«Ich möchte mit allem dem geliebten Schweizervolk dienen»

Iwan Iljin, Wladimir Putins «geistiger Vater», lebte, schrieb und publizierte 16 Jahre lang in der Schweiz.

Ein Vordenker für Wladimir Putin: Iwan Iljin als «Denker» im Porträt von Michail Nesterow (1921/22). Foto: Russisches Museum

Ein Vordenker für Wladimir Putin: Iwan Iljin als «Denker» im Porträt von Michail Nesterow (1921/22). Foto: Russisches Museum

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Sucht man auf Wikipedia nach Iwan Iljin, erscheint ein Bild, das irritiert: Ist der in einen Mantel gehüllte Mann mit seinem runden Schädel und dem Spitzbärtchen am markanten Kinn etwa Lenin? Nein, es ist nicht Lenin, sondern eines seiner Opfer – und heute eine der wichtigsten Referenzfiguren des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Denn Iljins Werk liefert Putin die geistig-philosophische Basis für die Restauration seines Landes: autoritäre Staatsordnung, Orthodoxie, virulenter, hauptsächlich gegen den Westen gerichteter Nationalismus.

Iwan Iljin war ein ausserordentlich fleissiger, produktiver und zielstrebiger Mann. An der Moskauer Universität studierte er Rechtswissenschaften und machte danach in seiner akademischen Karriere rasch Fortschritte. Seine Bücher und Aufsätze behandelten hauptsächlich rechtsphilosophische Fragen, in seinen Seminaren analysierte er mit den Studenten Spinoza, Kant, Hegel, Fichte. Der Ausbruch der Revolution stoppte den Aufstieg des damals 34-Jährigen. Iljin, der konservative, im orthodoxen Glauben verhaftete Monarchist, stellte sich auf die Seite der Menschewiki. Nach dem Bürgerkrieg bürgerten ihn die Bolschewiki 1922 aus und verfrachteten ihn mit Hunderten anderen Gelehrten auf das «Philosophenschiff», das Kurs Richtung Deutschland nahm.

Ferien in Locarno

Die Zerstörung ihres «heiligen Russland» stürzte diese Emigranten in ein ­Vakuum. Man träumte von Wiedergeburt, man suchte nach Mitteln und Wegen, den gottlosen Bolschewismus auszuhebeln. Als sich in den 20er-Jahren die faschistischen Ideen ausbreiteten, wähnten manche unter ihnen, es sei Rettung in Sicht. Zu ihnen gehörte auch Iwan Iljin. Über jene Phase seines Lebens schrieb die aus Moskau stammende Publizisten Sonja Margolina kürzlich in der «Neuen Zürcher Zeitung»: «Im Faschismus sah er eine gesunde Reaktion auf den ‹linken Totalitarismus› und pries 1933 Hitler als Verteidiger Europas gegen die bolschewistische Barbarei.»

Iljin setzte seine Karriere nun in Deutschland fort, ergänzt durch eine intensive, gegen den Bolschewismus gerichtete publizistische Tätigkeit. Offenbar wurden seine Lebens- und Arbeitsbedingungen aber zunehmend prekär, jedenfalls beschloss er im Sommer 1938 in Locarno, wo er seine Ferien verbrachte, in der Schweiz zu bleiben. Seinem Aufenthaltsgesuch fügte er ein umfangreiches Curriculum bei, das sich liest wie das Bewerbungsschreiben eines ebenso selbstbewussten wie selbstgerechten und ziemlich raffinierten Kandidaten. Iljin präsentierte sich als die Verkörperung von Lauterkeit und Objektivität und beteuerte, er könne einer ihm «fremden, autoritativ vorgeschriebenen Weltanschauung» und ganz besonders einer Rassendoktrin nicht huldigen; fühle er sich doch dazu berufen, Wahrheit und Gewissensfreiheit über alles zu stellen.

Es fällt auf, wie er diese Begriffe wiederholt in den Vordergrund rückte, ganz so, als wäre er umweht vom starken Atem der Aufklärung. Sein Schreiben rundete er mit einer Liebeserklärung ab: «Ich möchte mit allem, was ich weiss und kann, dem stets von mir geachteten und geliebten Schweizervolk dienen.» Die Schweizer Behörden erteilten die Aufenthaltsgenehmigung, und das in privilegierter Form, wurde ihm doch keine Ausreisefrist gesetzt. Nicht alle Funktionäre in den kantonalen und eidgenössischen Bürokratien beurteilten diesen Emigranten jedoch als Mann ohne Fehl und Tadel. Die einen misstrauten seiner Selbstdarstellung, andere witterten in ihm gar einen Gestapo-Agenten. Ein Aktenvermerk hält ferner fest, sein Buch «Welt vor dem Abgrund» (1931) werde in Nazi-Schulungskursen verwendet, auch in der Schweiz.

Bei den Akten liegt auch eine Notiz über Personen im Umfeld Iljins. Erwähnt ist der Zürcher Romanistikprofessor Theophil Spoerri, Mitbegründer und erster Präsident des Gotthardbundes, der Freimaurer und Juden ausschloss und Ideen einer autoritären Demokratie anhing. Zu Iljins Kreis zählte auch der Luzerner Anwalt Albert Riedweg, der sich in rechtsgerichteten Kreisen bewegte und von der Politischen Polizei überwacht wurde. Seine Haltung war aber nicht derart radikal wie die seines Bruders Franz Riedweg, jenes Schweizers, der es im Nazistaat am weitesten gebracht hatte, nämlich zum Obersturmbannführer in der Waffen-SS.

