Analyse

Ich bin weg! An einem coolen Ort! Wirklich!

Facebook-Status war gestern. Heute drückt man seine Kreativität via Whatsapp-Status aus. Aber Vorsicht: Er sagt mehr über Sie aus, als Sie denken. Eine Typologie.

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Die Fitnesslügner

Wie man die unsportlichsten Kontakte in seinem Whatsapp-Adressbuch findet? Ganz einfach: Sie haben allesamt den Standardstatus «Im Fitnessstudio» beziehungsweise «At the gym» ausgewählt und garantiert noch nie einen Fuss in ein solches gesetzt (zumindest nicht offiziell). Wer: Männer, die nichts gegen einen Sixpack-Body, muskulöse Oberarme und eine breite Brust hätten, aber ganz offensichtlich nichts davon haben. Vermutlich, weil sie zu faul oder zu undiszipliniert sind. Das ärgert sie insgeheim, was sie jedoch nie zugeben würden. Lieber kokettieren sie betont selbstbewusst mit dem Status «Im Fitnessstudio».

Sportfans mit grossen Gefühlen

Sie richten ihr Privatleben nach Fussball- oder Eishockeyspielen aus, in ihren Agenden sind bereits alle bekannten Matchtermine von 2013 eingetragen, in ihren Autos hängen Wimpel ihres Lieblingsvereins. Logisch, drücken sie ihre überschwänglichen oder betrübten Gefühle auch via Whatsapp-Status aus: «Deutscher Meister ist nur der BVB!», «Xamaxlos», «Davos+Herz».Wer:
hauptsächlich männliche Passivsportler mit grossen Gefühlen (sofern es um ihren Verein geht).

Die Emoticons-Schleuderin

Wenn es im Whatsapp-Adressbuch farbig wird, handelt es sich fast durchwegs um eine Frau. Statt unnötig Worte zu verlieren, bringen Frauen alles mit Emoticons auf den Punkt (wenn auch nicht immer ganz klar ist, was sie damit aussagen wollen). Besonders oft zu sehen sind Tiere aller Art: Elefäntlein, Schweinchen, Hündlein, Füchslein oder Delfine. Beliebt sind auch: Rosen, Sonnenblumen oder Kleeblätter. Am allerbeliebtesten sind jedoch Kombinationen von möglichst vielen Symbolen. Wer: zu 99,99 Prozent Frauen, die immer noch das Mädchen im Herzen (oder in mehreren Herzen, verschiedenfarbig) tragen, und zu 0,01 Prozent Frauenversteher.

Die Zuckersäckchen-Poeten (Anfänger)

Warum lange studieren, wenn sich bereits jemand die Mühe gemacht hat, sich den perfekten Spruch auszudenken? Eben. Weise Worte wie «Carpe diem», «Hakuna Matata», «Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden!» oder «Jede Reise fängt im Kopf an» machen sich schliesslich nicht nur auf Zuckersäckchen gut, sondern auch im Whatsapp-Status. Wer: vorwiegend Frauen, die immer wissen, was sie auf eine Geburtstagskarte oder in ein Gästebuch schreiben sollen.

Zuckersäckchen-Poeten (Fortgeschrittene)

Mit abgelutschten Sprichwörtern geben sich diese Hobbypoeten nicht zufrieden. Sie haben sich eigene Gedanken über das Leben gemacht und sind zu folgenden Erkenntnissen gelangt: «Dolce far (so gut wie) niente», «Hemd + Aktenkoffer = Geld», «Carpe Döner» oder «Ich Velo/Zug/Tram, also bin ich». Wer: gewitzte Wortakrobaten, die insgeheim stolz auf ihre Kreation sind und diesbezügliche Komplimente erfreut zur Kenntnis nehmen.

Die Gugus-Fraktion

Verwandt mit den fortgeschrittenen Zuckersäckchen-Poeten. Bloss ergeben die Ergüsse der Gugus-Fraktion keinen Sinn. Zumindest nicht für alle anderen. Dinge wie «Hinten rechts bei der Bar-Tafel», «Chasch tschädärä loh» oder «Bum chica bum chica bum bum» stehen da beispielsweise. Die etwas Ehrgeizigeren schreiben «Kümmere dich um deinen eigenen Status» oder «App-arat». Wer: Unbekümmerte, die sich nicht allzu wichtig nehmen oder die einen gewissen Alkoholpegel erreicht haben.

Die Kulturellen

Eine weitere Sonderform der Zuckerpäckchen-Poeten. Sie sind kulturell interessiert, aber nicht zwingend selber kreativ. Deshalb bedienen sie sich für ihren Status eines Songtitels, Filmtitels oder Ausspruchs einer Berühmtheit wie «The wave is coming», «Hasta siempre», «Yo Momma» oder «Video Killed the Radio Star». Wer: meistens Männer, die bewusst oder auch unbewusst stolz auf ihr kulturelles Wissen sind. Je unbekannter der Titel/Spruch für die Allgemeinheit ist, desto verbundener fühlt er sich mit denjenigen, die den Titel/Spruch ebenfalls kennen.

