Hü, Salsiz, hü!

Güzin Kar mischt sich in die Lebensmitteldebatte ein.

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Jetzt hat man uns schon wieder Pferd für Rind verkauft. Der letzte Lebensmittelskandal mit der Lasagne ist im wahrsten Wortsinn noch nicht einmal verdaut, und bereits kommt der nächste dahergaloppiert. Irgendein sparsamer Metzger hat nun die Fury-Edition von Salsiz herausgegeben. Und alle haben es gegessen. Schlimm, was man uns zumutet.

Zwar können die wenigsten Menschen Pferd geschmacklich von Rind unterscheiden, einige verwechseln die Tiere sogar im lebenden Zustand und erst recht in der gehackten oder gepökelten Version – ich würde so weit gehen, zu behaupten, dass die meisten es nicht einmal merken würden, wenn man ihnen püriertes Murmeltier, Sägespäne oder Karton in den Salsiz mischen würde –, aber trotzdem geht so etwas natürlich nicht. Das ist nicht nur Betrug am Kunden, das ist Folter. Ein karnivorischer Übergriff, eine kulinarische Misshandlung. Wo kann ich Opferhilfe beantragen, und werden Therapiegutscheine ausgegeben?

Der heimische Fleischskandal zieht aber weitere Kreise als zunächst vermutet, denn vom selben Hersteller wurden ungarisches für Schweizer Geflügel sowie Tiefkühl- für Frischware verkauft, ja, diverse Edelrestaurants unseres naiven Vertrauens servierten richtiges Filet vom falschen Tier, also Faux Filet, das fauxer war als beabsichtigt. Stellen Sie sich vor, wir alle haben nicht Resi oder Lisa, sondern Black Beauty gegessen, und anstelle eines inländischen Chicks gabs eine Ildiko oder eine Olga, weil die günstiger sind. Fast wie im Fleischfachgeschäft der etwas anderen Art, aber dort nimmt der Kunde derlei in Kauf.

Wenigstens kein Büsi

Natürlich wird man etwas stutzig bei der Nachricht, dass offenbar nicht einmal die besten Küchenchefs des Landes Billigfleisch von Premium-Qualität unterscheiden können, und fast ist man versucht, den Skandal genau darin zu orten, aber seis drum, und wenigstens hat uns keiner Büsi, Hund oder ein anderes Jöö-Tier auf den Teller gemogelt. Pferdefleisch ist in unseren Breitengraden nichts Exotisches. Meines Wissens gibt es auch keine Religion, die den Konsum desselben verbietet, und ebenso wenig ist mir eine Krankheit oder Allergie bekannt, die ihren Träger tot umfallen lässt, sobald dieser Pferd isst.

Aber darum geht es gar nicht. In einem Rechtsstaat muss überall genau das drin sein, was aussen angeschrieben steht. Wenn auf der Verpackung Glutamat steht, dann will ich Glutamat essen und nicht Malzextrakt. Und wenn E27 ausgewiesen ist, will ich weder E26 noch E28, sondern die 27, was immer das ist, und mein Essen soll bitte mit Riboflavin, Tartrazin, Chinolingelb oder Beta-apo-8-Carotinal (naturidentisch!) gefärbt sein, wenn mir das auf der Verpackung so versprochen wird. Und bei Fleisch nehme ich es ganz genau. Mit dem Preis von fünf Franken, den ich für ein Pfund Dreierlei bezahle, erkaufe ich mir das Recht auf vollständige Information.

Angesichts dieser horrenden Fleischpreise fahre ich natürlich ab und zu über die Grenze nach Deutschland, um billigeren Klebeschinken, Wurstwaren und Fleischerzeugnisse zu erstehen, und übe mich mit Ihnen allen in kollektiver Selbsthypnose, um zu verdrängen, was wir wissen, nämlich dass es bei Fleisch nur zwei Methoden gibt, um ganz sicherzugehen: Entweder isst man gar keines oder eines, das man persönlich auf der Weide ausgesucht hat. Aber wir wollen ja nicht nachdenken, sondern uns bloss ein wenig empören. Mit Erfolg. Nun geben sich alle reumütig, erklären, schämen sich und entlassen andere. Bald wird Ruhe einkehren, und wir werden wieder genüsslich unser Kotelett verzehren. Jedenfalls so lange, bis es wieder aus einem Landjäger heraus wiehert, bellt oder miaut.

Erstellt: 28.11.2014, 16:08 Uhr

Unsere Kolumnistin Güzin Kar.

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