Als besonders engagierter Förderer Iljins erwies sich Pfarrer Rudolf Grob, Mitglied des Bundes für Volk und Heimat und einer der Erstunterzeichner der «Eingabe der 200», die 1940 vom Bundesrat eine den Nazis gewogene Politik verlangte. Grob hatte Iljins Aufnahmegesuch mit einem warmen Empfehlungsschreiben unterstützt.

Zuspruch vom Zensor

Im Zweiten Weltkrieg belegten die Schweizer Behörden Emigranten, die arbeiten, publizieren oder Vorträge halten wollten, mit äusserst restriktiven Vorschriften oder verboten ihnen ganz, aktiv zu werden. Philosoph Iljin hielten sie aber an der langen Leine. Ihm wurde gestattet, an Volkshochschulen, in Kunstkreisen oder Studentenverbindungen Vorträge zu halten. 1942 bemühte er sich, seine Vorlesungsreihe «Die Seele, der Glaube, der geschichtliche Werdegang Russlands» zu publizieren.

Interessant ist, wie die zuständige Zensurbehörde, die Abteilung für Presse und Funkspruch, Sektion Buchhandel, sein Gesuch einstufte. Der beigezogene Experte hielt fest, Iljin stelle Russland als tief religiös dar, sodass der Leser das Gefühl bekomme, Europa habe von Russland, dessen Orthodoxie den Unglauben überdauert habe, nicht den Bolschewismus, sondern eine Erneuerung des Christenglaubens zu erwarten. Russland sei also keine Bedrohung Europas, sondern eine Hoffnung. Weiter hielt der Experte fest, Iljin trete «für das Russland vor 1913» ein und mache geltend, seine Heimat, die bescheidene imperiale Ziele hege, sei seit Jahrhunderten von allen Seiten angegriffen und als mögliche Kolonie gewertet worden. Das Fazit des Experten: Iljins Buch sei «national in dem Sinn, dass es sich gegen den gesamten Westen richtet». Sein Zensurantrag: «Das Buch ist zuzulassen.»

Iljin durfte also publizieren, und bei Kriegsende 1945 wurde ihm auch erlaubt, offizieller Mitarbeiter der überparteilichen Zeitschrift «Der Ausgleich» zu werden, die sich für eine sozialethische Wirtschaftsgestaltung einsetzte. Die Bundesanwaltschaft, die neben drei anderen Amtsstellen um ihre Meinung gebeten wurde, reagierte auf das Gesuch geradezu euphorisch. Zwar sollten Emigranten solche Bewilligungen grundsätzlich nicht erteilt werden, schrieb sie, doch was Iljin anbelange, handle es sich um einen Wissenschaftler von Format, der als einer der bedeutendsten Sozialethiker der Gegenwart in unserem Lande angesehen werde.

Emigrant Iljin stand nicht zuletzt deshalb ein weites Betätigungsfeld offen, weil er es vermied, Staaten und ihre Akteure direkt zu kritisieren, sondern die Probleme auf philosophischer Ebene ­abhandelte. Diese geschickte Distanznahme rapportierten jedenfalls jene Informanten der Politischen Polizei, die seine Vorträge inkognito besuchten. Als bald nach Kriegsende die Zeit des Kalten Krieges anbrach, war antikommunistische Aktivität ohnehin nicht mehr verdächtig. Vor 60 Jahren, am 21. Dezember 1954, starb Iljin und wurde in Zollikon begraben.

Rückkehr nach Russland

Doch zurück zu seinem grosse Widersacher Lenin. So unterschiedlich ihre Bedeutung und Ziele waren, so gibt es zwischen den beiden auch gewisse Parallelen. Lenin wie Iljin hielten nichts von Demokratie, Liberalismus und Neutralität. Beide aber liessen sich, als sie in Bedrängnis waren, im neutralen Kleinstaat Schweiz nieder, in dessen Schutz sie an den Heilslehren für ihr Grossreich arbeiteten.

Lenin verliess unser Land 1917 in einem plombierten Eisenbahnwagen und machte in Russland Revolution. Iljins Werk kehrte erst in jüngerer Zeit nach Russland zurück und revolutioniert dort die Köpfe der neuen Elite. Und eine weitere Ironie der Geschichte: Wenn der frühere Geheimdienstoffizier Putin einst dem grossen Lenin die Reverenz erwies, so verbeugt sich der heutige Präsident Putin vor Iwan Iljin an seiner letzten Ruhestätte im Donskoi-Kloster bei Moskau. Denn dorthin kehrten, angeregt durch Regisseur Nikita Michalkow und finanziert durch Oligarch Viktor Vekselberg, die sterblichen Überreste des Philosophen im Jahr 2005 zurück.

* Der Historiker Jürg Schoch arbeitete von 1981 bis 2002 als Redaktor beim TA. Sein Text stützt sich auf die einschlägigen Dossiers des Schweizerischen Bundesarchivs in Bern. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.12.2014, 18:29 Uhr

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