existenzialisten kopierten die Beatniks. Schwarze Hipster kopierten die Existenzialisten. Jüdische Rapper kopierten die schwarzen Hipster, deren Echo sich wiederum bei japanischen Hipstern mit Dreadlocks findet. Und so geht das immer weiter.

In der Schweiz kommt der Hipster erstmals 1967 in die Medien. Unter dem vielsagenden Titel «Hollands Provos im Banne des Rauschgifts» berichtet die NZZ über jugendliche Provokateure in Amsterdam, die sich neuerdings nicht mehr demonstrierend auf der Strasse austoben. Stattdessen feiern sie in den «Wohlstandsappartements» ihrer ferienbedingt abwesenden Eltern nach dem Vorbild der Hipster und Hippies «Liebeshappenings» und «rituelle Tanzorgien»; dazu konsumieren sie, so der Artikel, zügellos Rauschgift.

Ein Jahr später wird in derselben Zeitung die «fantastische Lee Hipster Manchester Jeans» beworben, die man für 37.50 erwerben kann. Mit Hipness lässt sich grundsätzlich alles verkaufen: vom Softdrink über Zigaretten bis zum Auto. Der Hipster ist einem Schweizer Medium erst 1975 wieder eine Erwähnung wert – in einem Zeitungsbericht über die Karriere von Jimi Hendrix und eines seiner letzten Konzerte auf der Isle of Wight 1970. Um drei Uhr morgens sei der Gitarrist mit reichlich Verspätung unter den Sternenhimmel getreten und habe «in seiner Hipster Art» die wartenden Fans gefragt: «Ja, es ist lange her, nicht wahr?» Manchmal braucht es wahrlich nicht viel, ein Hipster zu sein.

Wie in den Jazzkellern der 50er- und 60er-Jahre

In den Achtzigerjahren schliesslich verschwindet der Hipster aus den hiesigen Medien und findet nur noch in Musikzeitschriften Erwähnung – in Zusammenhang mit Musikern wie Chet Baker, Miles Davis, George Clinton, aber auch Madonna, R.E.M., Yello, Kurt Weill, Culture Club. 1990 ernennt die «International Herald Tribune» einen gewissen Michael Herr zum ultimativen Hipster und fragt zugleich besorgt: «Erinnert sich irgendjemand daran, was ein Hipster ist oder war?» Als Gedankenstütze beschwört der Artikel die mittlerweile verschollenen, Gauloises rauchenden und mit Sonnenbrillen in den dunkelsten Winkeln der Jazzkeller herumstehenden Greenwich-Village-Typen der Fünfziger- und frühen Sechzigerjahre.

Doch es wird ein weiteres Jahrzehnt dauern bis zur Wachablösung durch den modernen Hipster. Seine Ära beginnt Ende der Neunzigerjahre. Zu dieser Zeit bildet sich in Manhattans Lower East Side, in Williamsburg in Brooklyn, in Capitol Hill in Seattle und der Inner Mission in San Francisco eine Gemengelage von Künstlern, Aussteigern, Veganern, Velokurieren, Skatepunkern und Studenten. Sie beginnen einen eigenen Stil zu entwickeln, der ihnen den Namen «Hipster» einträgt. Anders als der Hipster der Fünfzigerjahre orientiert sich seine Neuauflage modisch, aber nicht mehr vornehmlich an den Schwarzen. Sondern an der weissen Unterschicht der Vorstädte, genannt «White Trash».

Der moderne Hipster trägt Truckerkäppchen, Feinripp-Unterhemden, Pornoschnäuzchen, Pilotenbrillen, hat Tattoos, Kleider von American Apparel und ein «Vice»-Magazine unter dem Arm. Jenes ehemalige Modemagazin, das 1999 von Montreal nach New York gezogen war, um den Gonzo-Journalismus neu zu erfinden.

Normalität als Refugium

Wenn in den Nullerjahren überhaupt eine übergreifende Jugend- oder Subkultur identifizierbar ist, dann sind es die Hipster – auch wenn sie nie eine homogene Gruppe bilden und weder durch eine bestimmte Musikstilrichtung noch politische Absichten geeint werden.

Allerdings scheint der ironische Flirt mit dem Verpönten jetzt auszulaufen. Der Fotograf Terry Richardson, eine Hipster-Ikone, muss sich derzeit gegen Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs seiner Models wehren. Dov Charney wiederum, Gründer des Modelabels American Apparel, wurde von seiner Firma eben in Schimpf und Schande ausgestossen, weil er im Büro immer wieder die Hosen heruntergelassen und vor Mitarbeiterinnen onaniert hatte. Und das Szenemagazin «Vice» ist, zumindest in seiner deutschsprachigen Ausgabe, zum Zentralorgan für journalistische Pornografie verkommen; es beschäftigt sich hauptsächlich mit Striptease, Blowjobs und Analverkehr.

Derweil krebsen jene, die wirklich hip sein wollen, in die Unauffälligkeit zurück. «Normcore» lautet der Begriff, den amerikanische Marketingagenturen für jene erfunden haben, die sich kleiden, als hätten sie sich noch nie einen Gedanken über Mode gemacht. Allerdings mit dem Kalkül, sich modisch gegen die allgegenwärtigen Hipster abzugrenzen.

Manchmal ist es eben hip, genau nicht hip zu sein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.07.2014, 08:41 Uhr

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