Die Ferien-Angeber

Ich bin weg! An einem coolen Ort! Wirklich! Alle Welt muss wissen, dass sie nicht im heimischen Alltagstrott festsitzen, sondern entspannt irgendwo anders, wo alles besser, wärmer, sonniger ist. In ihrem Whatsapp-Status versuchen sie mit England- oder USA-Flaggen anzugeben, sie schreiben «I heart NY» oder «Nepal». Besonders fies, da optisch aufgezwungen, sind aneinandergereihte Feriensymbole ohne Worte: «Sonnenblume+Sonne+Muschel+Fisch+Fisch+Eis» oder «Sonne+Bikini+Melone+Sonnenuntergang+Palme+Klatschen+Sterne». Wer: Menschen, die bald in die Ferien reisen und sich wahnsinnig freuen. Menschen, die gerade in den Ferien weilen, die eigentlich gar nicht so toll sind, aber was sollen die Leute daheim denken? Menschen, die das Feriengefühl so lange konservieren wollen, bis der nächste Ferienkatalog im Briefkasten ist.

Die Standardmeldungs-Abänderer

08/15 soll ihre Statusbotschaft nicht sein, aber allzu viel Energie wollen sie nun auch nicht wieder dafür verschwenden. Also ändern sie einfach Whatsapp-Standardstatusmeldungen ab – Freestyle. Sie schreiben «Immer noch im Fitnessstudio» statt «Im Fitnessstudio», «Schafe» statt «Schlafe», «Nur sinnlose Anrufe» statt «Nur dringende Anrufe» oder eine Kombination von mehreren: «Am Arbeiten und mag keine Anrufe nach 20 Uhr» statt «Bei der Arbeit» und «Nur dringende Anrufe». Wer: ähnlich wie die Zuckersäcklein-Poeten (Fortgeschrittene), bloss bequemer, aber nicht zwingend unorigineller.

Die Überforderten

Sie hirnen stundenlang, was sie wohl in ihren Whatsapp-Status schreiben könnten. Aber es erscheint ihnen alles zu abgelutscht, zu plump. Mit den programmierten Standardmeldungen können sie sich nicht identifizieren. Bis ihnen etwas wirklich Originelles einfällt (was in naher Zukunft kaum der Fall sein wird), bedienen sie sich möglichst neutraler Einträge wie «***», «...», «***no status***», «Status: ?» oder benutzen irgendwelche nichtssagende Icons wie Kreise, Pfeile oder Quadrate. Oder sie lassen ihren Status leer. Damit sind sie für den Moment ganz zufrieden. Wer: selbstkritische Männer und Frauen, die sich von der Originalität der anderen etwas unter Druck gesetzt fühlen. Vor lauter Angestrengtheit fällt ihnen nichts ein. Aber das wird es bestimmt eines Tages, glauben sie zumindest.

Die mitteilungsbedürftigen Romantiker

Sie wollen ihre Gefühle der Welt mitteilen, besonders, wenn es sich um Liebe oder Schmetterlinge handelt: «In the spotlight she looks like an angel» schreiben sie oder ritzen ein «L + D <3» in die virtuelle Whatsapp-Rinde. Kaum verheiratet, platzieren sie Ehering-Icons oder Herzen, oder sie posaunen kurz nach der Geburt und bis zu zwei Jahre danach in die Runde, dass sie nun «Daddy» sind. Wer: gefühlsbetonte Männer und Frauen, die ihr Glück dem ganzem Adressbuch kundtun wollen.

Die Kontaktsuchenden

Die einen wählen den Standardstatus «Verfügbar» scheinbar zufällig, die etwas Forscheren pimpen dieses «Verfügbar» mit dem Smiley-Icon. Die nächste Stufe heisst «Zu allem bereit» oder etwas in der Art. Immer noch keine Reaktion? Da hilft nur noch «Schreib doch mal». Wer: Leute, die den Whatsapp-Status als versteckte Kontaktanzeige nutzen. Vielleicht reagiert ja irgendjemand darauf. Und falls jemand Unerwünschtes reagiert, kann man sich immer damit herausreden, dass man den Standardstatus «Verfügbar» bloss zufällig gewählt habe.

Die Bequemen

In der Anfangseuphorie haben sie sich für einen der Standardsprüche wie «Am Lernen», «Bei der Arbeit», «Im Kino» oder «Schlafe» entschieden, in der Meinung, sie würden den Status nun regelmässig wechseln. Dazu sind sie jedoch nie gekommen, und so «schlafen» einige Whatsapp-User bereits seit mehreren Jahren. Wer: alle, die den Gratis-Nachrichtendienst super finden, aber mehr auch nicht.

Die betont Lässigen und die Banausen

Man muss überhaupt nichts tun, um den Status «Hey there! I am using Whatsapp» zu erhalten. Denn der ist standardmässig programmiert, wenn die App aus dem App Store aufs Smartphone geladen wird. Wer: alle, die sich nicht um so Nebensächlichkeiten wie eine Statusangabe kümmern. Dafür sind sie zu cool. Vermutlich nutzen sie Whatsapp nicht einmal, denn es ist ihnen zu blöd, immer zwischen der SMS-App und Whatsapp hin und her zu wechseln. Oder: alle Technikbanausen, die nicht wissen, wie man den Status bei Whatsapp ändert.

Welches ist der tollste Whatsapp-Status-Eintrag in Ihrem Adressbuch? Was steht in Ihrem Status? Bitte unten eintragen.

Erstellt: 26.11.2012, 11:43 Uhr

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