Ich! Will! Ein! Gate!

Bonbons & Granaten: Von Güzin Kar

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Selfiegate im Bundeshaus habe ich mitgekriegt. Davor waren Apfelschnitzgate und die Sache mit dem Hirnlappen, die zwar nicht Gate hiess, aber natürlich eines war. Auch Täschligate damals, als Oprah Winfrey ein Zürcher Krokodil kaufen wollte, ist mir in lebhafter Erinnerung. Hingegen ist Flappygate komplett an mir vorbeigegangen, obschon sogar Harald Schmidt darüber sprach.

Natürlich könnte ich es nach­lesen, auf Twitter, Facebook, in 4398 Blogs und Foren, aber die Zeit reicht nicht aus, da schon das nächste Gate lockt. Denn gerade zu Beginn, wenn sich das Gate aus der Urmasse an Zu­fällen, Peinlichkeiten, Anschuldigungen und Gegenanschuldigungen formt, muss man gut aufpassen, nichts zu übersehen. In der späteren Phase der Erklärungen und Versöhnungsangebote Dritter noch aufspringen zu wollen, kommt nicht gut heraus. Wer den Anfang verpasst, sollte eine Runde aussetzen.

Gate einst und jetzt

Seit ich auf Gates sensibilisiert bin, sozusagen den inneren Gatesmografen angeworfen habe, fallen mir viel mehr Ereignisse mit Skandalcharakter auf als früher. Wenn mir früher im Restaurant Caramel- statt Schokoladenmousse gebracht wurde, tat ich es als Laune des gastronomischen Alltags ab. Heute weiss ich: Die machen das absichtlich. Man will mir billiges ­Caramel für teurere Schokolade unterjubeln. Caramelgate! Hier! Mitten! Unter! Uns! Als Sofortmassnahme gibts eine originell-entrüstete Statusmeldung auf Facebook. Mindestens.

Apropos früher: Weiss noch einer, was bei der Mutter, dem Vater oder dem Elter aller Gates, dem Watergate-Skandal, geschah? Damals schickten Robert Redford und Dustin Hoffman (der, bevor er autistisch wurde, Journalist war) ein paar Whatsapp an Präsident Nixon («Hey, Nixi, bisch wider am Wanze verstecke?»), der aber so doof war, den beiden ein Selfie aus dem Water­gate-Gebäude zu schicken, wo er gar nicht hätte sein dürfen. Daraufhin flatterten alle Polithirnlappen, Nixon flatterte aus dem Amt. Seither macht jeder, dem langweilig ist, ein Gate. Oder sagen wir, die, die es draufhaben.

Nicht jedermanns Gate

Denn Arme, Behinderte und Asyl­bewerber kriegen einfach kein ordentliches Gate hin. Klar, denn allzu sehr sollte uns das Empörthema nicht runterziehen. Deshalb haben es auch Kriege, Vertreibungen und systematische Ermordungen schwer. Zudem weiss man da nie so recht, für wen man jetzt sein muss. Aber sag einer das den betroffenen Menschen, die dauernd unsere Aufmerksamkeit wollen. Dabei wäre es so einfach. Ich frage mich, weshalb im Irak keiner vor laufender Kamera mit einer Krokodiltasche herumläuft. Dann würden sich plötzlich alle für den Irak interessieren.

Und vielleicht kann eine weisse, blonde Frau ihr Décolleté durch die syrischen Kriegsgebiete manövrieren und ­warten, bis einer etwas sagt wie «mit diesem Busen könnten Sie nicht nur ein Dirndl, sondern ganze Flüchtlingszelte ausfüllen». Was das für einen Aufschrei gäbe! Und auf einmal hätten alle Feministinnen wieder die uralte Lektion präsent, dass Krieg immer auch Krieg gegen Frauen ist, dass er solch grausame Vergewaltigungen und sexistische Morde bedeutet, von denen bei uns jeder einzelne zu einer gespenstischen Sprachlosigkeit führen würde. Aber eben, erzähl das einer denen dort, die alle gleich aussehen und erst noch falsch gestylt sind. Und ihre Statusmeldungen sind weder lustig noch originell. Aber wir können uns trösten: Das nächste fröhliche Gate kommt bestimmt.

Erstellt: 15.08.2014, 15:56 Uhr

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