Ich möchte lieber nicht

In unserer Serie beichten Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Journalisten «lässige Sünden». Heute: Absagen.

Nein, danke: «Todesengel» Amanda Knox in einer amerikanischen TV-Show.

Nein, danke: «Todesengel» Amanda Knox in einer amerikanischen TV-Show. Bild: Keystone

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Einladung ist das hier keine. Ausladung dafür schon. Es ist eine Abfuhr sozusagen, eine Aufforderung weiterzublättern, hier, jetzt dieses Geständnis: «I would prefer not to.» Es ist die Maxime von Bartleby, dem Schreiber, jener Figur von Herman Melville, welche die Utopie von der grossen Handlungsfreiheit ad absurdum führt.

Bartleby, so geht die Geschichte, nimmt seinen Schreibdienst in einem Büro der Wallstreet auf. Er arbeitet in einem lichtlosen Raum, Wände, Wände, Wallstreet eben. Bartleby ist zwar einsiedlerisch, spricht kaum, isst nie, doch er ist freundlich, so freundlich, wie es habituelle Jasager gewohnheitsmässig sind. Er ist arbeitsam, fleissig, unauffällig, bis zu dem einen ersten Mal, als er seinen Chef auf einen Dienstbefehl hin mit einer Antwort vor den Kopf stösst: «Ich möchte lieber nicht.»

Sein Satz ist der Satz, der hier stehen soll: Ich möchte lieber nicht. Nein, ich möchte lieber nicht. Morgens nicht und mittags nicht und abends ganz besonders. Ich möchte lieber nicht – und das ohne Ausnahme. Ich möchte lieber nicht von Herzen, mit ganzer Kraft und mit freudloser Bestimmtheit. I would prefer not to – und vor allem möchte ich hier lieber nicht «ich» sagen müssen. Drei Buchstaben als Selfie-Stick: Ich bin ich! Und das ist mein Wert auf dem Markt. Ja, man ist dieser habituelle Jasager, und darum sagt man hier Nein.

Ist es eine Sünde, lieber nicht zu wollen? Wenn es eine Sünde ist, dann ist es die Sünde zur Befreiung. Soll Griechenland den Euro verlassen, Günther Jauch als Tierpfleger arbeiten, Amanda Knox an seiner Stelle die Talkshow moderieren, soll die Globalisierung Transparenz bringen, Amerikas Wirtschaft langsamer wachsen und am Handgelenk eine Apple-Watch tragen, soll in Vals Europas höchstes Haus stehen und vor dem Gotthardtunnel der Ferienstau... Man möchte lieber nicht. Man möchte es nicht wissen. Denn wer weiss, soll eine Meinung dazu haben. Man möchte keine Meinung haben. Man möchte lieber nicht.

Wenn man alles darf, alles dürfen muss, alles dürfen soll, dann soll man auch nichts dürfen wollen, nicht wahr? Wenn man alles sein darf, alles sein soll, dann soll man auch nichts sein dürfen, oder? Das ist Freiheit. Erst das ist Freiheit. Und natürlich ist Freiheit eine Sünde. Das steht schon in der Bibel. Denn wer ans Paradies glaubt, der muss auch an die Sünde glauben. Ins Paradies für Ungläubige kommt man mit nur einem Satz: Ich möchte lieber nicht.

Mit diesem Beitrag geht die «Lässige Sünden»-Kolumne zu Ende. Vielen Dank fürs Mitlesen!

Erstellt: 14.04.2015, 09:59 Uhr

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