«Ich bin ein Besessener, ein Verrückter»

Markus Brandes jagt von Berufs wegen nach Autogrammen und handelt mit Schriftstücken berühmter Leute. Eine lukrative Leidenschaft.

Ein Schmuckstück: Markus Brandes mit dem Boxhandschuh von Muhammad Ali, signiert nach dessen letztem Weltmeistersieg.

Daniel Ammann

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Einen Sammler von Handschriften und Autogrammen stellt man sich grauhaarig, pedantisch und bedächtig vor. Markus Brandes widerlegt das Klischee vollkommen. Der 33-jährige Blonde sieht so gut aus wie der Fitnesstrainer von Madonna, wirbelt durch sein Archiv wie der Wind, redet wie ein Wasserfall und bestätigt: «Ich bin in dieser Branche mit Abstand der Jüngste.»

Es begann im Alter von 13 Jahren. Als Fan des FC Bayern München hatte er bald die Autogramme sämtlicher Spieler ergattert, dann jene von anderen Clubs, dann von Sportlern anderer Disziplinen. Er begann, mit den Signaturen zu handeln, weitete die Sammlung auf Showgrössen, Politiker sowie historische Persönlichkeiten aus – und machte sich bereits mit 21 Jahren als Handschriftenhändler selbstständig.

Von Napoleon bis Hendrix

Heute hat der Deutsche, der vor einem Jahr aus steuerlichen Gründen von Konstanz ins thurgauische Kesswil am Bodensee gezogen ist, rund 10'000 Schriftstücke im Angebot. Signierte Fotos und Handgeschriebenes von Zelebritäten aus allen Sparten zieren die Wände seines Archivs. Nobelpreisträger Albert Einstein zwinkert Gitarrengenie Jimi Hendrix zu, Filmdiva Grace Kelly bezirzt Rocklegende Elvis Presley, und ein separater Raum ist dem grossen Albert Schweitzer gewidmet. Brandes holt für den Fotografen einen Boxhandschuh von Muhammad Ali hervor – signiert am 16. September 1978, «nach seinem letzten Weltmeistersieg». Noch lieber lässt sich Brandes zusammen mit Napoleon ablichten, will heissen zusammen mit einem Brief, den Bonaparte 1813 während des Russland-Feldzugs an den Stiefsohn geschrieben hatte. Im Tresor belässt er hingegen ein Schriftstück, das von George Washington, dem ersten Präsidenten der USA, signiert ist. Es handelt sich um den Friedensvertrag von 1783 zwischen Grossbritannien und den Vereinigten Staaten – und steht für rund 9000 Euro zum Verkauf.

Brandes bürgt in jedem Fall für die Echtheit. Mit gutem Grund, denn bis zu 90 Prozent der im Internet angebotenen Autogramme sind Fälschungen. Bei Brandes gibts dagegen eine lebenslange Geld-zurück-Garantie. Den Unikatsbeweis erbringt er mit grosser Akribie. Er vergleicht Daten und Handschriften. Und erkennt beispielsweise auf Anhieb, wenn das angebliche Autogramm eines Linkshänders von einem Rechtshänder gefälscht wurde.

Drei Sekunden von einem Star

«Es ist die Faszination des Jagens und Sammelns, die mich antreibt», sagt Brandes. Das Autogrammjagen hat er allerdings inzwischen weitgehend delegiert. Er hat Vertrauensleute in Los Angeles, Paris oder London, die beste Kontakte haben und sich Zugang zu einschlägigen Prominentenpartys verschaffen können. Brandes selber verbringt die meiste Zeit vor dem Computer, wo er weltweit Auktionen im Internet verfolgt. Und er besucht Fachmessen.

Letztlich geht es dem Jäger und Sammler aber um die emotionale Beziehung, die er punktuell zu einem Menschen herstellen kann, der etwas Grossartiges geleistet hat. «Was kann man Persönlicheres von einem Idol besitzen als seine Handschrift», sagt Brandes, und seine Augen leuchten. «Mit einem Autogramm ergattert man drei oder vier Sekunden aus dem Leben eines Stars.»

Und was war bisher das höchste der Gefühle? Es geschah 2006 in London, bei einem Galadiner im Rahmen einer Autogrammmesse. Brandes erhielt vom Astronauten Buzz Aldrin ein Autogramm – vom zweiten Mann, der bei der Apollo-11-Mission von 1969 kurz nach Neil Armstrong den Mond betreten hatte. Brandes erhielt aber noch viel mehr. Aldrin schrieb: «Ein kleiner Schritt gegen Autogrammfälschungen, aber ein grosser Schritt für die Sammler.» Der Mondfahrer muss geahnt haben, mit wem er es zu tun hatte: Diesen Mai wurde Brandes in England von der grössten Sammlervereinigung zum «Autograph Dealer 2010» gekürt. Den Titel erhielt er wegen seiner Verdienste im Bereich der Fälschungsaufdeckung.

«Antiquität der Zukunft»

Dass der gelernte Informatiker von seiner Leidenschaft gut leben kann, will er nicht in den Vordergrund rücken. Aber Brandes prognostiziert seiner Branche steigende Umsätze: «Je mehr die Menschen nur noch elektronisch kommunizieren, umso wertvoller wird Handgeschriebenes.» Analog zu Gemälden würden berühmte Handschriften zu einer konjunkturunabhängigen Wertanlage. «Sie sind die Antiquität der Zukunft.»

Erstellt: 03.10.2010, 22:41 Uhr

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