Ihre stärksten zwei Minuten

Vincent Veillon und Vincent Kucholl machen seit drei Jahren beste Satire am Radio. Am Freitag ist Schluss.

Les deux Vincents machten die Morgensendung am Westschweizer Radio Couleur 3 in den letzten drei Jahren zum Genuss.

Les deux Vincents machten die Morgensendung am Westschweizer Radio Couleur 3 in den letzten drei Jahren zum Genuss. Bild: Keystone

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Man möchte sie anschreien, die beiden beschimpfen, ihnen die Meinung so richtig sagen. Doch dafür ist das Französisch nicht gut genug.

Man möchte sie umarmen, die beiden anflehen, auf ihren Entscheid zurückzukommen, ihnen zu verstehen geben, was sie einem bedeuten. Doch dafür ist es nun zu spät.

Nach mehr als drei Jahren und über 500 Sendungen von «120 secondes» ist Schluss, Vincent Veillon und Vincent Kucholl sind am Ende, «müde, ausgelaugt, usé». Jeden Morgen um 7.50 Uhr senden sie ein fingiertes Interview und stellen das Video davon ins Internet. Fast jeden Morgen sind sie lustig, mindestens einmal pro Woche sind sie brillant.

«120secondes – l’invité de la rédaction» funktioniert seit Beginn gleich. Vincent Veillon (28, rechts), der die Morgensendung auf dem Westschweizer Radio Couleur 3 moderiert, gibt den seriösen Journalisten. Er befragt Experten aller Art: Politiker, Geistliche, Junkies, Handwerker, Manager, Kultursachverständige et cetera. Deren Part übernimmt Vincent Kucholl (38, links), studierter Polito­loge und ausgebildeter Schauspieler. Seine Verkleidungen sind aufwendig: Karl-Heinz Inäbnit von der Armee trägt Tarnanzug, Sozial­hilfeempfänger Gilles Surchat eine dicke Brille, zahllose Figuren tragen Perücke. Und alle Deutschschweizer Schnauz. Ihre Namen finden Vincent und Vincent so: Sie konsultieren das Impressum der NZZ und kombinieren frei Vor- und Nachnamen.

Jeden Morgen feilen Veillon und Kucholl zwei, drei Stunden an den Texten, immer nehmen ihre Sketches Bezug auf die Aktualität. Sie sprechen von den intensivsten drei Jahren ihres Lebens, sagen, dieser Rhythmus sei ermüdend. In Wahrheit ist er mörderisch. Wenn sie in der Sendung über ihre eigenen Witze lachen müssen, empfinden sie das als Fehler, als unprofessionell. Aber es sind just jene Momente, die verraten, wie sehr sich die beiden verstehen und mögen.

Seit einem Jahr sind sie zudem mit einem Bühnenprogramm auf Tournee. «120 secondes présente: La Suisse» ist eine Lektion in Staatskunde, gestört von bekannten Figuren aus Funk und Youtube. Bisher waren all ihre Vorstellungen ausverkauft – auch die ­in der Deutschschweiz. Im Oktober werden sie den Franzosen in Paris unser Land erklären.

Was erstaunlich ist: Es gibt kaum Kritik, weder an den Sendungen noch an der Bühnenshow. Eigentlich sei das überraschend, sagt Vincent Kucholl, in der Regel ermutige Erfolg die Leute, zu kritisieren. Weshalb das so ist, hätten sie oft diskutiert, ohne eine wirkliche Antwort zu finden.

Was nach der Sendung am Radio kommt, war vorhersehbar: eine Sendung am Fernsehen. Anfang 2015 erhalten Vincent Veillon und Vincent Kucholl einen Platz im Samstagabendprogramm von RTS. Geplant ist ein satirischer Wochenrückblick.

Ihre letzte Radiosendung – das Unglück fällt auf einen Freitag den 13. – wird ausnahmsweise nicht live sein. Es werden die Figuren verabschiedet, die in den letzten drei Jahren regelmässig aufgetreten sind. Wir werden sie vermissen. Die beiden Vincents auch.

Au revoir. Und merci beaucoup.

Erstellt: 10.06.2014, 07:22 Uhr

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